Der Strand der Dinge : "Pirates of the Caribbean" läutet Blockbuster-Sommer ein

Teil 4 von „Pirates of the Caribbean“ läuft in Cannes – und läutet den Blockbuster-Sommer ein.

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Nimm mich mit auf die Reise. Johnny Depp will als Captain Jack Sparrow zurück auf die See – ab Donnerstag in den Kinos.
Nimm mich mit auf die Reise. Johnny Depp will als Captain Jack Sparrow zurück auf die See – ab Donnerstag in den Kinos.Foto: Disney

Vergesst das Einheitsdenkmal! Die wahre Wippe zur Einheit befindet sich in der Whitecap Bay, auf dem Weg zum Brunnen der ewigen Jugend: Die „Santiago“, das vor 500 Jahren auf luftig hoher Klippe gestrandete Schiff des spanischen Abenteurers Juan Ponce de Léon, neigt sich gefährlich Richtung Abgrund, als Captain Jack Sparrow sich mit seinem Rivalen Barbossa im Schiffsinneren um zwei Silberkelche balgt. Das ist die wahre Union: Johnny Depp, der Hippie-Pirat, und Geoffrey Rush, sein rachsüchtiger Kontrahent, müssen sich verbünden, um sich weiter bekriegen zu können. Immer schön das Gleichgewicht halten beim Kampf um die Kelche, sonst kippt die Santiago und Schluss ist mit lustig.

Gar nicht so leicht mit dem Jungbrunnen. Wer von dessen Wasser trinkt, muss einen der Kelche benutzen, die Träne einer Meerjungfrau hineinträufeln und jemanden finden, der simultan den zweiten, garantiert todbringenden Kelch zu leeren bereit ist. Wie das in den „Pirates of the Carribean“-Plots so üblich ist, sind trotz dieser Tücken wieder mal alle hinter dem Schatz her und liefern sich See- und Dschungelschlachten am laufenden Band: die Spanier, die Engländer, der finstere Zombie-Freibeuter Blackbeard und neben Johnny Depp und Geoffrey Rush auch noch Penelope Cruz.

Schöner Neuzugang im vierten „Carribean“-Sequel mit dem Titel „Fremde Gezeiten“. Keira Knightley wurde in Teil 3 in die Ehe mit Orlando Bloom entsorgt, also trifft Jack alias Depp stattdessen eine verflossene, feurig-spanische Liebe wieder, die für Gleichgewicht zwischen den Geschlechtern sorgt. Wurde auch Zeit im Piratenfilm-Genre: Penelope Cruz alias Angelica sieht bei ihrem ersten Auftritt nicht nur genauso aus wie Jack Sparrow, sie kann genauso gut prügeln, fechten, tricksen und Nonsens-Sätze spinnen wie der Captain. Weil Hollywood seit einigen Jahren den Sex fürchtet wie der Teufel das Weihwasser, darf der Dauerclinch der beiden leider nur minimalst erotisiert sein. Ein tiefer Blick ins Dekolleté, ein Fake-Kuss zum offenen Ende, das war’s. Warum holen sie sich dann eigentlich Penelope Cruz? Ersatzweise dürfen sich ein Jungmissionar (Sam Claflin) und die fischig-schöne Meerjungfrau Syrena (Astrid Berges-Frisbey) anschmachten, deren Schwestern sich als mörderisch gefährliche Viecher erweisen.

Auch sonst bricht Nr. 4 der Mega-Erfolgsreihe (1 bis 3 spielten weltweit 2,7 Milliarden Dollar ein) gleich mehrfach mit dem Gesetz der Serie. Noch teurer, noch doller, noch abgefahrener? Von wegen. Erstens ist „Fremde Gezeiten“ mit seinem 200-Millionen-Dollar-Budget 100 Millionen billiger als Folge 3, selbst die Weltmeere hatten unter der Finanzkrise zu leiden. Zweitens wurde nicht mehr in der Karibik gedreht, sondern auf Hawaii, und da sieht es aus wie in einem ziemlich gewöhnlichen Fantasy-Land. Schmalhans ist Kombüsenmeister: „Fremde Gezeiten“ hat trotz 3-D bescheidene Schauwerte zu bieten. Ein bisschen schwarze Voodoo-Magie und Dschungel-Atmo, mehr nicht, dazu die bewährten Raubeine auf Deck, Zombies und Seebären, Männer mit Bärten, Rüschenhemden, gebauschten Beinkleidern, ledriger Haut.

