Kino : Der erste Tango in Paris

Wiederentdeckt: Philippe Vallois’ „Johan“

Frank Noack

Die Franzosen gelten als frivol, wenn nicht gar als die Erfinder der Erotik. Andererseits hat kein führendes Filmland die Erfolge der Frauen- und der Schwulenbewegung so beharrlich ignoriert wie Frankreich: Wer an Godard und Chabrol vorbei auf die Routiniers aus der zweiten Reihe blickt, entdeckt ein erschreckendes Maß an Sexismus und Homophobie, beides platt und völlig unironisch. Der bekannteste französische Film zum Thema ist die Boulevardkomödie „La Cage Aux Folles“ (1978). Botschaft: Schwule verdienen Toleranz, wenn sie albern und asexuell sind.

Es geht auch anders. Oder sollte man sagen: Es ging auch anders – nur wollte es niemand sehen? Philippe Valois’ 1976 in Cannes uraufgeführter Film „Johan“, der heute ungekürzt seinen deutschen Kinostart erlebt, verschwand damals gleich in den Archiven. Er war zu heiß für seine Zeit. Strukturell ist „Johan“ traditionelles Erzählkino: Ein Regisseur namens Philippe will einen Film über seinen Liebhaber Johan drehen, der gerade im Knast sitzt – und erlebt auf der Suche nach dem passenden Darsteller zahlreiche sexuelle Abenteuer. Experimentell und kunstbeflissen dagegen ist die visuelle Umsetzung geraten. Da wechseln farbige, schwarzweiße und blaustichige Bilder einander ab, die Filmmusik lieh man sich von Anton Bruckner, und wertvolle Gemäldesammlungen bilden das Dekor.

Die Menschen wiederum bewegen sich, Hauptreiz von „Johan“, mit unprätentiöser Redelust, ansteckender Natürlichkeit und viel Charme durch das erlesene Ambiente – während deutsche und amerikanische Schwulenfilme jener Zeit überwiegend von trüben Tassen bevölkert sind, die Männlichkeit mit Humorlosigkeit verwechseln.

Bemerkenswert auch der Blick auf die Frauen in „Johan“: Sie sind nicht – wie sonst im Schwulenfilm – nur dazu da, den Mann in seinem Schwulsein zu bestätigen. Im Gegenteil: Vallois lässt eine begehrenswerte blonde Frau nackt durchs Bild laufen oder im geöffneten Overall auf dem Sofa sitzen. Sexueller Separatismus und Ghettomentalität interessieren ihn nicht. Araber und Schwarze, Tunten und Normalos, Romantiker und Sadisten werden gleichgestellt.

Nur eines ist „Johan“ nicht – das Dokument der wilden, unbeschwerten Zeit vor Aids, als das der Verleih die schöne Trouvaille zu präsentieren sucht. Dafür ist der Film denn doch nicht wild genug. Keine einzige Darkroom-Orgie, nur zärtlicher Sex zu zweit. Das Einzige, das heute kulturell exotisch anmutet, sind die Kostüme: knallenge Hosen, aus denen Hüftknochen hervorstechen und bis zum Bauchnabel offene Hemden, selbst beim Kaffee mit Muttern. Diese Mode ist nicht wiedergekommen, und das ist auch besser so. Frank Noack

International, Moviemento (jeweils OmU); heute, 21 Uhr im Moviemento, mit einer Einführung von Wieland Speck

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