• Die Reifeprüfung Sie war der Schwarm seiner Jugend. Jetzt hat unser Autor Désirée Nosbusch zum ersten Mal getroffen.

Kino : Die Reifeprüfung Sie war der Schwarm seiner Jugend. Jetzt hat unser Autor Désirée Nosbusch zum ersten Mal getroffen.

Stephan Lebert

Also, ein bisschen peinlich ist die Sache schon. Ich treffe jetzt gleich eine junge Frau, eine Schauspielerin und Moderatorin, und zwar deshalb, weil ich vor gut zwanzig Jahren für sie geschwärmt hatte. Sie war damals ungefähr 16 Jahre alt, sah superhübsch aus, ja, und zugleich auch ein wenig wild. Es gab damals sehr freizügige Fotos von ihr, und ich muss zugeben, diese Fotos fand ich ganz besonders toll. Aber auch sonst: Désirée Nosbusch hatte plötzlich mit ihrem braven Image gebrochen. Das mochte ich.

Es wird in dieser Geschichte also auch darum gehen, was wild ist, was wild war, und warum und wie man davon angezogen wird. Was heißt eigentlich „man“? Ich.

Désirée Nosbusch sitzt im Foyer des Münchner Hotels „Vier Jahreszeiten“. Sie trägt Jeans, ein blaues Hemd, Jackett. Sie sieht jung aus, jünger als 36. Am Nebentisch wartet ein junger Mann, ihr neuer Freund, der Hamburger Rockmusiker von der Gruppe „Orange Blue“, 31 Jahre alt, er heißt Volcan Baydar. Vor ein paar Stunden ist ihr Flugzeug aus Los Angeles gelandet. Nosbuschs Mann, der österreichische Filmkomponist Harald Kloser, von dem sie getrennt ist, lebt noch dort, die beiden Kinder auch. Der Sohn Lennon-Noah ist sieben, Tochter Luka-Teresa vier. Nosbusch sagt, sie überlegt, mit den Kindern nach Deutschland zurückzugehen. Vielleicht nach Berlin.

Für alle Unterhaltungsfälle

Anfang der 80er Jahre? Die Filme mit den Sex-Szenen? Die Fotos? Oh Gott, sagt Désirée Nosbusch, das sei die schlimmste Zeit ihres Lebens gewesen, grauenhaft. „Ich bin damals völlig verloren gewesen. Ich hatte keine Ahnung, wer ich bin“. Sie trinkt einen Schluck Mineralwasser. „Sie müssen sich das so vorstellen: Ich war 16 Jahre alt und ohne jede feste Identität, und es war so, als würde sich unter meinen Füßen der Boden öffnen. Das war mein Lebensgefühl in dieser Zeit.“

Man muss sich erinnern: Désirée Nosbusch war mit zwölf bereits eine Art Kinderstar, sie hatte eine eigene Sendung bei Radio Luxemburg, sie trat häufig im Fernsehen auf. Sie moderierte, sie interviewte und wurde interviewt, und dies alles schon sehr früh in mehreren Sprachen, englisch, italienisch, deutsch, französisch. Ihre Zukunft als braves, nettes Multitalent für alle Unterhaltungsfälle der Showbranche schien klar vorprogrammiert zu sein. Sie hatte damals eine nette Pony-Frisur und für Fototermine drückte man der Kleinen gerne ein Stofftier in die Arme.

Etwas genauer betrachtet hätte man allerdings schon damals gewisse Brüche ahnen können. Normalerweise stecken hinter solchen Karrieren geschäftstüchtige, ehrgeizige Eltern. Bei ihr war das nicht der Fall. Désirée stammt aus einfachen Luxemburger Verhältnissen, ihr Vater ist LKW-Fahrer. Sie konnten mit der neuen Welt ihrer Tochter nie wirklich etwas anfangen. Als Ratgeber waren sie nicht geeignet. Auf die Frage, ob er denn manchmal auch ein bisschen neidisch auf den Erfolg seiner Tochter sei, antwortete der Vater: „Nein, gar nicht. Sehen Sie, meine Tochter weiß nie, wo sie Dienstag in vier Wochen ist. Ich weiß das: Ich sitze jeden Dienstag mit meinen Freunden zusammen. Und das ist mir sehr wichtig.“

1981 schlug die Bombe ein

Dazu hatte die 16-Jährige den eher zwielichtig erscheinenden Manager Georg Bossert, der auch damals schon, obgleich 30 Jahre älter, ihr Lebensgefährte war. Von Bossert löste Désirée Nosbusch sich erst im Jahr 1990. Da er inzwischen verstorben ist, sagt sie, möchte sie sich über ihn und ihre Beziehung nicht weiter äußern. Nur vielleicht soviel: Glücklich sei diese Liaison nie gewesen, und geliebt habe sie Herrn Bossert auch nicht. Ansonsten möchte sie dazu wirklich lieber schweigen.

