Die Stadt : Die dunkle Seite von Tel Aviv

„Ajami“ – so heißt der israelische Film, der heute Nacht einen Oscar gewinnen könnte. Er spielt im gleichnamigen Viertel von Tel Aviv, das trotz Drogen und Gewalt gerade von Investoren entdeckt wird. Ein Besuch

Georg Cadeggianini
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Szene aus Ajami.Foto: Neue Visionen

Eigentlich ist es noch zu früh für einen Mord. Nicht schon nachmittags. Nicht, wenn es noch hell ist. Judit trinkt mit ein paar Freunden gerade ein Glas Wein auf ihrem Balkon in der HaDudaim Straße. Es ist Shabat, Kinderlärm dringt von der Straße rauf, die Woche klingt aus.

Ein Motorrad fährt vor. Ein Name wird gerufen. Irgendjemand schaut auf – und wumm. Vier Schüsse zerreißen die Luft. Menschen fliehen von der Straße. Panische Stille. Ein Mann bleibt verrenkt liegen. Ein Motorrad gibt Vollgas. Dann Schreie, Kreischen. Später wird es heißen, die zwei Männer haben das Opfer wohl nicht gut genug gekannt, haben aus Versehen den Falschen erwischt. Das komme öfters vor, hier in Ajami.

Judit sagt: „Mich hat das Gemeinschaftsgefühl hierhergebracht. Die menschliche Nähe.“ Shahir sagt: „Ich mag den Winter in Ajami. Wenn es tagelang nur regnet und der Schmutz die Straßen runterläuft.“ Reshef sagt: „Ajami ist mein crazy Lover; lässt mich himmelhoch jauchzen und manchmal in die Gosse fliegen.“ Ruti sagt: „Es muss mehr Polizei her.“

Judit, Shahir, Reshef und Ruti leben in Ajami. Der gleichnamige Spielfilm, der am Donnerstag in die deutschen Kinos kommt, macht genau dieses Viertel zum Helden, er erzählt zwischen Blutrache, Drogendeals und heimlicher Liebe vom Alltag menschlicher Tragödie. Mit großem Erfolg: in Israel mit dem wichtigsten Filmpreis, dem Ophir, fünffach prämiert, in Cannes ausgezeichnet, in der Kategorie bester nichtenglischsprachiger Film nominiert für den Oscar, der in der Nacht zum Montag verliehen wird.

Der Film beginnt mit einem Mord, erzählt das nach, was Judit damals von ihrem Balkon aus beobachtete. Natürlich hat sie „Ajami“ schon gesehen. Sie nennt ihn ein Konzentrat des Viertels. „Es ist mir passiert. Es ist den anderen passiert. Wenn man das, was ich hier die letzten Jahre erlebt habe, auf zwei Stunden konzentriert, dann hat man den Film.“

Ajami liegt ganz unten, im Süden von Tel Aviv. Ein kleines Stück schmutzige Hauptstraße schneidet es von den Touristenströmen ab, die am alten Hafen durch die Fischlokale geschleust werden oder in der schick renovierten Altstadt von Jaffa bummeln. In Ajami leben etwa 10 000 Menschen, hauptsächlich Araber, rund die Hälfte von Sozialhilfe. Viele der Häuser hier sind baufällig. Clans, Drogen, Gewalt beherrschen die Straßen.

„Wir begegnen kritischen Situationen mit extremen Lösungen“, sagt Shahir Kabaha, 25, der die Hauptfigur im Film „Ajami“ spielt. „Nimm eine Katze und binde sie auf einen Stuhl: Sie wird kratzen, beißen, strampeln. Die Araber hier sind die Katzen.“ Shahir steht der Mund immer ein bisschen offen. Das sieht ein wenig naiv aus und vor allem sehr freundlich. Er ist Laienschauspieler, so wie fast alle der insgesamt 200 Darsteller des Films. Jeden Tag arbeitet er sechs Stunden lang in der Bäckerei seiner Familie, verkauft Blätterteigtaschen. Er steht unter der roten Markise des kleinen Geschäfts, in hebräischen Lettern steht da „Ba li Burekas“, daneben ein Smiley, dem zwei Beine aus dem Kopf wachsen. „Ba li“ heißt auf Hebräisch „Ich habe Lust auf“, „Burekas“ ist arabisch für „Börek“. Auch im Film ist das Arabische mit viel Hebräisch durchmischt. „So wie wir halt hier sprechen“, sagt Shahir. „Wir haben unsere eigene Kultur eingestampft.“

Shahir hat ein warmes, langes Lächeln. Er drückt die Zunge gegen den Oberkiefer, rutscht dann mit der Zungenspitze die Schneidezähne herunter. Es ist, als ob er während des Lächelns lispelt.

