Der neue Borat : Brüno: Sketch As Sketch Can

Erst "Borat", jetzt "Brüno": Sieben Gründe, warum die Story um den schwulen Showman nicht so witzig ist, wie sie gerne wäre.

Jan Schulz-Ojala
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Der neue Borat - dieses Mal als schwuler Moderator. -Foto: Universal

Nun also „Brüno“, drei Jahre nach dem legendären „Borat“, der weltweit 250 Millionen Dollar Umsatz machte und allein in Deutschland über anderthalb Millionen Besucher in die Kinos zog. Diesmal ist Sacha Baron Cohen, erneut unter der Regie von Larry Charles, kein kasachischer Reporter, sondern der schwule Moderator der österreichischen TVShow „Funkyzeit“. Als er sich auf der Mailänder Modemesse in einem Riesenfummel auf dem Catwalk verheddert und prompt gefeuert wird, begibt er sich nach Amerika, um dort zur Celebrity aufzusteigen – wenn nicht schwul, dann eben zur Not hetero. Natürlich geht dabei fast alles letztlich schief. Vielleicht auch das Kalkül, mit „Brüno“ sogar den Vorgänger „Borat“ in jeder Hinsicht zu toppen. Manches spricht dafür.

ÖSTERREICH

Anders als Borat, der Macho-Reporter mit Schnauzer, der als primitiver kasachischer Kulturfremdling mit gröbsten Ansichten über Frauen, Schwule, Juden den inneren Schweinehund seiner Gesprächspartner verzückt aufheulen ließ, will nun Brüno „Österreichs größter Superstar seit Hitler“ werden. So lustig es aus deutscher Sicht sein mag, die braune deutsche Nazi-Gülle nach Braunau zurückzuleiten – so what? „Schmäh“Österreich ist, im Blick auf sich selbst, vielleicht das ironie- und sarkasmusfähigste Land Europas, man denke in Sachen Film nur an Josef Hader und Ulrich Seidl. Und dass ein österreichischer Polit-Offizieller – wie einst der kasachische Staatschef Nursultan Nasarbajev im Wege des Protests gegen „Borat“ – nun auch noch so unbezahlte wie unbezahlbare PR für „Brüno“ macht: Darauf können die Macher wohl lange warten.

AMERIKA

Borat mischte Amerika auf – oder besser: wirbelte den rassistischen, sexistischen, xenophoben Bodensatz der schweigenden Mehrheit hoch, deren Geschäft die bigotte, begeistert Krieg führende Regierung Bush so kongenial besorgte. Nicht dass ein Land sich total ändert, nur weil es sich inzwischen einen schwarzen, Minderheiten gegenüber ausdrücklich toleranten Präsidenten gewählt hat. Aber das trostsüchtige Bedürfnis der Welt (inklusive Amerikas selber), sich angesichts von Brünos neuem Wirkungsfeld Hollywood über die so schrecklich lächerliche Weltleithammelnation totzulachen, hat doch spürbar nachgelassen.

SHOWBIZ

Borat konfrontierte überwiegend amerikanische Alltagsmenschen mit seiner schlichten, kasachischen Weltsicht, was zu gruseligen Verbrüderungen führte. Den schillernden Brüno drängt es ins Showbusiness. Witzmindernder Nachteil: Otto Normalmittelwestler und Emma Normalostwestfälin halten das Showgeschäft ohnehin für gaga. Drittklassige abgehalfterte Popstarlets wie Paula Abdul, die auf – als „Chairmen“ kniefällig hingestreckten – Mexikanern Platz nehmen, oder grenzdebile Produzenten, die auch die gestörteste Marketing-Idee eilig auf ihre Mehrwerttauglichkeit checken, sind billige Opfer und somit nur beschränkt satirefähig. Gleiches gilt für die Pointe des selbst ernannten Politfriedensstifters Brüno, sich von einem Ex-Mossad-Mann und einem Araber zunächst über den Unterschied zwischen Hamas und Hummus aufklären zu lassen. Klar, Humor ist nicht verhandelbar. Aber wo böse beobachtete Nähe beißend wirkt, ist Ferne schnell bloß albern.

SEX

Ein paar Schwulenverbände haben, immerhin, protestierend für „Brüno“ Werbung gemacht. Aber der Film ist so schwulen- wie heterofeindlich. Anders gesagt: so wenig schwulen- wie heterofeindlich. Anything goes ist, auch hier, längst Mainstream. Indem der Film alle inszenierten Intimpraktiken der Lächerlichkeit preisgibt, vom schwulen „AnalBleaching“ über die Hetero-Swingerparty bis zum panerotischen (oder: unerotischen) mit einer Babywiege kombinierten Superdildo, ist er in der Summe so unsexy wie jedes übersexualisierte Massenprodukt. Ja, sogar die gemeinhin am ehesten intoleranzverdächtigen Heteros reagieren, wie die Szene mit den wortkargen Jägern aus den Südstaaten zeigt, erstaunlich langmütig. Es bedarf einer Provokation auf Pennälerwitzfigurenniveau, um sie denn doch – verständlicherweise – aus der Reserve zu locken.

