Die Stadt : Auf der anderen Seite

Hamburg ist seine Stadt, doch die Orte, an denen Fatih Akin hängt, verschwinden langsam. Mit seinem neuen Film will er sie bewahren – unserer Autorin hat er sie einen Tag lang gezeigt.

Deike Diening
314171_0_73792632.jpg Foto: Roderick Aichinger
In der Astra-Stube drehte Regisseur Fatih Akin für seinen aktuellen Film "Soul Kitchen". EIgentlich sollten die Räume der Bar mit...Foto: Roderick Aichinger

Fatih Akin beugt sich über den Tisch nach vorne, er hat, sagt er, neben allem Erfolg ein seltsames, schwer erklärbares Problem: Dinge, die er filmt, werden wahr. In „Gegen die Wand“ erfahren die Eltern der türkischen Hauptfigur aus der Zeitung über deren Heirat und verstoßen daraufhin die Tochter. Kurz darauf erfahren die Eltern der Schauspielerin Sibel Kekilli aus der Zeitung über deren Vergangenheit als Darstellerin in Sexfilmen. „Auf der anderen Seite“ setzt sich mit dem Tod auseinander. Kurz darauf stirbt ein guter Freund Akins. Und jetzt?

Fatih Akin sitzt umwölkt von Bratfischduft in der „Veddeler Fischgaststätte“ vor frittiertem Seelachs mit Pommes. Sein neuer Film „Soul Kitchen“ handelt neben allerlei Beziehungskatastrophen von einem skrupellosen Investor, der einem vom Pech verfolgten Restaurantbesitzer dessen gerade schick gewordenes Lokal abjagen will. Ein bedrohter Ort in Hamburg. Gentrifi-Dingsbums. Gott sei Dank ist die Veddeler Gaststätte das Gegenteil eines schicken Lokals, die Ausnahme, ein allerletzter unangreifbarer Ort, deshalb hat Akin ihn ja ausgesucht. Ha, ein Geheimtipp, schwer zu finden, nur die Leute vom Zollamt gehen hier essen, sagt er, und das seit bald 75 Jahren. Leute, die im Hafen arbeiten, ironiefreie Pomadeträger, kastenförmige Frauen, von Windjacken umgeben. Stoisches Personal vermittelt seit den 50ern Kontinuität, an den Wänden verblassen Bilder von Ozeanschonern, da hängen Fischernetze und Krebse. Dieser Ort, sagt Akin, war die Inspiration für sein Film-Lokal. Fischernetze inklusive.

Aber sein neuer Film ist noch nicht einmal draußen – er läuft am 25. Dezember an – da ist in der Stadt eine Diskussion entbrannt wie schon lange nicht mehr. Wird jetzt etwa wieder ein Akin-Film wahr? Es geht darum, was Investoren aus der Stadt machen, an mehreren Stellen zugleich hat sich Widerstand gebildet. Die „Zeit“ veröffentlicht ein ganzseitiges Manifest der Künstler, die das historische Gängeviertel besetzen, das an einen Investor verkauft werden soll. Künstler nisten auch im alten, leeren Karstadt in der Fußgängerzone von Altona, wo bald ein Ikea einziehen soll. Der legendäre Mojo-Club ist längst abgerissen. Und an der Sternbrücke wehren sich die Astra-Stube und der Wagenbau gegen eine Kündigung ihrer Mietverträge durch die Bahn.

Akin hat mit „Soul Kitchen“ eine Komödie hingelegt, die mit großer Leichtigkeit die Laune verbessert. Aber die Motivation für den Film war auch, seinem heute vierjährigen Sohn später zeigen zu können, wie Hamburg einmal war. Neben der sprühenden Fiktion steht eine stille, melancholische Dokumentation. Akin hat an all diesen bedrohten, gerade verschwindenden Orten gedreht. Der Film handelt ja nur vordergründig von Beziehungsproblemen seiner Protagonisten.

Und deshalb kann man mit Fatih Akin, aufgewachsen in Altona, am Morgen dieses hellen Wintertages in seinen total gentrifizierten Land-Rover steigen. Der Produktionsfahrer lenkt, Akin erzählt.