Er, der Bäcker, ist jetzt ein Star hier, hat einen Agenten, nimmt Schauspielunterricht, darf mit nach Los Angeles zur Oscarverleihung. „Ich will die erste arabische Celebrity in Israel für Juden und Araber werden.“ Er reckt das Kinn. „Ich glaube, ich kann das.“ Ein Smiley auf zwei Beinen.

Nach der Arbeit sitzt Shahir häufig im Shisha-Café gegenüber. Raucht blubbernd, löst Kreuzworträtsel, dazu ein Energydrink. Es sind Alte und Junge, die hier in Korbstühlen sitzen, Karten oder Backgammon spielen. Die Alten erzählen noch von der Ajami-Mischung, einem Tabak aus dem Iran. Shahir raucht „two apples“, massengefertigt in Ägypten.

Ob er ein Israeli sei, wurde er neulich im israelischen Fernsehen gefragt. „Welches Israel?“ Shahir blubbert. „Die Fahne spricht nicht zu mir. Die Lieder sprechen nicht zu mir. Wenn ich einen Kalender kaufe, sind nur jüdische und keine arabischen Feiertage eingezeichnet.“

An der Wand im Shisha-Café hängen ein paar Fotos. „Wir müssen hier alles selbst lösen“, sagt Shahir. „Leider oft mit Gewalt.“ Der Mann rechts unten auf der Fotowand etwa sei ganz in der Nähe erschossen worden. Shahir wächst auf mit all den Geschichten, den Schüssen, den Schreien. „Ballert jemand zwei Mal vor deinem Haus in die Luft, bedeutet das: Du bist ein toter Mann. Es ist nur noch eine Frage der Zeit.“ Als Shahir nach einer Schießerei auf die Straße rennt, da war er gerade mal 16, lag da einer, die Beine voller Kugeln, direkt vor dem Haus seiner Eltern.

Auf dem Weg vom Shisha-Café nach Hause stehen drei Polizeiwagen auf dem Gehweg, eine Hausdurchsuchung. Ob er sich geschützt fühle durch die Polizei? „Wie denn das? Für die bin doch ich die Bedrohung.“ Er hält einen Moment inne, schaut an sich runter. Auf seine offen gebundenen weißen Sneakers, Streifen in Grün, Gelb, Rot auf der Seite. Das violette T-Shirt, die blütenweiße Trainingsjacke darüber. „Die würden mich gar nicht erkennen. Die würden mich für einen Juden halten.“

Reshef Levin, 34, ist Jude. Er hat Management und Soziologie studiert, betreibt eine kleine Internetseite. Vor fünf Jahren ist er nach Ajami gezogen, ein paar Freunde wohnten da schon hier. Zuerst war es nur die billige Miete. Inzwischen kann Reshef sich nicht mehr vorstellen, wegzuziehen. Er mag die Spannung, das Nebeneinander von Muslimen, Juden und Christen, von Arm und Reich, Palast und Baracke, Tradition und Moderne. „Ich höre die Hühner im Hinterhof und bin trotzdem in zehn Minuten in der City.“ Dazu der leere, schöne Strand. Authentisch sei es hier. Die Gebäude, viele noch aus der Zeit des osmanischen Reichs, dazu fünfmal am Tag der Muezzin. „Es gibt dir das Gefühl, woanders zu leben und trotzdem in ein paar Minuten wechseln zu können.“

Genauso selbstverständlich, wie ihn sein arabischer Nachbar zur Hochzeit seiner Tochter eingeladen hat, war auch, dass er auf keinen Fall absagen würde. „Ich will achtsam und respektvoll mit den Leuten umgehen, die hier schon vorher gewohnt haben.“ Aber er kennt auch die anderen Blicke. Die voller Wut. Vor allem von jungen Arabern. Meinen sie ihn oder den israelischen Staat?

