''Die Anwälte'' : Lechts und rinks

Schily, Ströbele, Mahler: eine deutsche Geschichte. Der Film "Die Anwälte" erzählt sie neu.

Christina Tilmann
Anwaelte
Historischer Beweis. Die Rechtsanwälte Hans-Christian Ströbele (l) und Otto Schily im Oktober 1972 während eines Prozesses in...Foto: dpa

Sie sind gemeinsam gestartet – und so ziemlich an den entferntesten Ecken angekommen. Prominent alle drei, aus unterschiedlichen Gründen, und alle drei auch große Selbstdarsteller. Überzeugungstäter mit nicht unbedeutendem Ego. Es sagt viel über die Politikgeschichte der letzten vierzig Jahre, dass diese drei mal auf einer Seite standen, für die gleiche Sache kämpften, und nun Gegner sind, wie man sie erbitterter sich nicht vorstellen kann.

Selbst wenn man den Spezialfall Horst Mahler beiseite lässt, der als Anwalt und Sympathisant der RAF begann und heute wegen Holocaust-Leugnung und Volksverhetzung im Gefängnis sitzt – schon allein die beiden Charaktere Otto Schily und HansChristian Ströbele geben mehr als genug Stoff her für eine Psychostudie. Dass diese beiden sich heute nicht mehr gemeinsam vor der Kamera zeigen wollten, und mit Horst Mahler schon gar nicht, verwundert kaum. Bei der Filmpremiere im Berliner Delphi-Kino Ende Oktober stehen Ströbele und Schily zwar nebeneinander, doch sichtbar Welten voneinander entfernt, und haben große Schwierigkeiten damit, den anderen reden, ausreden zu lassen. Und dabei reden sie beide gern.

„Die Anwälte“ hat Regisseurin Birgit Schulz ihren Dokumentarfilm schlicht genannt, und Anwälte sind sie alle drei gewesen, Anwälte mit sozialem Gewissen und Sympathien für Studentenrevolte und RAF. Der brillanteste war sicher Otto Schily, Jahrgang 1932, der, stets untadelig in Anzug und Krawatte, seine Prozessauftritte und Pressekonferenzen schon in den Siebzigern wie Talkshows inszeniert, und sich selbst wie einen Popstar, diabolisch eloquent und schlagfertig. Der fanatischste war schon immer Horst Mahler, Jahrgang 1936, der 1971 wegen Beteiligung an RAF-Straftaten selbst vor Gericht steht – verteidigt von Schily und Ströbele. Und der integerste war und ist sicher Hans-Christian Ströbele, Jahrgang 1939, der von sich selbst sagt, dass er schon als Kind keine Ungerechtigkeit ertragen konnte und sich noch heute im Deutschen Bundestag das Wort nicht verbieten lässt. Smart waren sie alle, coole Hunde, jung und selbstbewusst. Die Vertreter der bundesrepublikanischen Staatsmacht sahen im Vergleich sehr bieder aus.

Heute ist keiner von ihnen mehr als Anwalt tätig: Otto Schily war bis 2005 deutscher Innenminister und ist heute im Ruhestand, Hans-Christian Ströbele sitzt per Direktmandat für die Grünen erneut im Bundestag, und Horst Mahler sitzt auch, in der JVA Brandenburg. Und was sich in dem Film entfaltet, ist zunächst ein Justizdrama rund um die RAF-Prozesse und die Toten von Stammheim, die alle drei als persönliche Niederlage ansehen. Anschaulich schildern sowohl Schily als auch Ströbele im Rückblick, wie schrecklich es war, den Menschen, den man am Tag zuvor noch als Mandanten betreut hat, am nächsten Morgen tot in der Gerichtsmedizin zu sehen. Gerade Schily, der siegesgewisse Jurist, findet im Rückblick ungewohnt nachdenkliche, selbstkritische Töne. Dass er Katharina Hammerschmidt zum Antritt der U-Haft überredete, dass sie dort wegen mangelnder Behandlung ihrer Krebserkrankung starb, hat er sich bis heute nicht verziehen.

Gleichzeitig jedoch ist dieser Film von Birgit Schulz auch ein großes Politdrama, das von Rasterfahndung über Anti-AKW-Demonstrationen, vom Einzug der Grünen in den Bundestag bis hin zu NPD-Verbotsverfahren, Kosovo-Einsatz und Anti-Terror-Gesetzen die politische Geschichte der Bundesrepublik rekapituliert. Und während die drei Ex-Anwälte in Einzelinterviews in einem Berliner Gerichtssaal über ihre Rolle von damals reflektieren und darüber, warum sie meinen, sich immer treu geblieben zu sein, sieht man dazu Archivmaterial, von Katharina Schmidt grandios geschnitten. Der Einzug der Grünen im Bundestag: eine Karnevalsveranstaltung. Schily und Ströbele, die auf einer Pressekonferenz erklären, warum sich Horst Mahler zu „Urlaubszwecken“ im Ausland aufhält: eine Farce. Und schließlich die Verhandlungen zum NPD-Verbot vor dem Bundesverfassungsgericht, auf der einen Seite Otto Schily, als Gegner Horst Mahler, und als parlamentarischer Beobachter HansChristian Ströbele: Da sind sie alle auf unterschiedlichen Seiten gelandet.

Von den drei Porträtierten ist Otto Schily sicher der komplexeste Charakter. Der selbstherrliche Junganwalt, der dann autoritärer Innenminister wird, von den Grünen zur SPD wechselt und ein Sicherheitspaket vorlegt, das er vor wenigen Jahren noch vehement bekämpft hätte: Dass Schily von sich sagen kann, er sei seinen Überzeugungen immer treu gewesen, ja, es sei ein durchaus konsequenter Weg gewesen, den er beschritten habe – das ist eine der großen Irritationen im Film. Ähnlich wie Herlinde Koelbls Langzeit-Fotografien ist auch die Filmdokumentation ein Beweis der Deformation durch Macht.

Was schließlich Mahler, den problematischsten Charakter, das schwarze Loch des Films, zu seinem Seitenwechsel getrieben hat, kann auch Schulz nicht klären, kann nur vermuten. Mahler selbst erzählt im Film, wie er als Kind mit Hitlerfrisur Reden geübt hat, und dann Recht studiert hat, um „in den Staat zu gehen“. Da war schon immer politisches Kalkül und fanatische Überzeugung, erst für die einen Extremen, dann für die anderen. Und eine Unbelehrbarkeit, der man nicht beikommt. Birgit Schulz erklärt, man habe ihn nicht zu seinen heutigen Überzeugungen befragen wollen, um ihm keine Plattform für rechte Propaganda zu bieten. Auch die Anwaltsgenossen von einst, Schily und Ströbele, zeigen sich ratlos, ja hilflos, wollen sich am liebsten nicht mehr zu dem Fall äußern. Und doch schwingt in dieser Ratlosigkeit auch eine Befangenheit mit, die sich aus der gemeinsamen Vergangenheit speist. Es macht diese beiden so selbstbewussten Herren in einem Moment doch schwach – und sympathisch.

Drei Anwälte, unser aller Geschichte. Dass man das Kino mit mehr Fragen verlässt, als man es betreten hat: Das ist vielleicht der wichtigste Effekt dieses Films.

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