"Der ganz große Traum" : Kick it like Kaiser

Wie der Fußball nach Deutschland kam: Daniel Brühl als Lehrer Konrad Koch in „Der ganz große Traum“. Er war der erste deutsche Lehrer, der Fußball unterrichtete und damit das „Stubenhockertum“ der jungen Generation bekämpfen wollte.

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Dribbelkünstler. Lehrer Konrad Koch (Daniel Brühl) zeigt seinen Schülern den eleganten Umgang mit dem Leder.
Dribbelkünstler. Lehrer Konrad Koch (Daniel Brühl) zeigt seinen Schülern den eleganten Umgang mit dem Leder.Foto: Senator

Die Schüler sind verwirrt. So einen Lehrer haben sie hier noch nie gesehen. „Lächelt der etwa?“, fragt ein Junge. „Vielleicht eine Kriegsverletzung“, antwortet sein Sitznachbar. Ja, Konrad Koch (Daniel Brühl) ist anders als die anderen Lehrer, die 1874 am Gymnasium Martino-Katharineum in Braunschweig unterrichten. Er hat ein paar Jahre in England gelebt, trinkt nachmittags Tee, begrüßt seine Untertertia mit den Worten „Good morning, gentlemen“ – und lächelt tatsächlich manchmal.

Er soll den Jungen Englisch beibringen. Doch die halten das für eine idiotische Idee. Warum sollte man die Sprache eines „barbarischen“ Landes lernen, in dem die Menschen rohes Fleisch mit Pfefferminzsoße essen? Außerdem wird die Insel ohnehin bald von Deutschland erobert. Konrad Koch tut sich schwer, den Burschen etwas beizubringen, bis er schließlich auf die Idee kommt, den Unterricht in die Turnhalle zu verlegen. Dort präsentiert er der Klasse seinen wertvollsten England-Import: einen Fußball. Im Land von Turnvater Jahn ist das ein noch völlig unbekanntes Flugobjekt.

Dem Reiz des Fußballspiels können die Jungen nicht lange widerstehen – sie kicken mit zunehmendem Eifer und Geschick, lernen dabei englische Worte und haben wahrscheinlich zum ersten Mal Spaß in der Schule. Das passt nun nicht gerade zu den Maximen von Gehorsam und Disziplin, die im deutschen Schulwesen der Kaiserzeit herrschen. Schon bald bekommt Koch Ärger – doch er hat etwas in den Jungen erweckt, das sie sich nicht mehr nehmen lassen wollen.

Konrad Koch hat es wirklich gegeben. Er war der erste deutsche Lehrer, der Fußball unterrichtete und damit das „Stubenhockertum“ der jungen Generation bekämpfen wollte. Auf seiner Geschichte, die dramaturgisch zugespitzt und stark gerafft wurde, basiert Sebastian Groblers Kinodebüt „Der ganz große Traum“. Einen großen Teil seines Witzes bezieht der Film aus der heutzutage völlig absurd erscheinenden Tatsache, dass Fußball einmal als „undeutsches“, „anarchistisches“ Spiel galt, das in manchen Landesteilen sogar verboten war. Dass genau hundert Jahre vor dem WM-Titel der bundesdeutschen Nationalmannschaft Kinder nicht wussten, was ein Tor ist, wirkt schon recht exotisch. Auch die von schwarzer Pädagogik geprägte, angsterfüllte Schulatmosphäre erscheint unendlich fern, wobei Grobler mit „Feuerzangenbowlen“Humor dafür sorgt, dass der Ton nie zu ernst wird. Geschickt mischt er zudem zwei kleine Liebesgeschichten und die Klassenfrage in seine unterhaltsame Komödie hinein.

Der Direktor der Schule hat ein fortschrittliches „Volksbildungsprogramm“ aufgelegt, das auch einzelnen Arbeiterkindern den Besuch des Gymnasiums ermöglicht. Burghart Klaußner spielt diesen Schulleiter wie einen sanftmütigen Verwandten des strengen Pastors, den er in Michael Hanekes „Das weiße Band“ verkörperte. Im Kollegium ist der Direktor Konrad Kochs einziger Verbündeter, der allerdings abhängig ist vom mächtigen Förderkreisvorsitzenden Richard Hartung (Justus von Dohnányi). Und der findet, dass Fußball „weibisches Getrete“ ist. Er fordert ein Verbot. Wie die Kinder – darunter Hartungs eigener Sohn – es dennoch schaffen, ihre neue Leidenschaft zu verteidigen, ist anrührend und witzig zu sehen. Es kommt sogar ein bisschen „Club der toten Dichter“-Stimmung auf, als alle im Klassenraum nach und nach aufstehen, um ihre Solidarität zu einem Mitschüler zu zeigen.

Und beim großen Finale erklärt ausgerechnet eine Frau dem Publikum am Spielfeldrand die Abseitsregel. Visionär!

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