Kino : Der letzte Rock ’n’ Roll-Ritter

„The Future Is Unwritten“: Julian Temple porträtiert den Clash-Sänger Joe Strummer

Kai Müller

„Ich konnte nicht begreifen“, sagt der Mann mit dem traurig-entschlossenen Blick, „dass wir zu den Leuten wurden, die wir zerstören wollten.“ Es ist der Schlüsselsatz in Julien Temples aufschlussreichem Filmporträt über Joe Strummer, den Sänger der erfolgreichsten Punkband, die es je gab. Nicht, dass der Satz überraschend käme. Seit die Popkultur sich über Rebellion und Abgrenzung definiert, scheitern ihre Helden immer wieder an dem Dilemma, Widerstand und Selbstvermarktung in Einklang zu bringen. Auch Punk war davor nicht gefeit. Der Schock saß tief, den „The Great Rock’n’ Roll Swindle“ auslöste. Der Filmtitel wurde zum geflügelten Wort für die Implosion der Punk-Ära. Damit war schon 1979 alles gesagt.

Dennoch wendet sich Filmemacher Julien Temple, der mit seiner 16-Millimeter-Kamera die Entstehung der Londoner Punk-Szene begleitet und das „Swindle“-Manifest gedreht hatte, ein Vierteljahrhundert später noch einmal einem der wichtigsten Protagonisten jener Zeit zu. „Joe Strummer – The Future Is Unwritten“ ist mehr als nur das einfühlsame Porträt eines Musikers, der eine ganze Generation gefesselt, animiert und verstört hat und 2002 im Alter von 50 Jahren überraschend an einem Herzfehler starb. Es ist auch mehr als eine Nachhilfestunde in Popgeschichte. In der 114-minütigen Spurensuche werden geschickt die subtilen Spannungslinien herausgearbeitet, die Strummer in sich vereinigte und oft vergeblich aufzulösen versuchte.

„Für mich ist er ein Philosoph“, sagt Temple und inszeniert die Erinnerung an Strummer voller Verehrung für den Kopfmenschen, der seine Intelligenz hinter einer rauen, proletarischen Attitüde verbarg. Da das Lagerfeuer eine Kunstform für ihn war, knistert und lodert es nun allerorten in Temples Hommage. Eine Armada prominenter Zeitzeugen wie Jim Jarmusch, John Cusack, Johnny Depp und Martin Scorsese wird um die „Campfire“ versammelt, um Strummers historische Bedeutung zu bezeugen – „Ideen wurden wichtiger als Songs“(Bono). Aber im Zentrum stehen die Erzählungen seiner Freunde, die das mythische Bild vom Rebellen durch ein vielschichtigeres, liebevolleres ersetzen.

Joe Strummer kam 1952 als zweiter Sohn eines indischstämmigen Diplomaten in der Türkei zur Welt. In seinen Adern floss mütterlicherseits auch schottisches Blut, was die Hartnäckigkeit erklären mag, mit der er sich öffentlicher Anerkennung zeitlebens widersetzte. Die Familie folgte den Regierungsgeschäften des Vaters nach Persien, Ägypten und Mexiko. Sein älterer Bruder und er werden als Grundschüler aufs Internat geschickt. Er ist beliebt und gewinnt unweigerlich das Vertrauen seiner Mitschüler . Der Bruder, ein unglückliches Kind, stirbt früh an einer Überdosis Schlaftabletten.

Temple kontrastiert diese frühen Jahre polemisch mit Ausschnitten aus der „Farm der Tiere“, um das steife, britische Züchtigungssystem zu illustrieren, in das die Musik der Rolling Stones einbricht als „Sound einer anderen Welt“ (Strummer). Das wäre nicht nötig gewesen. Und es verstellt zudem die Aussicht auf Strummers eigentliches Problem. Als er sich mit 19 an der Kunsthochschule einschreibt, um Cartoonist zu werden, fühlt er sich wie jemand, „der Anfang der Siebziger ein Schlachtfeld betrat, zwölf Stunden, nachdem der Kampf vorüber war“. Desillusionierung wird mehr und mehr Besitz ergreifen von dem Späthippie, der Häuser besetzt, in einer Teppichfabrik und als Totengräber arbeitet und seine spärlichen Tagesgagen als Musiker an einen Geldfonds für Hausbesetzer abführt.

Seine Band, die 101ers, veröffentlichen 1976 ihre erste Single. Sie wird von den Sex Pistols weggefegt. Dankbar nimmt Strummer deshalb das Angebot von dem umtriebigen Manager Bernie Rhodes an, bei The Clash einzusteigen. Viele Weggenossen düpiert er mit diesem Schritt. Auch sein Aussehen verändert sich radikal. Der üppige Lockenkopf verschwindet, Lederjacken, kurze Haare und eine demonstrative Verachtung kleiden ihn fortan szenegerecht. The Clash machen Ende der siebziger Jahre aus einer wilden und ungenießbaren Subkultur ein Pop-Spektakel für die Massen.

Ihr Kopf und „Warlord“ Strummer leidet schnell unter diesem Widerspruch. Das belegen lakonische Interviews, in denen sich auch Sätze finden wie: „Ich würde einem Freund niemals Geld stehlen, aber seine Freundin würde ich mir nehmen.“ Der Erfolg höhlt ihn künstlerisch aus. Nach dem Zerfall der Band, die mit „London Calling“ und „Sandinista“ Meilensteine der Rockhistorie veröffentlich hat, braucht er lange, um sich zu finden. Seine Solokarriere betreibt er halbherzig „wie jemand, der sich in den Fuß schießt“ (Courtney Love). Zeitweilig hilft er bei den Pogues aus, was einer Reha-Kur gleicht. Schließlich stellt er die Mescaleros zusammen und frönt seiner Lust, fremde musikalische Kulturen nach unverbrauchter Energie zu durchstöbern.

Ist Strummer ein Wegbereiter? Temples Film deutet es an. Zweifellos war er weitsichtiger und klüger, als man gemeinhin annimmt. Und ein Pfundskerl noch dazu. Aber am erstaunlichsten ist seine tiefe Verwurzelung in einem Idealismus, den selbst die Nivellierungsmacht des Pop nicht ausradieren kann.

Central, Filmtheater am Friedrichshain, Kulturbrauerei, Moviemento, Neue Kant Kinos, York (alle OmU)

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