Wie er seiner Stadt Hamburg ein Denkmal setzen wollte. Dass er eine Stadtentwicklung nachzeichnen wollte, wie sie Ottensen in den letzten 20 Jahren durchgemacht hat. Akin brauchte zum Drehbeginn Orte. Zufällig brauchte er auch eine Babybadewanne, deshalb ging er zu Baby-Walz am Gänsemarkt, mitten in der Stadt, und als er mit der Wanne aus dem Laden trat, blickte er gegenüber auf das Gängeviertel, ungenutzt verfallend, schön. Die alten Fassaden der Häuser sprachen zu ihm. Es waren solche, wie er sie mochte. Sie hatten Patina, erzählten über ihre Details von der Sorgfalt der Bauherren und der Schwere ihrer Traglasten. Die Häuser des Gängeviertels waren umgeben von Neubauten, die immer näher heranrückten, Akin sah die Kontraste der Stadt in einer einzigen Einstellung. Hier sollte sein Hauptdarsteller wohnen.

Das Gängeviertel war zu diesem Zeitpunkt noch dermaßen unbekannt, dass man nicht sehen würde, wo es genau lag. Das war gut so. Es sollte kein „ach ja, das Gängeviertel“ geben, kein „klar, die Schanze“. Er wollte zwar eine Verbeugung vor Hamburg, aber keine Stadtteil-Folklore . Akin wollte ein Paradox: Zugleich sollte der Film eine Hommage an Hamburg werden, seine eigene Biografie sollte darin enthalten sein. Andererseits wollte er aus diesem Anlass selbst neue Orte finden. Er hatte nicht vor, sich zu langweilen.

Akin schält sich aus dem Wagen. Er engagiert sich für das Gängeviertel, hat hier vor einem Jahr am Tag der offenen Tür Musik aufgelegt, und jetzt wird in allen Medien über das Viertel gesprochen. Überregionale Berichterstattung, für die paar Häuser! In Berlin würde man sich kaputtlachen. Das Cookies würde ausziehen und den Club halt woanders eröffnen.

Aber in Hamburg, sagt Akin, ist der Umgang mit diesen Häusern ein Symbol für die gesamte Politik. Außerdem sind es die letzten Häuser dieser Art.

Er mag sowieso keine neuen Gebäude. „Das Neue altert schneller als das Alte“, sagt er und zeigt auf das Hochhaus nebenan, das jetzt schon neu verkleidet werden muss. „Neue Häuser sind wie Hotels.“ Heute gebe sich keiner mehr Mühe für etwas, das sich nicht sofort auszahlt. Alle reden über Baukultur, aber dann entstehe doch Investorenarchitektur. Dabei ist es ja diese Mühe, „die man später einmal Kultur nennt“. Er selbst wohnt in einem Altbau in Ottensen, in einer alten Fischfabrik von 1836, die erst zur Kaffeerösterei und dann eine Lederfabrik wurde, bevor Akin mit seiner Familie einzog, und wo von nun an nur noch Geistiges produziert wird. Fatih Akin, „ich glaube an Gespenster“, ist sich sicher, dass sich in alten Häusern vom Wesen ihrer Bewohner etwas ablagert.

Den Zustand einer Gesellschaft erkennt man auch an ihren Neubauten, findet Akin. Wenn man von denen ausgeht, ist von der Gegenwart nicht viel zu erhoffen. Dieses Glatte, Funktionale, Zweckgerichtete. Fatih Akin holt jetzt aus. Wir sitzen in seinem Land-Rover auf Ledersitzen und er spricht davon, dass rechts und links am Fenster der bauliche Ausweis für den Mangel an Mitgefühl in diesem Land vorbeigleitet. Jeder maximiert seine Bruttogeschossfläche. So wenig liebevoll gebaut wird, so wenig Liebe und Sorgfalt fließt auch in den Umgang mit anderen.

Akin springt an einer zugigen Ecke aus dem Wagen. Sieben Bagger äsen in einer Baugrube, wo einmal der Mojo-Club stand und bald ein Hochhaus wachsen wird. Wer eine städtische Konstante sucht, findet bloß den Lärm. Akin ruft gegen das Baggerbrüllen der Gegenwart seine Erinnerung an: Wie er als Zehnjähriger im Mojo seinen Kindergeburtstag gefeiert hat, da gab es noch einen Billardsalon, er und seine Freunde hingen mit ihren langen Queues gerade mal so über die Tischkante. Immerhin hat er es geschafft, vor dem Abriss des Gebäudes, als der Club schon lange geschlossen war, für „Soul Kitchen“ darin noch eine Bar-Szene zu drehen.

