''Die Gräfin'' : Der Jungfrauenblutbrunnen

Liebeswahn und Todesdurst: Julie Delpys "Die Gräfin" ist eher Stilübung als Schauerdrama.

Christiane Peitz

Sie ist fromm und frech, mächtig und klug und wird von der schönen Julie Delpy gespielt: Diese Gräfin muss den Männern einfach Angst machen. Und es gab sie, wirklich: Gräfin Erzébet Báthory lebte von 1560 bis 1614 in Ungarn, zahlreiche Schauermärchen ranken sich um ihr Schicksal. Wahr ist, dass sie des Königs besten Krieger zum Mann hatte und obendrein das Geschick besaß, ihr Vermögen stetig zu mehren. Sogar der König hatte Schulden bei ihr.

Zunächst ist „Die Gräfin“, Julie Delpys zweite Regie-Arbeit nach „2 Tage Paris“, ein leicht ironisierter Kostümfilm. Mit erlesenen Gewändern (von „Parfum“-Ausstatter Pierre-Yves Gayraud), üblichen Mittelalter-Grausamkeiten und – als Erzébets Gatte stirbt – einer schicklichen Romanze. Die Witwe weist die habgierigen Herrschaften allesamt ab, beim Ball fällt ihr Auge stattdessen auf Istvan (brav: Daniel Brühl), den Sohn eines hartnäckig um sie werbenden Fürsten.

Also: Tanz der Kamera mit delikaten Wechseln zwischen Furcht und Begehren. Liebesnacht samt Morgensonne auf Julie Delpys Porzellanhaut und Istvans knabenhaft flaumiger Körperbehaarung. Glück gebiert Neid, Neid gebiert Heimtücke – und das Paar fällt einer Intrige zum Opfer, die von Istvans Vater (mürrisch: William Hurt) angezettelt wird.

Wieder wechselt der Film das Genre, mischt Horror mit Vampir- und Splattermotiven sowie Märtyrer-Assoziationen gemäßigt mystischer Art. Erzébet steigert sich aus Liebeskummer in einen regelrechten Jugendwahnsinn hinein. Nur das tägliche Einreiben mit Jungfrauenblut, so glaubt sie, kann ihre Schönheit und damit Istvans Liebe bewahren. Das kostet Hunderte von Mädchen aus der Umgebung des Burgbergs das Leben.

Spätestens hier wirkt der Film nur mehr wie eine Stilübung, noch dazu mit prominenten Kollegen. Julie Delpy, die Regisseurin und Hauptdarstellerin, meint sie sich offenbar wegen ihres Namens („La passion Béatrice“! „Before Sunrise“!) leisten zu können. In Nebenrollen treten Sebastian Blomberg, Anamaria Marinca, Adriana Altaras, Anna Maria Mühe und André Hennicke auf.

Geschichte wird von Siegern geschrieben, heißt es am Ende: Zur Strafe für ihr mörderisches Tun wird Erzébet lebendig eingemauert. Wer war die wirkliche Gräfin? Eine Hexe? Eine emanzipierte Regentin, von Historikern zum Monster verzerrt? Eine verzweifelte, betrogene oder schlicht grausame Frau? Julie Delpy mischt Fakten und Fiktion, ihre Protagonisten sagen schlaue Sätze über die Natur des Alterns, aber ihre Bilder als Antwort auf all die letzten Fragen nach Liebe, Gewalt und Todesangst bleiben flach. Wechseln von Naturtönen ins Graue, zeigen die immergleichen fahlen Gesichter, flackernden Kerzenschein, düsteres Gemäuer. Die „Gräfin“ bleibt ein Konstrukt: ein schwacher Versuch über Draculas blutarme Schwester.

Broadway, Cinemaxx, Kant, Kulturbrauerei, Passage; Hackesche Höfe (OmU)

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