Reshef steht im vor wenigen Monaten neu eröffneten Midron-Park. Hier, sagt er, verstünde man Ajami am besten. Noch vor ein paar Jahren war der Park ein gigantischer Müllberg. Hier landeten die Trümmer von etwa 3000 Häusern aus Ajami, die die Tel Aviver Stadtverwaltung in den 70er und 80er Jahren einreißen ließ. Dazu kam illegaler Müll. Am Schluss war der Berg 15 Meter hoch, schnitt Ajami jahrzehntelang vom Meer ab, Bewohner wurden krank.

Heute schlängeln sich Teerwege durch Hügel mit britisch gestutztem Rasen, alle paar Meter steht eine kantige Laterne, Bänke, Sonnenschutz, ein Amphitheater ist geplant: Über zehn Millionen Euro hat Tel Aviv investiert. „Ich mag den Park“, sagt Reshef. „Aber ich verstehe auch, warum ihn manche hassen.“ Reshef dreht sich um, das Meer im Rücken, schaut auf die Kedem-Straße. Bretterbuden und baufällige Häuser. Putz bröckelt, anstatt eines Dachs flattert eine blaue Plane im Wind, gehalten von ein paar Ziegelsteinen. Direkt daneben hoch sanierte Paläste, die die alte arabische Bauweise aufnehmen. Kalkstein, Spitzbögen, fünf Meter hohe Räume, mit den typisch runden Lüftungsfenstern knapp unter der Decke. Die Hitze steigt nach oben und wird vom Meerwind hinausgetragen: eine natürliche Klimaanlage. Aber da sind auch die gusseisernen Zäune, die vergitterten Fenster, die eingebauten Garagen. Teure Autos sieht man in Ajami nicht herumstehen.

„Viele Reiche, die sich heute hier ein Haus leisten können, mauern sich ein“, sagt Reshef. Vor fünf Jahren konnte man hier für 50 000 Dollar ein Haus kaufen. Heute verlangen die Makler für die gleichen Grundstücke 1,2 Millionen. „Wenn das so weitergeht“, sagt Reshef, „wird das hier das Beverly Hills von Tel Aviv.“

Klar, dass dort kein Platz mehr sei für die, die weniger Geld haben. Auch für die meisten Araber nicht, selbst wenn sie hier schon seit Generationen wohnen. „Die Leute, die hier leben, sind für viele nur noch das Hindernis zwischen ihnen und ihrem Haus am Meer.“ Sollen sie halt umziehen, heißt es, wenn sie sich das hier nicht mehr leisten können.

Ruti Shatat wurde in Ajami geboren, in dem Haus, in dem sie heute noch lebt. Sie ist Jüdin, 50 Jahre alt. Ihre Eltern haben das Haus vom Staat gekauft, nachdem sie 1950 aus dem Irak eingewandert waren. In der Nachbarschaft hier leben viele Araber, Ruti selbst hat einen geheiratet. „Früher waren wir hier wie eine große Familie“, sagt sie, „einer bringt eine Melone, der andere Sesamkringel, der dritte Nüsse. Und wir essen alle zusammen. Egal, wer du bist. Egal, wo du herkommst. Ich hatte nie Angst.“ Seit zehn Jahren, seit der zweiten Intifada, sei das anders. Ihr Auto wurde aufgebrochen, eine Scheibe ihres Hauses eingeschmissen, vor zwei Monaten wurde sie ausgeraubt. Nie hätte sie gedacht, dass sie mal mit einem Gasspray rumlaufen würde. „Früher hatten wir nicht mal ein Türschloss im Haus.“

Im Judentum wird die Religion von der Mutter vererbt: Ein Jude ist, wer eine jüdische Mutter hat. Ruti hat ihre 17-jährige Tochter jüdisch erzogen. „Als Jüdin hat man es einfach leichter.“ Und trotzdem wird die Tochter in manche Clubs in Tel Aviv nicht reingelassen, weil auf ihrem Ausweis der Vorname des Vaters steht: Muhammad.

