Deutscher Filmpreis : Willkommen im Club

Vor der Verleihung des Deutschen Filmpreises: Christian Petzold und Robert Thalheim über Arthouse, Glanz und Fußgeruch.

Thalheim Petzold
Robert Thalheim (l) und Christian Petzold im Gespräch. -Foto: Heerde

„Mainhouse“ und „Artstream“: Das hat Til Schweiger unlängst als Alternative für die Schubladen Mainstream- und Arthousekino vorgeschlagen. Was bedeutet diese Unterscheidung für Sie?

THALHEIM: Wenn Arthouse heißt, das sind die ein bisschen langweiligen Filme, die nur Studienräte gucken, will ich kein Arthouse sein. Wenn es aber ein Biotop für Filme ist, die genauer hinschauen und Film als Medium ernst nehmen, nicht nur als Produkt vermarkten wollen, dann finde ich es gut, dass es diese Nische gibt.

Herr Petzold, Sie haben die Schubladen in einer Diskussion „Gewerbepark“ und „Museum“ genannt: Die Multiplexe für das Blockbuster-Kino, das Museum für die Filmkunst. Sie fallen dann ja eher in die Museumsfraktion …

PETZOLD: Dagegen wehre ich mich unbedingt. Verglichen mit frühen Alexander-Kluge-Filmen zum Beispiel, das waren damals Fernsehsendungen zur Prime-Time, machen wir richtig klassischen Erzählfilm. Und wenn das klassische Erzählkino ins Museum gehört, können wir den Laden dicht machen.

Gibt es nicht trotzdem die Sehnsucht, mit Filmen wie „Yella“, der nur 80 000 Zuschauer erreichte, in einem Multiplex vor Millionenpublikum zu laufen?

PETZOLD: „Yella“ war kommerziell erfolgreich. Der Verleih hat seine Filmförderung vollständig zurückgezahlt. Die Charts sagen da noch gar nichts aus. In dem Kino, in das meine Eltern gegangen sind, lief Bergman und Truffaut neben Lex Barker. Die Leute, die an Trennungen arbeiten, sind die Totengräber.

THALHEIM: Aber Til Schweiger wollte doch die Überwindung dieser Grenzen.

PETZOLD: Natürlich verstehe ich es, wenn jemand sagt, ich habe sechs Millionen Zuschauer, warum findet ihr mich scheiße. Ich muss allerdings zugeben: Ich habe „Keinohrhasen“ nicht gesehen und die Diskussion auch nicht verfolgt.

THALHEIM: Ich fand den Film eigentlich ganz lustig, Da steckt schon Herz drin, das ist nicht nur Ware. Trotzdem wünsche ich mir, dass mehr Leute einen Film wie „Yella“ sehen, der bei der Berlinale gefeiert worden ist, dessen Hauptdarstellerin Nina Hoss jeder kennt, der groß in allen Zeitungen besprochen wird. Warum gucken so was meine Eltern nicht? Die gehen erst wieder ins Kino, seit ich Filme mache. Das Kino hat oft keine gesellschaftliche Funktion, gilt nicht als kultureller Ort. Man geht noch ins Theater und akzeptiert auch, dass man sich langweilt. Aber ins Kino geht man nicht.

Was würde das Kino als Ort wieder lebendig machen? Volker Schlöndorff schlägt vor, Kinos stärker mit Buchhandlungen, Restaurants und Cafés zu verbinden, um das Ausgeherlebnis attraktiver zu machen.

PETZOLD: Ich weiß es nicht. Wenn Künstler versuchen, die Welt zu bauen, kommt manchmal der Führerbunker heraus. Selbst in Berlin, der Stadt mit der besten Kinoversorgung, sind viele interessante Filme nur noch auf Festivals zu sehen. Als ich mit 18 in Paris war, konnte man morgens um 11 einen Straub-Film im Kino sehen. So ein Land finde ich toll. Aber das gibt es nicht mehr. Ich glaube auch nicht, dass ein Hugendubel-Kino die Lösung wäre. Für mich kann ein Kino ruhig ein bisschen schmierig sein und in der Fußgängerzone liegen. Hauptsache, es laufen die richtigen Filme. Aber wenn ein Film wie Cristian Mungius CannesSieger „Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ hier nur 30 000 Zuschauer hat, dann ist das erbärmlich.

THALHEIM: Andererseits haben wir eine ganze Reihe von Kinoregisseuren mit ganz individuellen Handschriften, die ihr Publikum finden und bei denen man gespannt ist auf jeden neuen Film. Sozusagen die Generation vor mir, die schon fünf, sechs Filme hinter sich hat: Akin, Buck, Schmid und eben Petzold.

Die Deutsche Filmakademie wird fünf Jahre alt. Sie sind beide nicht Mitglied. Wäre Mitgliedschaft für Sie interessant?

