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„Projekt Gold“: Wie Winfried Oelsners Handball-WM-Doku den Mythos Fußball herausfordert.

Sven Goldmann
Projekt Gold
In dem Dokumentarfilm "Projekt Gold" jubeln die Handball-Weltmeister 2007 Lars Kaufmann und Pascal Hens in der Köln-Arena -Foto: dpa

Unlängst hielt Florian Henckel von Donnersmarck ein höchst ungewöhnliches Plädoyer für den Scientologen Tom Cruise in der Rolle des Claus Schenk Graf von Stauffenberg. Allein Cruises Popularität, so Donnersmarck, rechtfertige die Besetzung. Ein Oscar für ihn würde den deutschen Widerstand mit gut 60-jähriger Verspätung überall auf der Welt zu einer guten Sache machen.

Ach, die Deutschen. Mit ihrer Geschichte können sie auf der Leinwand nur mäßig punkten, dafür wenigstens ab und zu im Sport. Etwa mit Sönke Wortmanns „Deutschland, ein Sommermärchen“, der die deutsche Fußballbronze von 2006 fürs Kino vergoldete. Nun folgt Winfried Oelsners Handball-WM-Doku, die immerhin sporthistorisch mit Gold auftrumpfen kann. Nur: Ist nach Wortmann kinematografisch da noch mehr als Bronze drin?

Der Regisseur hat sich für ein komplettes Remake entschieden – allerdings mit einer C-Besetzung und dem verkopften Titel „Projekt Gold – eine deutsche Handball-WM“ („Deutschland, ein Wintermärchen“ hätte wohl endgültig ein Copyright-Problem mit Heines Nachfahren heraufbeschworen). Und das pure Remake erweist sich als großer taktischer Fehler.

Das Besondere an Wortmanns Dokumentation waren ja nicht die Fotografie oder der künstlerische Aufbau – beides hat etwa Pepe Danquart in seinen großartigen Sportfilmen „Heimspiel“ und „Höllentour“ viel besser gemacht. Das Besondere war die Authentizität, der Blick in den privaten Winkel. Wortmann kam so nahe an die Hauptdarsteller eines Jahrhundertereignisses heran, dass man glaubte, selber dabei zu sein. Selbst das Triviale gewann durch die Prominenz der handelnden Personen an Faszination.

 Wenn Bastian Schweinsteiger seinen Zimmerkollegen Lukas Podolski am Morgen mit einer Chipstüte im Bett erwischt, dann ist das deshalb spannend und lustig und von öffentlichem Interesse, weil beide schon vor der WM Personen des öffentlichen Lebens waren. Nur: Wer interessiert sich für die Chipstüten von Handballspielern, die schon heute keiner mehr kennt – ein halbes Jahr nach der in Köln gewonnenen Weltmeisterschaft? Welcher Nicht-Handballfan kann heute noch drei deutsche Torschützen aus dem Finale gegen Polen nennen?

Die Lösung für Winfried Oelsner hätte nur sein können, etwas ganz Neues zu machen. Was macht ein Handballturnier jenseits des Handballs interessant? Doch dieser Herausforderung hat Oelsner heldenhaft widerstanden. Stattdessen erzählen seine Helden auf dem Bett Altkluges und Belanglosigkeiten, sitzen vorm Fernseher und schauen dem Bundestrainer bei einem Interview zu. Einmal läuft einer mit einer Videokamera herum und filmt die anderen. Hallo, kennen wir das nicht schon?

„Projekt Gold“ ist deshalb nicht gleich ein schlechter Film. Aber kein mutiger. Keiner, der jenseits der Handballwelt Aufsehen erregen wird. Handwerklich ist Oelsner sogar besser, als Wortmann es mit seiner Handkamera war. Es gibt auch hübsche Szenen. Etwa, wie Polens Premier Kaczynski nach dem verlorenen Finale vor deutschen Champagner-Fontänen flieht. Oder wie nach dem Auftaktspiel ICE-Sitzplätze für die Deutschen fehlen: „Haben Sie reserviert?“, fragt der Schaffner, und Bundestrainer Brand entscheidet: Wer gestern gespielt hat, darf heute sitzen. Oder wie Brand wütend eine Sitzung verlässt, weil seine Spieler vor dem Spiel gegen Slowenien noch kurz vor Mitternacht Pizza aufs Zimmer bestellt haben – „und das vor dem wichtigsten Spiel der Karriere!“

Aber all das reicht nicht. „Projekt Gold“ verharrt im Schatten des strahlenden Sommermärchens. Um da als Regisseur aufzufallen, muss man listiger sein.

Ab Montag in Berlin, zunächst im Cinemaxx Potsdamer Platz und Open Air am Schloss Charlottenburg

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