FAKE, DIE ERSTE

Das weltweit mit „Versteckte Kamera“Sendungen überfütterte Publikum ist misstrauisch geworden, wenn es in seiner realen Alltagswelt mit zunächst unüberschaubar kuriosen Situationen konfrontiert wird. Im Zeitalter von Youtube, wo jede Peinlichkeit sofort dem Weltgelächter preisgegeben werden kann, ist das auch ein Zeichen kommunikativer Intelligenz. Als Brüno sich als Familienmensch beweisen will, ein schwarzes Kind aus Afrika mitbringt und das Baby – schön böse Symbolidee – aus einem Karton auf dem Flughafengepäckband herauslugt, gucken die Leute vor allem vorsichtig. Tragisch für den ertappten Fallensteller, der doch andere auf frischer Wahrnehmungstat ertappen will. Vielleicht ist gerade diese gewachsene Cleverness der Grund, warum solche Alltagssituationen, eigentlich die Würze jedweder Doku mit subversiv aufklärerischer Absicht, in „Brüno“ selten sind.

FAKE, DIE ZWEITE

Dokumödie, mockumentary, Fake – wie auch immer man das Genre nennen mag: Es lebt davon, dass der Zuschauer die inszenierte Situation ebenso glaubt wie die überraschende, der Realität abgewonnene Erkenntnisfrucht. In Marcus Mittermeiers Genre-Klassiker „Muxmäuschenstill“ (2004), in dem Jan-Henrik Stahlberg als selbst ernannter Ordnungsmann reihenweise Alltagsmenschen zurechtweist, bestraft und demütigt, wirken die mit Laien organisierten Situationen allenfalls hyperreal, aber nie gestellt. Ja, Wahrheit wird hier durch Wahrhaftigkeit noch übertroffen. Sacha Baron Cohen dagegen hat sich nicht nur mit dem Auftritt unlängst bei den MTV Movie Awards keinen Gefallen getan, als sich herausstellte, dass der über Cohens sexuelle Attacke entrüstete und aus dem Saal stürmende Rapper Eminem in den Eklat eingeweiht war. Auch „Brüno“ strotzt vor scheinspontanen Situationen, die in ihrer Übertriebenheit eindeutig für die Kamera gemacht sind. So wirkt etwa die Szene mit der Domina, die Brüno aus dem Swingerclub hinauspeitscht, nur mehr als grobe Pointe für jene Leute, die den Gag bis dahin noch immer nicht verstanden haben sollten. Ist aber der generelle Zuschauerverdacht erst einmal aktiviert, entsteht der umgekehrte „Muxmäuschenstill“-Effekt: Selbst das der Realität entnommene, also besonders wertvolle Überraschungsmaterial wirkt gefälscht.

WIEDERHOLUNG

„Borat“ war neu, „Brüno“ ist Aufguss. Dazwischen drehte Larry Charles, nicht zu vergessen, „Religulous“ – doch der ermüdende Versuch, in semidokumentarischer Manier Gesprächspartner zu überrumpeln, rannte beim Zuschauer nur offene Türen ein. Und „Brüno“? Die Erschütterung, die „Borat“ für die dumpfe Mentalitätsmittellage nicht nur in Amerika bedeutete, ist der Sketch-Parade eines Komikers gewichen, der sich häuslich in seiner Rolle als Hollywood-Hofnarr einrichtet – mit entsprechend raren Genialitätsfunken von gesellschaftsrelevanter Schärfe. Stark wirkt allein Cohens Auftritt als schwulenhassender Supermacho in einem Wrestling-Gitterkäfig. Immerhin beginnt die Szene mit einer für die Kinozuschauer offensichtlichen Inszenierung: Brünos im Publikum stehender schwuler Assistent erobert sich die Einladung zum Cage-Fight dadurch, dass er Brüno lautstark verdächtigt, schwul zu sein – und als die beiden sich dann doch im Käfig zu küssen beginnen, wirkt das kollektive Entsetzen für einen Augenblick so authentisch wie der Tumult, bei dem das Saalmobiliar zu Bruch geht. Nur: Selbst diese Film-Wirklichkeit ist, leicht abgewandelt, nur gut geklaut – aus Milos Formans wunderbarem Showman-Porträt „Der Mondmann“.

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