Von solch Hintergründigem hatte ich als junger Mensch natürlich keine Ahnung, als im Jahr 1981 sozusagen die Bombe einschlug. Die brave Désirée spielte die spektakuläre Hauptrolle in dem sehr schlechten Film „Der Fan“ von Eckard Schmidt: Ein Groupie (Désirée Nosbusch) verbringt die Nacht mit einem Musiker, als der sie am nächsten Morgen wegschicken will, tötet sie ihn und, ja, isst ihn auf. Sie hat in dem Film nur mitgemacht, sagt sie, weil ihr der Regisseur weisgemacht habe, es gehe um Kunst, und von ihrem Körper sei sowieso fast nichts zu sehen. Stattdessen wurden die Bilder ohne ihr Wissen in verschiedenen Zeitschriften gedruckt, mit so fröhlichen Überschriften wie: Ein junges Mädchen macht sich frei. Gedemütigt habe sie sich gefühlt, sagt Désirée Nosbusch. Und den Regisseur Eckart Schmidt habe sie ziemlich lange gerne als „einzigen Feind in meinem Leben“ bezeichnet. Doch inzwischen habe sie mit ihm mal einen Kaffee in Los Angeles getrunken, „wir haben uns ausgesprochen“.

So schnell kann ein Fan zum Schwein werden. Ich meine nicht das fressende Groupie. Ich fühle mich für einen Moment fast ein bisschen schlecht, im Angesicht des Opfers sozusagen. Ich fand also etwas toll und sexy, was durch Betrug und Arglist zustande kam, durch Gemeinheit. Ich könnte nun etwas murmeln von Stars und deren Anhängern, vom Unterschied zwischen Objekt und der Wirklichkeit. In dem Münchner Hotelfoyer bin ich aber in erster Linie froh, dass Frau Nosbusch nicht plötzlich den Blick auf mich richtet und fragt: Könnten Sie bitte mal erzählen, was Sie an mir ausgerechnet damals, in diesem Film so großartig fanden, an einem solchen Schrott? Für wen haben Sie denn sonst noch geschwärmt? Schildern Sie doch mal: Wer waren Sie denn damals?

Nein, Désirée Nosbusch ist sehr freundlich und nett. Wir trinken Wasser und Espresso und auch ein Glas Champagner und reden, auch davon, dass sie sich in jener Zeit, als ihr Ruf sowieso schon ruiniert war, in einer Talkshow über die Leibesfülle des damaligen bayerischen Ministerpräsidenten Franz Josef Strauß ausgelassen hatte (der aktuelle Anlass war eine Diskussion über eine dicke junge Frau, die wegen ihrer vielen Kilos nicht Beamtin in Bayern werden durfte).

Und irgendwann kommen wir dann doch noch mal genauer auf dieses Jahr 1981 zu sprechen. Gut, die Sache mit den Bildern ist schief gelaufen, aber dass sie überhaupt mitspielt in einem solchen Splatter-Film, muss doch beabsichtigt gewesen sein, schließlich steht doch auch im Drehbuch, dass sie ihren Schwarm aufisst. Ja, ja… sagt sie… das sei schon geplant gewesen, „ich wollte das brave Bild von mir korrigieren, ein anderes dagegen stellen“. Sie habe in jener Zeit auch verschiedene Rollenangebote erhalten, alles so Marke Krankenschwester in der Schwarzwaldklinik, „und das wollte ich auf keinen Fall“.

Für den Oscar geprobt

Aber 20 Jahre später sieht Désirée Nosbusch in dieser Bemühung, sich zu ändern, nichts Positives mehr. „Es hatte mit meiner Unsicherheit, meiner Krise zu tun“. Was sie damals eigentlich genau sein wollte? Sie weiß es nicht. Sie sagt, bis heute leide sie an ihrer wackligen Identität, aber sie habe große Fortschritte gemacht, auch mit Hilfe einer Therapie, „ich bin auf einem richtigen Weg“.

Vor 20 Jahren. Weiß ich denn noch, wer ich selbst damals war? Kann mich auch kaum erinnern. Vermute mal, wenn mich jemand gefragt hätte, ob ich gern ein anderes Image haben möchte, hätte ich ja gesagt. Aber es hat niemand gefragt. Es wollte auch niemand wilde Fotos von mir aufnehmen. So gewöhnt man sich möglicherweise leichter an das eigene Sein.

Désirée Nosbusch ging 1982 nach New York auf eine private Schauspielschule, „das war für mich die Rettung, weg aus Deutschland zu sein“. Eine Aufgabe in der Schule war es, immer wieder neu an der Dankesrede zu feilen, die man halten würde, wenn man eines Tages einen Oscar gewinnt. Sie freundete sich mit dem Sohn von Leonard Bernstein, und lernte auch den Vater kennen. Sie sollte in der Fernsehserie „Dallas“ mitspielen, eine feste Rolle, aber sie lehnte ab. Sie wollte sich nicht so festlegen. Als sie dann Mitte der 80er Jahre nach Deutschland zurückkam, waren die Skandälchen vergessen.

Heute ist Désirée Nosbusch so gut im Geschäft wie nie, sicher auch, weil sie sich ihrem Business angepasst hat. Sie ist viel gefragte Moderatorin für Veranstaltungen und Galas. Sie dreht unter anderem für Sat 1 eine Fernsehserie, in der sie eine Kommissarin spielt. Sie führt auch selbst Regie, hat etwa gerade einen Kurzfilm gedreht, in der Hauptrolle der alte Hollywood-Star Tippi Hedren, die einst von Hitchcocks „Vögel“ gejagt wurde.

Wenn man sich nicht wohl fühlt in der eigenen Haut, und sich deshalb immer wieder verändern will: „Das ist ein Virus“, sagt Désirée Nosbusch, „ich hoffe, ich bin ihn los“.

In unregelmäßigen Abständen schreiben Tagesspiegel-Autoren an dieser Stelle über ihre Jugendidole.

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