"Die Frau, die singt" : Leben ist Überleben

Krieg und Klarheit: In Denis Villeneuves bewegendem Familien-Epos "Die Frau, die singt" entdecken zwei junge Leute in der Geschichte ihrer Flüchtlingsmutter ein Ausmaß an Leid, von dem sie nichts geahnt hatten.

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Die Verschlossene. Jeanne Marwan (Mélissa Désormeaux-Poulin) sorgt sich um ihre Mutter Nawal (Lubna Azabal).
Die Verschlossene. Jeanne Marwan (Mélissa Désormeaux-Poulin) sorgt sich um ihre Mutter Nawal (Lubna Azabal).Foto: arsenal

Jeanne Marwan ahnt wenig von der Vergangenheit ihrer Mutter. Im saturierten Québec der Gegenwart unterrichtet die Hochbegabte Mathematik, reine Mathematik sogar, theoretische Mathematik an der Universität. Als die Mutter, die so oft schweigsam, verstört und abwesend wirkte, stirbt, hinterlässt sie den Zwillingen Jeanne (Mélissa Désormeaux-Poulin) und Simon (Maxim Gaudette) ein rätselhaftes Testament.

Eröffnet wird es den beiden jungen Leuten von Notar Jean Lebel (Rémy Girard), für den die Mutter 18 Jahre lang das Sekretariat besorgte. Lebel, ein Freund der Familie, verliest das Dokument beklommen, fast entschuldigend. Darin trägt die Verstorbene, Narwal Marwan, den Kindern auf, zwei Menschen zu suchen: den Vater, den sie für tot hielten und dessen Identität sie nicht kennen, und einen Bruder, von dessen Existenz sie nichts wussten. Ihnen sollen die Zwillinge Briefe der Mutter übermitteln, sobald sie sie gefunden haben. Erst wenn sie diese Wünsche erfüllt haben, dürfen sie ihrer Mutter einen Grabstein setzen.

Dieser fast märchenhafte Auftrag ist der Auftakt zu einer Odyssee der beiden Hinterbliebenen – auf den Spuren einer grauenvollen Odyssee. Es ist auch der Auftakt zu einem monumentalen Filmepos in Überlänge, das trotz traumatischer Ereignisse in den Rückblenden zum Leben der Narwal Marwan (überragend: Lubna Azabal) ganz still bleibt, unaufgeregt, sogar diskret. Regisseur Denis Villeneuve, der hier ein Bühnendrama des kanadischen Exil-Libanesen Wajdi Mouawad filmisch umsetzt, ist 1967 geboren – an seinem Blick auf den Stoff aber ließe sich kaum erkennen, wie alt er ist, woher er kommt, mit welcher Sprache er aufgewachsen ist. Überall, wo die Bilder auf den Reisen der Protagonisten durch ein namenloses Land im Nahen Osten Halt machen oder ins Gleiten geraten, vertrauen sie auf ein Erkennen der Realität – ob in der Kargheit arabischer Dörfer oder der Opulenz moderner, orientalischer Villen, in den dreckigen Straßen einer vom Bürgerkrieg kontaminierten Stadt oder der Wohnung der Familie des Onkels von Narwal Marwan.

In der Familie dieses intellektuellen Onkels, so die Erzählung, war Narwal von ihrer bäuerlichen Großmutter nach der unehelichen Geburt eines Sohnes geschickt worden, „um zu lernen“. Im Dorf war ihre Schande nicht tragbar. Sie lernt, sie studiert; aus der 1949 geborenen arabischen Christin, deren Sohn ins Waisenhaus verschwinden muss, wird eine Rebellin, die sich wie der Onkel gegen Nationalismus, gegen die geistigen Brandsätze aus religiösem und ethnischem Hass zur Wehr setzt und an einer Studentenzeitung mitarbeitet. Als sie aktiv zur Waffe greift, gerät sie in eine berüchtigte Haftanstalt, wo sie 15 Jahre lang Folter und Enge widersteht, vor allem, indem sie für sich selber summt und singt. Bei Mitgefangenen und Wärtern heißt sie nur „die Frau, die singt“.

Von alledem erfahren ihre Kinder auf der Reise in den Nahen Osten nach und nach, Fragment für Fragment von meist eher widerwilligen Zeugen. Schließlich stoßen sie auch auf die schockierende Spur des verschollenen Vaters und die des verlorenen Bruders. Die Kinder aber sollen, fordert die Mutter im Abschiedsbrief, „die Kette des Zorns brechen“.

Der Drehbuchautor Wajdi Mouawad hat erklärt, es sei nicht wichtig, wo die Szenen spielen – man denkt im Film an Algerien, dann eher an den Libanon – und dass es ihm keineswegs um den Appell gehe, „seine Wurzeln zu finden“. Zeigen und mitempfindbar machen will er, welche Auswirkungen aus Hass und Vergeltung geführte Kriege auf ganze Generationen und Großgruppen haben können. Ob Christen oder Muslime Opfer sind oder Täter, das steht hier nirgends im Vordergrund. Jede Relevanz von Zugehörigkeiten erlischt angesichts der Grausamkeit eines Geschehens, das das Gewebe der Gesellschaft auflöst.

„Die Frau, die singt“ hätte mühelos als Thriller oder als Kriminalfilm mit Kriegskulisse gedreht werden können. Wie Villeneuve dies alles vermeidet und dass er einen die Länge des Films völlig vergessen lässt, während man den Szenen folgt, ist verblüffend. Am Ende haben zwei junge Leute in der Geschichte ihrer zähen Flüchtlingsmutter und deren Überleben ein Ausmaß an Leid entdeckt, von dem sie nichts geahnt hatten, oder, das legen Äußerungen des Sohnes nahe, das sie nicht einmal ahnen wollten. Aber sie haben Klarheit. Und ohne Klarheit, so hatte der alte, jüdische Mathematikprofessor zu Jeanne am Anfang gesagt, wirst du nie Ruhe finden.

Capitol, FaF, Kant; OmU in den Kinos Central, Cinema Paris, Moviemento, Passage und Rollberg

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