Man sieht es nicht so vor lauter temporeichen Dialogen, vor lauter Witz und Leichtigkeit des Films, aber Akin konserviert in „Soul Kitchen“ auch seine Jugend, sein Aufwachsen und seine Vorstellung davon, was eine Stadt sein sollte. Im Gegensatz zur Hausbesetzerszene hat sein Protest gegen Investoren nichts Revoluzzerhaftes, nichts Umstürzlerisches, sondern etwas Bewahrendes. Es geht nicht um Revolution. „Da bin ich wertkonservativ.“

Akin, 36 Jahre alt, ist betroffen von der Melancholie des erwachsenen Mannes. Sie packt ihn auch in der Fußgängerzone von Altona angesichts des ruinösen ehemaligen Karstadt-Gebäudes. Als es noch voll im Schwung war, hat er sich regelmäßig durch die Drehtüren nach innen spülen lassen, um nach der Schule sein Taschengeld auszugeben. Seine erste Platte, „Parade“ von Prince, fand so zu ihm. Demnächst soll hier Ikea eröffnen, der Protest dagegen, den Akin nur unterstützen kann, firmiert unter dem Namen „Frappant“. Ikea, findet Akin, gehört an den Stadtrand. Die umliegenden Läden versprechen sich zwar auch ein Geschäft, aber Akin glaubt, sie vergessen, dass Ikea eine Welt für sich ist, in der man immer länger zubringt als geplant, und wo man, wenn man herausstolpert, nur noch nach Hause will. Niemand wird in der Gegend essen, alle werden immer nur Köttbullar wollen und wieder heimfahren.

Da kommt eine Frau auf ihn zugelaufen, die Digicam läuft schon. Ob er vielleicht ein Statement abgeben könne, für die Künstler der Frappant-Initiative, die temporär die Räume nutzen. Also, sie müssen raus, was er davon halte.

Akin reckt sich. Er findet das nicht gut.

Ähm, was er tun werde, wenn hier Ikea einzieht?

Der Regisseur steht im Taubendreck vor seinem alten Karstadt in Altona und sagt mit trauriger Miene: „Wahrscheinlich ziehe ich weg. Ich weiß nicht, was dann für Leute hierherkommen.“ Es ist ja doch ein bisschen nutzlos, der Protest, sagt er später. Ikea ist beschlossen.

Aber dann geht es in die Astra-Stube unter der Sternbrücke, wo Protest zu einem unerwarteten Erfolg geführt hat. Ein paar bange Monate hieß es, der Club müsse geräumt und seine Räume komplett mit Beton verfüllt werden, um die konstruktive Sicherheit der Brücke zu gewährleisten. Nach dem öffentlichen Aufschrei wurde ein zweites Gutachten in Auftrag gegeben, als Ergebnis haben sie für vier Jahre einen neuen Mietvertrag bekommen. Vier Jahre! So lange wie noch nie! An der Theke stehen verblüffte Leute, die von sich sagen, „ich bin ja sonst eher politikverdrossen“. Aber diesmal habe sich das Wehren gelohnt.

Veränderung, findet Akin, sei ja gar nicht immer schlecht. Die Leute kämen nach Altona und sagen: Schick geworden. „Aber wenn du hier lebst, gehörst du zu denen, die sich über den Wandel beschweren.“

Die Bewohner träumen wie er selbst „Zardos“ hinterher, dem Plattenladen „von der Sorte, wie man selbst gerne einen hätte“: zwei Stockwerke Platten, unten ein Café, die Leute blieben Stunden. Dort ist heute die Filiale einer Coffeeshop-Kette. Spätestens da war Akin klar, dass der Stadtteil seinen G-Punkt erreicht hatte, der Prozess des Gentrifi-Dingsbums nicht mehr aufzuhalten war. Er suchte als Hauptdrehort für seinen Film einen Ort, der heute ist wie Ottensen vor 20 Jahren war. Der eine ähnliche Entwicklung noch vor sich hätte. Fatih Akin fand Wilhelmsburg.