In Teil 3 gab’s ein aus glibschigem Schalengetier komponiertes Geisterschiff, Monsterwellen, einen Seekrieg mitten im apokalyptischen Sog eines Mahlstroms und die Armada von Krebsen, die Sparrows Schiff aus der Salzwüste davontrug. Diesmal nimmt die Story im düsteren Gemäuer von good old England ihren Ausgang. Captain Jack, der verrückteste Seefahrer seit Erfindung der Meere, liegt buchstäblich auf dem Trockenen, darf über der Tafel des Königs am Kronleuchter baumeln (und dabei einen Windbeutel verspeisen) und sich Robin-Hood- mäßig aus Gerichtssälen, Kutschen, Schlössern und Spelunken davonstehlen, nicht zuletzt mithilfe seines Dads aus Folge 3. Was dem Zuschauer ein sekundenkurzes Wiedersehen mit Keith Richards beschert.

Überhaupt werden weniger neue Gags gesponnen als die bewährten wiederholt: Der Witz mit Keith Richards (Depp beschreibt seine Figur als Mischung aus Keith Richards und Bugs Bunny) genauso wie der mit dem Captain als Wiedergänger seiner selbst. In Teil 3 gab’s ein Dutzend Sparrow-Klone, diesmal nur die eine verkleidete Penelope Cruz, auch die wie von Zauberhand durch die Luft wirbelnden Seile wollten schon mal höher hinaus. Das Gebalge der diversen am Jungbrunnen interessierten Freibeuter-Nationen ist ein Klacks gegen den Weltkongress der Piraten in „Am Ende der Welt“ – mal ehrlich: Auch Sparrow scheint in die Jahre zu kommen. Das ein oder andere Rastabartzöpfchen mehr kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass die Wiederbelebung des Piratengenres mit dem Karibik-Franchise sich erschöpft. Depp ist 47, hat Rückenprobleme und Ischias-Schmerzen, behaupten die Blogger.

Oder liegt’s am Regisseur? Produzent Jerry Bruckheimer hat mit Rob Marshall einen neuen Mann an Bord geholt. Schmerzlich vermisst man Gore Verbinskis Rasanz, seine Tollheiten und Entfesselungskünste. Marshall, bekannt geworden mit Glamour-Filmen wie „Chicago“ oder „Nine“, kennt sich unter freiem Himmel weniger aus als mit erlesenen Interieurs. In den Eröffnungssequenzen im Londoner Gericht ist das deutlich zu sehen, auf hoher See kommt er ins Schlingern.

Im Wettrennen der diesjährigen Sommer-Blockbuster wird „Fremde Gezeiten“ es schwer haben, sich gegen die letzte Harry-Potter-Folge, gegen all die Sequels, Prequels und 3-D-Animationen von „Hangover“ bis „Kung Fu Panda“ zu behaupten. Dabei ist die US-Filmindustrie auf die Kassenschlager der nächsten Wochen dringend angewiesen – nach dem flauen WM-Sommer 2010 und einem mauen Frühjahr mit 23 Prozent weniger Einspiel als im Jahr zuvor. Deshalb begann die Sommersaison mit Kenneth Branahgs „Thor“ diesmal schon Ende April, deshalb setzt man im Fall von „Pirates of the Caribbean“ auf die Kombination von weltweit zeitgleichem Filmstart am 19./20. Mai und der Uraufführung in Cannes, am prestigeträchtigen ersten Festival-Wochenende. Der Euro ist stark, der Dollar schwach, da sind die Majors auf Auslandserfolge erpicht.

Und so laufen sie am Samstagabend die Treppe zum Festivalpalais hoch, die berühmten 24 Stufen gleich neben dem Yachthafen, über den nach dem Oscar wichtigsten roten Teppich der Welt: Johnny Depp, Penelope Cruz, Geoffrey Rush, der Ire Ian McShane, der den Bösewicht spielt, und tutti quanti. Am Mittag haben sie einander bei der Pressekonferenz hübsche Komplimente gemacht, Depp schwärmte für Cruz, Cruz für Depp, Rob Marshall für alle beide. Cruz gelang es selbst Kaugummi kauend, die Pressemeute mit ihrem entwaffnenden Lächeln zu bezwingen, und Depp fügte seiner Captain-Jack-Beschreibung die Bezeichnung „romantisches Stinktier“ hinzu. Kein besonders unterhaltsames Podium.

Wo bleibt eigentlich die Black Pearl? Jack Sparrows geliebtes Schiff taucht in „Fremde Gezeiten“ nur en miniature auf, als winziges, seekriegsuntaugliches Buddelschiff. Höchste Zeit, dass die Geister wieder aus der Flasche befreit werden, zu viel Landgang tut Jack Sparrow nicht gut. Aber gemach: Soeben hat der „Hollywood Reporter“ verraten, dass Drehbuchautor Terry Rossio Teil 5 zwar bereits bei Disney eingereicht hat, Depp sich aber lieber etwas Zeit lassen will. Wegen der Rückenprobleme? Oder weil er weiß, dass auch ein Millionenpublikum sich nicht mit Routine abspeisen lässt?

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