Kino : Das Küchenkarussell

Köstlich: Im Trickfilm „Ratatouille“ wird eine Ratte zum Spitzenkoch

Sebastian Handke

Ratten in der Küche. Erst eine, dann ganz viele. Und sie schauen nicht mal eben nur vorbei, um Reste mitgehen zu lassen, nein, es ist viel schlimmer: Sie machen sich am Essen zu schaffen. Nicht gerade appetitlich, was das Pixar-Studio („Finding Nemo“) da anrichtet, in einem Film, der herrlich paradox von der Leidenschaft fürs Schöne erzählt: beim Künstler, beim Publikum und – ja, selbstverständlich – auch beim Kritiker.

Denn diese Ratte ist aus der Art geschlagen. Remy verfügt über einen hoch entwickelten Geschmackssinn und mag keinen Müll mehr essen. Er pflegt den aufrechten Gang, damit seine Esspfoten den Boden nicht berühren, und bringt sich selbst die hohe Kunst des Kochens bei. „Nicht jeder kann zum Künstler werden“, wird später jemand sagen. „Aber Kunst kann von überall kommen.“

In der Küche des Pariser Sterne-Restaurants „Gusteau“ trifft Remy auf den ungeschickten Küchenjungen Linguini. Gemeinsam werden sie zu Frankreichs bestem Koch: „Du kannst kochen“, sagt Linguini, „und ich kann aussehen wie ein Mensch“. Wie ein Puppenspieler sitzt Remy heimlich unter Linguinis Kochmütze und dirigiert die Bewegungen des schlaksigen Körpers, ein herrliches odd couple in Paris, das erst noch lernen muss, wie sehr man aufeinander angewiesen ist, argwöhnisch beäugt vom nervösen Küchenchef Skinner.

Pixar-Filme unterschieden sich immer schon von Filmen wie „Shrek“ oder „Ice Age“, weil sie keine billigen Witze machen, sondern Geschichten von Figuren erzählen, die Herz und Seele besitzen – und manchmal sogar psychologisches Profil. „Ratatouille“ wirkt wie ein kleiner, unbeschwerter Film und ist doch Pixars vielschichtigstes Werk, so voller Details, dass man gar nicht weiß, wo man hingucken soll. Zugleich glänzt der Film mit herrlich balletösem Slapstick wie aus Hollywoods Stummfilm-Ära und mit wilden Jagden über Häuserwände, durch Abwasserkanäle und ein prächtig leuchtendes Paris.

Das Kameraauge bleibt dem leichtfüßig dahinflitzenden Nager dicht auf den Fersen bei seinem Weg durch eine für Menschen gemachte Welt; ein Labyrinth und Gefahrenpark für kleinwüchsige Felltiere. Es ist ein köstlich arrangiertes Chaos, vor allem in den – sorgfältig recherchierten – Küchenszenen, wo die Akteure sich blind zur Hand gehen müssen und zugleich aus dem Weg: ein wildes Karussell aus Armen und Beinen, Löffeln, Töpfen und riesigen Kochmützen zwischen dampfenden Kesseln, klirrendem Geschirr und schwingenden Türen.

Jede Bewegung – sei es die einer Figur, sei es die der Kamera selbst – ist von pixar-typischer, flüssiger und musikalischer Gewandtheit: Sie wirkt natürlich, obwohl sie ganz und gar künstlich ist. Mit dem sogenannten MotionCapture-Verfahren anderer Studios, bei dem echte Darsteller dem Computer etwas vorturnen, kann sie nicht erzeugt werden; sie muss frei erfunden und gestaltet sein. „Unsere Qualitätsgarantie: 100 Prozent echte Animation“, steht daher im Abspann als Insider-Gag zu lesen. Ein Seitenhieb gegen die Konkurrenz – und einen zukünftigen Kollegen. Robert Zemeckis („Polar Express“) baut für Disney gerade ein neues Studio auf, das sich ganz auf Motion-Capture spezialisieren soll – für jenen Konzern also, der sich vor Jahresfrist das Pixar-Studio einverleibte, weil ihm selbst nichts mehr einfällt.

Pixar, bis zu seinem Aufkauf so etwas wie der Independent unter den Animationsstudios, hat sich seine künstlerische Freiheit auch dort bewahrt. Darüber sind nicht alle glücklich. Weil Pixar gegenüber der glücklosen, hauseigenen Animationsabteilung stark bevorzugt wird, so drang kürzlich nach außen, käme einigen bei Disney ein Pixar-Misserfolg nicht ungelegen – für die Hierarchie innerhalb des börsennotierten Disney-Konzerns hätte das vermutlich sofort Konsequenzen. Und manche meinen auch, mit „Ratatouille“ sei es schon so weit. Zwar wurde das Richtmaß von 200 Millionen in den USA eingespielten Dollar gerade so geschafft, ein Ergebnis übrigens, von dem viele in Hollywood nicht mal mehr träumen. Doch die Erwartungen an Pixar sind nach „Nemo“ und „Die Unglaublichen“ viel höher. „Ratatouille“ ist ein wunderbarer Film und ganz gewiss Pixars größter künstlerischer Erfolg – aber auch das erste Werk des Studios, das nicht zu den fünf meistbesuchten Filmen seines Jahrgangs gehören wird. Die feine Balance, mit der Pixar stets Kinder und Erwachsene zugleich anspricht, schlägt diesmal leicht zugunsten älterer Zuschauer aus.

An den Kritiken kann es jedenfalls nicht gelegen haben. Seit „The Iron Giant“ wird Regisseur Brad Bird („Die Unglaublichen“) von den Kritikern geliebt, und er bedankt sich, indem er dem Berufsstand den Restaurant-Kritiker Anton Ego schenkt. Ego ist eine lebensferne, aristokratisch-arrogante Dracula-Gestalt und wird im Original von der sinistren, in unmenschliche Tiefen vorstoßenden Stimme des großen Peter O'Toole gesprochen. „Wenn Sie gerne essen, warum sind Sie dann so dünn?“ wird er einmal gefragt. „Weil ich das Schlechte nicht schlucke“, donnert er zurück.

Egos Wiedererweckung aus der Starre abstumpfender Berufsjahre ist der schönste Moment in „Ratatouille“: Sein plötzliches Staunen bringt der Film in einer bewegenden Sequenz zum Ausdruck, die dem steif und grau gewordenen Mann eine erstaunliche Würde verleiht – für alle Berufsnörgler eine eindringliche Erinnerung daran, was die Leidenschaft antreiben sollte: das Vergnügen an der Entdeckung des Schönen und Ungewohnten. Selbst wenn das bedeutet, dass man sich von einer Ratte das Mahl richten lässt.

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben