"Der letzte schöne Herbsttag" : Fragezeichen liebt Ausrufezeichen

Zweisamkeit verdoppelt die Neurosen: Ralf Westhoffs Komödie "Der letzte schöne Herbsttag".

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Auch wenn keineswegs alles zu passen scheint zwischen Claire (Julia Koschitz) und Leo (Felix Hellmann) - jedes Töpfchen braucht sein Deckelchen.
Auch wenn keineswegs alles zu passen scheint zwischen Claire (Julia Koschitz) und Leo (Felix Hellmann) - jedes Töpfchen braucht...Foto: X-Verleih

Männer und Frauen, das wusste schon Loriot, passen einfach nicht zusammen. Gerade deshalb sind manche Paare unzertrennlich. „Ist die Liebe so kompliziert, oder sind wir so kompliziert?“, fragt Claire. „Du bist kompliziert, der Rest ist einfach“, entgegnet Leo. Sie macht Yoga, er debattiert lieber „so schülerselbstverwaltungsmäßig“ über Umweltthemen. Sie will Beziehungsgespräche, er schweigt. Sie schreibt lange gefühlsselige SMS, er antwortet, er sei doch nicht Rilke. Nicht einmal Konsalik. Die Gegensätze zwischen den beiden Münchner Thirtysomethings könnten kaum größer sein. Also ist Claire das perfekte Deckelchen für Leos Töpfchen.

Ralf Westhoffs Beziehungskomödie „Der letzte schöne Herbsttag“ ist gleich in mehrerer Hinsicht die Fortsetzung seines Überraschungserfolgs „Shoppen“ aus dem Jahr 2007. Der Regisseur, der auch der Drehbuchautor ist, steckte die Fördersumme, die er für die Nominierung zum Deutschen Filmpreis bekommen hatte, ins neue Projekt. Er besetzte alle tragenden Rollen mit Darstellern aus seinem Debüt. Julia Koschitz, inzwischen von einer No-Name-Schauspielerin zum TV-Komödienstar aufgestiegen, spielt Claire, Felix Hellmann den Leo. Katharina Marie Schubert ist ihre beste Freundin, Leopold Hornung sein Intimus. Nur dass es diesmal nicht mehr – wie in „Shoppen“ – um das seltsame Verhalten der Singles zur Paarungszeit geht, sondern um die mindestens genauso schwierige Phase danach. Erst mit dem Zusammensein, das ist die bestürzende Diagnose, fangen die wirklich großen Probleme an. Einsame flüchten sich in Neurosen, aber in der Zweisamkeit verdoppeln sich die Neurosen.

Claire klagt, sie sei mit einem Mann zusammen, der sich durch nichts aus der Reserve locken lasse, mit einem „emotionalen Eiswürfel“. Leo fühlt sich von ihren Ansprüchen permanent überfordert, er verlangt „eine Claire-Gebrauchsanleitung“. Kennengelernt, sagt Claire, habe sie Leo eigentlich gar nicht, sie habe ihn „nur getroffen“, in einem Fahrradladen. Fremd blieb er ihr auch noch, als er längst ihr Freund geworden war. Sie hat sein Fahrrad repariert, er hat für sie gekocht, ansonsten verhalten sie sich völlig rollenkonform. Die Allesausdiskutiererin Claire und der große Schweiger Leo stehen prototypisch für die Generation der „Neon“- und „Nido“-Leser, die sich bemühen, im Beruf, der Liebe und beim Sex alles richtig zu machen und dabei doch nur um den eigenen Bauchnabel kreisen.

Claire ist das Fragezeichen, Leo das Ausrufezeichen dieser Beziehung. Sie grübelt: „Was ist das denn mit uns beiden, sind wir ein Paar oder haben wir eine Affäre?“ Er übt sich in Pragmatismus: „Ich bin mir nicht sicher, ob man alles immer verstehen muss. Manchmal muss man die Dinge nehmen, wie sie laufen.“ Ihre Sätze sind geschliffen, doch die Dialoge finden bloß über Bande statt. Claire und Leo halten ihre jeweils besten Freunde über den Stand des Geschlechterkampfs auf dem Laufenden. Und oft sprechen sie ihre Reflexionen auch direkt in die Kamera. So bekommt der Zuschauer die Möglichkeit, sich sein Bild der Figuren mosaiksteinartig aus den Selbst- und Fremdwahrnehmungen zusammenzubasteln.

Das Stilmittel der Frontalansprache hat Westhoff aus „Shoppen“ übernommen. Es ist eine Stärke von „Der letzte schöne Herbsttag“ und gleichzeitig das Problem. Denn „Shoppen“ war ein Speed-DatingFilm, bei dem der Zuschauer im Minutentakt in ein neues Leben, ein neues Drama hineingerissen wurde. „Der letzte schöne Herbsttag“ hat als Beziehungsstudie zwar den längeren Atem, tritt aber trotzdem auf der Stelle. Der Film macht genau das, was Leo Claire vorwirft: Er quatscht die Liebe tot.

Spannend wird die Komödie immer dann, wenn das Gerede endet und die Action beginnt. Auch dann bleibt die Kamera nah dran an den Protagonisten, schaut ihnen wie in einer Dokusoap über die Schulter. Der Besuch eines Möbelkaufhauses wird zum Desaster, weil Claire Rabattkarten einlösen möchte und Leo über derlei Marotten von „Durchschnittsmenschen“ lästert. Am Ende hat Claire Leo eigentlich verlassen, aber er sucht sie mit seinem Fahrrad eine Nacht lang in allen Münchner Kneipen. Es kommt zum Showdown mit türenschlagender Verwechslungskomik. Auf diesen Beziehungsherbst, so viel steht fest, wird ein Liebesfrühling folgen.

In sieben Berliner Kinos

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