Vor ein paar Jahren bekam Ruti Besuch von zwei Palästinensern. Deren Familien hatte das Haus vor der israelischen Staatsgründung gehört. Während des Unabhängigkeitskrieges waren sie geflohen. Ein Gesetz erklärte verlassene Grundstücke zu Staatseigentum. „Sie wollten das Haus noch mal sehen. Einer legte beide Hände auf die Tür, die noch genau dieselbe wie damals ist.“ Ruti zieht ihre dünn gezupften Augenbrauen zusammen. „Irgendwie spürte ich, dass es ihr Haus ist.“

Wem gehört welches Haus? Wer darf wo wohnen? Viele Araber haben in der chaotischen Zeit um die israelische Staatsgründung einen Mietvertrag für ihr eigenes Haus unterschrieben, häufig mit Fingerabdruck. Deswegen gehören viele alte Häuser hier der staatlichen Wohnbaugesellschaft. Und in den letzten zwei Jahren haben 498 Familien in Ajami Räumungsklagen zugestellt bekommen.

Die Jüdin Judit, 50, ist Künstlerin und Fotografin. Sie wohnt seit 18 Jahren in Ajami, hilft und berät, wenn Familien droht, das Dach über dem Kopf zu verlieren. Sie wird angefeindet, von Siedlern, von Orthodoxen. „Die Araberfreundin“, sagen sie. Deswegen will sie lieber weder ihren Nachnamen noch ein Bild von sich in der Zeitung haben. „Hier in Ajami wird systematisch gentrifiziert“, sagt Judit. „Wer kein Geld hat, fliegt raus.“

Ihre Freundin etwa: arabische Christin, drei Kinder, der Mann heroinabhängig, sie selbst hält die Familie mit einem Catering-Service über Wasser. An einem Donnerstag vor drei Jahren hat sie den Räumungsbescheid bekommen – für Sonntag: Polizei, Bulldozer, Sozialarbeiter, das ganze Aufgebot. „Am Samstag haben wir mit 120 Leuten die Wohnung besetzt“, erzählt Judit. Die Freundin wohnt immer noch dort, in einem Verschlag zwischen Palästen. Das Gerichtsverfahren läuft noch. Sie habe gute Chancen, meint Judit.

Früher hat Judit in Tel Aviv gewohnt, nahe des Hilton-Hotels, eine gute Wohngegend. Aber heimisch, erzählt sie, wurde sie dort nicht. „Obwohl ich mich bemüht habe, kannte ich dort selbst nach Monaten niemanden.“ Hier in Ajami aber, hier hielten die Leute zusammen.

Und dazu gehöre eben auch die Schattenseite, das Schweigen. Natürlich habe sie schon oft gesehen, wie jemand eine Waffe versteckt hat, nachdem es geknallt hat. „Keiner spricht hier darüber.“ Das sei die Regel. „Überfall, Einbruch, Messerstecherei? Du musst es ignorieren.“

Vor sechs Wochen wurde der Sohn eines Freundes getötet. An der Tankstelle, um fünf Uhr nachmittags. Er soll geredet haben. Araber gegen Araber. „Das Schlimmste ist: Wir alle hier wissen, dass sein Bruder der Nächste sein wird. Entweder er wird auch erschossen oder er schießt selber. Das ist völlig klar. Und er ist doch nur ein 16-jähriger Schüler.“

Als das Filmteam vor zwei Jahren in die HaDudaimStraße kommt, um die erste Szene von „Ajami“ zu drehen, lebt Judit längst ein paar Straßen weiter. Sie sitzt nicht auf dem Balkon, mit ein paar Freunden beim Wein. Der Mord, den sie beobachtet hatte, ist da schon fünf Jahre her.

Doch beim Dreh, so erzählt es einer der beiden Regisseure, stand auch eine Frau auf einem Balkon, hat zugesehen, hat geweint. Sie kannte den Ermordeten. Hatte ihn vor fünf Jahren beerdigen müssen. Es war ihr Sohn.

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