''Die Geschwister Savage'' : Irgendwo in Buffalo

Musterhäuser der Fantasie: Tamara Jenkins’ Familien-Melodram „Die Geschwister Savage“ leidet unter dem Hang zur Harmonie.

Jan Schulz-Ojala
Geschwister Savage
Lädiert. John (Philip Seymour Hoffman) und Wendy (Laura Linney). -Foto: Fox

Sun City erinnert an den Set der „Truman Show“: Absolut künstlich wirkt das ewig besonnte Rentnerparadies in Arizona mit seinen am Golfplatz siedelnden Eigenheimen wie Hundeboxen, mit seinen riesigen Kakteen und schütteren Hagersuchtpalmen. Hier wohnt seit 20 Jahren Lenny Savage (Philip Bosco), Untermieter seiner scheinbar ebenso rüstigen Lebensgefährtin. Doch dann zieht der liebe Gott dieser wohl weltödesten aller saturierten Künstlichkeitswelten den Stecker: Die Alte erliegt im Nagelstudio einem Herzschlag, ihre Verwandten wollen das Haus verkaufen, und zu allem Überfluss leidet Lenny an ersten Anzeichen von Altersdemenz. Plötzlich also müssen sich – Generationenvertrag verpflichtet – die fremd gewordenen, fernen Nachgeborenen kümmern.

Nur: Was heißt hier Vertrag, wenn schon der gewalttätige Vater seinen Teil nicht erfüllt hat, von der früh entschwundenen Mutter zu schweigen? Und wie kommen sich zwei selber langsam alt werdende Geschwister näher, die vielleicht ein über die Vernachlässigung hinausgehendes frühes Trauma verbindet und trennt? Zwei Menschen, die ihr grüblerisches Glück in der Wissenschaft und in der künstlerischen Kreativität gesucht und nicht wirklich gefunden haben?

Durchaus ernsthaft zimmert Tamara Jenkins ihrem zweiten Spielfilm einen großen Rahmen – und traut sich dann doch nicht, ihn mit dem eigenen Drehbuch entsprechend auszufüllen. So bleibt Sohn Jon (unterfordert: Philip Seymour Hoffman) bloß die Karikatur eines akademischen Brecht-Experten, der am Steuer seines Altautos schon mal den Salomon-Song aus der Dreigroschenoper nachbrummt, und die teilzeitjobbende Wendy (angestrengt: Laura Linney) bemüht sich einigermaßen ermüdend hoffnungslos um die Erfüllung ihres Off-Off-Stückeschreiberinnentraums.

Halbwegs gestrandete Ostküsten-Biografien sind das, diese ins Verwelken hinüberlebenden alten Kinder, die zudem in prekären Liebesverhältnissen überwintern: Wendy mit einem nervtötend dauergeilen sowie anderweitig dauerverheirateten Bekannten, Jon mit einer mütterlichen Polin, die zu heiraten er sich ums Verrecken nicht entschließen kann.

Um solche Kälte zwischen Geschwistern und Generationen packend vorzuführen, hätte es präziser Ursachenforschung bedurft – und auch des neuen Konflikts mit dem keineswegs durchweg weggetretenen Alten. Doch Jenkins pinselt lieber mit wachsendem Hang zur Harmonie, auch unter putziger dramaturgischer Einbindung verschiedener Haustiere, die jeweiligen Soziotope der Geschwister aus, und so reiht sich der Film bald in jene Phalanx amerikanischer Single-Dramödien, die als Musterhäuser der Drehbuchfantasie auch in Sun City oder, sagen wir, Buffalo stehen könnten. Dort, am schneegraupelgrauen Ostrand des Eriesees, steht das Pflegeheimbett, in das der Vater transferiert wird und an dessen Rand Jon und Wendy einander wieder näher kommen. Und die Moral von der Geschicht’? Alte sterben dahin, doch Hundchen dürfen ewig leben.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmkunst 66, Kulturbrauerei; OV im Cinestar SonyCenter, OmU im fsk und Odeon

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