THALHEIM: Das versuche ich gerade noch herauszufinden. Als die mit der Akademie gestartet sind, fand ich es echt blöd. Da dachte ich, jetzt wollen sich die Großen bessere Vertriebsmöglichkeiten schaffen und verballern dafür auch noch Fördergelder, die eigentlich zur Filmförderung gedacht sind. Andererseits: Der Widerstand war auch nicht gerade stark.

PETZOLD: Wir hatten uns schon formiert, aber als die Leute von „Kulturzeit“ anriefen, um mit mir über „diese Oppositionsgruppe“ zu sprechen, klang das nach Larmoyanz. Da hatte ich keine Lust mehr, auch nur einen Ton zu sagen.

Wie lautet denn Ihre Kritik?

PETZOLD: Grundsätzlich finde ich als Bürger: Die Verteilung staatlicher Gelder gehört nicht in private Hand. Wer das in der Schule nicht in Gemeinschaftskunde mitbekommen hat, der tut mir leid. Ich habe nichts gegen eine Akademie. Aber wir hätten damals über ganz andere Dinge reden müssen als über den Filmpreis. Darüber, dass wir eine Kinemathek in Berlin brauchen, einen Treffpunkt, wo man sich austauscht, dazu mehrere Kinos und die Bibliothek des Filmhauses, die ja wirklich was taugt. So eine Akademie wie die Akademie der Künste, nur für den Film. Jetzt aber vergibt sie die Gelder für den Filmpreis und verwendet dafür neunzig Prozent ihrer Zeit.

Immerhin stimmen nun viele Kollegen über Kollegen ab, nicht mehr eine Jury.

PETZOLD: Ein Abstimmungsverfahren über Filme ist immer schlechter als eine Jury. Der Begriff Abstimmung wird mit Demokratie gleichgesetzt, aber Demokratie ist Parlament, Diskussion, Öffentlichkeit. Eine Jury ist immer klüger als jedes Jurymitglied. In Cannes gab es, David Cronenberg war Jury-Präsident, die Goldene Palme für „Rosetta“ von den Brüdern Dardenne: So etwas wäre im Massenabstimmungsverfahren nicht möglich. Da geht es nur um Quote.

Würde Ihr Film „Die innere Sicherheit“, der 2001 den Deutschen Filmpreis gewann, auch nach dem jetzigen Verfahren siegen?

PETZOLD: Ich weiß es nicht. Aber dass „Sehnsucht“ im letzten Jahr noch nicht einmal in der Vorauswahl war, fand ich skandalös. Wenn einer der schönsten Filme des Jahres nicht die geringste Berücksichtigung findet, hätte man den Laden eigentlich zumachen müssen.

Und wenn Sie selber, als Zeichen des Protests, auf den Filmpreis verzichten?

PETZOLD: Das wäre völlig gaga. Das Geld kommt ja nicht von der Akademie. Der Eiertanz ist doch, dass staatliche Gelder von einer privaten Institution überreicht werden. Da kann ich diesen Eiertanz nicht noch einmal selber aufführen.

THALHEIM: Für mich ist es sehr wichtig, dass mein Film in die Endauswahl gekommen ist. Die Akademie ist derzeit die einzige Institution, die mir überhaupt so etwas anbietet, auch Begegnungen wie jetzt. Dieses Parlament, von dem Christian spricht, das gibt es einfach nicht.

Ihre Filme werden von manchen Kollegen angegriffen. Die Berliner Schule würde mit ihren formal strengen Filmen das Interesse am Kino kaputt machen, während die Kritik etwa „Das Parfüm“ torpediert.

PETZOLD: Ich würde mich ja freuen, wenn die Filmpreisverleihung ein Glamrausch wäre. Aber wir können nicht Amerika nachspielen. Es ist doch nicht so, dass ein paar Filmemacher, die für 800 000 Euro einen Film drehen, unseren Glamour kaputtmachen. Es können nur die das Kino kaputtmachen, die an den Knöpfen sitzen.

THALHEIM: Ich fühle mich auch angesprochen, wenn die kleinen Filme, die mit viel Herzblut und unter teilweise selbstausbeuterischen Bedingungen entstehen, zum Untergang des deutschen Kinos stilisiert werden. Wenn wir jetzt dran schuld sein sollen, dass es in der Akademie nach bürgerlichem Schimmel und Fußpilz riecht, wie Bernd Eichinger das formuliert hat, dann fühle ich mich nicht gerade willkommen in dem Verein. Auf der anderen Seite stachelt mich das an und ich denke, gerade jetzt müssen wir rein, damit sich der Gestank besser verteilt.

Das Gespräch führten Jan Schulz-Ojala und Christina Tilmann.


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