Der Fahrer fädelt sich in den Verkehr ein und nimmt die Kurve über die Elbbrücke. 20 Minuten braucht man von der Innenstadt mit dem Auto auf die andere Seite, weit für Hamburg, weshalb die Mieten die Hälfte kosten. Wir fahren durch Gründerzeitstraßen, bewohnt von Studenten und Türken. „Wilhelmsburg kommt“, sagt Akin. Im Stadtentwicklungsdeutsch heißt das „Sprung über die Elbe“. Aber viele sagen, Wilhelmsburg sei wie Friedrichshain in Berlin: „im Kommen“, dauernd, seit Jahren. Doch nie ist es da.

Akin zeigt die Halle im Gewerbegebiet, die sie als Drehort für „Soul Kitchen“ benutzt haben. Sie haben hier Wochen verbracht. Er ist begeistert von der Lage am Wasser. Der Wagen gleitet durch stille Straßen und hält dann vor dem Café „Kaffeeliebe“, das Akins Freundin Sengül Bulut hier eröffnet hat, weil Ottensen ihr zu teuer wurde. Sie ist wirklich gesprungen über die Elbe, vor zwei Jahren. Aber es sieht so aus, als sei ihr niemand gefolgt, außer Akin für die Dauer eines Drehs. „Guckt mal, da ist ein neues Tattoo-Studio“, ruft er erfreut. Okay, das war bei ihrem Dreh noch nicht da.

Aber Sengül Bulut hat im Moment trotzdem nicht das Gefühl, die Vorhut eines Trends zu sein. Ihr Café ist einladend, sehr Ottensen, aber am Tag zuvor hat man sie ausgeraubt, sie hat sich ablenken lassen von einer Bande, die als Familie auftrat, Vater, Mutter, Kind. Als ihr irgend etwas komisch vorkam, war das Geld aus ihrer Tasche hinten im Raum schon weg und das Trio auch. Die Pionierin hat keine Lust mehr, sie ist niedergeschlagen, so viel heiße Luft, immer nur Schaum auf dem Kaffee. Die Leute, sagt sie, haben hier vor dem Neuen Angst.

„Zieh du doch her,“ schlägt der Fahrer Akin vor. Und es ist ja nicht so, dass er es nicht überlegt hätte. Er hätte es vielleicht gemacht, wenn es schon etwas mehr als den Lidl gäbe, wenn die Infrastruktur besser wäre, seine Frau auch gewollt hätte und man diese Häuser am Wasser gegen Hochwasser hätte versichern können. Zu viele Konjunktive.

Akin selbst, der Junge aus Altona, wird zu seinem Leidwesen nach all den Bären und Goldfiguren, die man ihm verliehen hat, auch nicht mehr als der Alte gesehen. „Dann sagen die Leute, jetzt kommen die Promis, es wird teuer.“ Der Regisseur des Rauen, Kämpfer für Freiräume, nimmt in Ottensen Schleichwege, um nicht erkannt zu werden, so weit ist es schon. Er wirft sich tatsächlich vor, dass Ottensen auch durch ihn so angesagt wurde. Wenn einer wie Akin sich überhaupt fürchten kann, dann davor, auf der anderen Seite gelandet zu sein. Selbst als einer zu gelten, durch den die Stadt unerschwinglich wird.

Nur in der Veddeler Fischgaststätte ist noch alles beim Alten, sagt der Fahrer, als er auf den Parkplatz einbiegt. Man kann sie ja kaum finden, er selbst hat sich schon verfahren. Nur die Leute vom Zollamt gehen hier essen. Leute, die im Hafen arbeiten, ironiefreie Pomadeträger, kastenförmige Frauen, von Windjacken umgeben. Stoisches Personal vermittelt seit den 50ern Kontinuität.

Und da tritt durch den Windfang Tom Buhrow. Mit seiner Frau. Zum Mittagessen. Tom Buhrow nennt man „Anchorman“, aber was hat er sonst mit dem Hafen zu tun?

Kann doch nicht sein, sagt Fatih Akin draußen auf dem Parkplatz. Ich schreibe so eine Geschichte, und schon wieder wird sie wahr.

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