Dokumentarfilm : Die Kunst des Erinnerns

Glücksfall eines Dokumentarfilms: Nicolas Philiberts Zeitreise "Rückkehr in die Normandie".

Christiane Peitz
Normandie
Schuldig. Der Mörder Pierre Rivière in René Allios Film, auf dessen Spuren sich Nicolas Philibert begibt. -Foto: ventura

Als Nicolas Philibert den Film in Wien vorstellte, beschrieb er ihn so: „Er ist sehr schüchtern. Er kommt nur raus, wenn es dunkel ist.“

Mit der Erinnerung ist es ähnlich. Auch sie entfaltet ihren Zauber nur, wenn man sie nicht bedrängt. Nicolas Philibert, der Philosoph unter Frankreichs Dokumentarfilmern, ist Spezialist für Schüchternes. 1993 näherte er sich „Im Land der Stille“ der Welt der Gehörlosen; in „Sein und Haben“, seinem Hit von 2003, ging es um eine Zwergschule. Nun hat Philibert einen Film über die Zeit gedreht, eine autobiografische Spurensuche des Kinos nach sich selbst.

Zu Beginn kommt ein Ferkel zur Welt, ein schutzloses, glitschiges Wesen, das der Bauer Roger mit versierten Klapsen ins Diesseits befördert. Ein neues Leben als Kontrastmittel für einen Film, der vom gelebten Leben erzählt: 1975 inszenierte René Allio ein wahres Verbrechen von 1835, in der Nähe des historischen Tatorts im Norden Frankreichs. Sein Assistent Philibert, damals 24, castete die Bauern aus der Gegend für die Hauptrollen, während Profi-Schauspieler die Nebenrollen von Richtern, Ärzten und Anwälten übernahmen.

Der umständliche Titel von Allios Film, „Ich, Pierre Rivière, der ich meine Mutter, meine Schwester und meinen Bruder ermordet habe“, bezieht sich auf Michel Foucaults Studien über diesen Kriminalfall. Der Bauernjunge Pierre hatte nach dem dreifachen Mord die Umstände seiner Tat und die Geschichte seiner Familie mit hoher literarischer Begabung niedergeschrieben und sich nach fünf Jahren im Gefängnis das Leben genommen. Ein Psycho-Fall, ein Novum für die Justiz.

2005 macht Philibert sich am Schauplatz von „Ich, Pierre Rivière“ an die Erinnerungsarbeit. In „Rückkehr in die Normandie“ fügt er die Fundstücke seiner Expedition zusammen, zeigt Ausschnitte des alten Films, studiert die Akte Rivière noch einmal, sucht die Drehorte und die Laiendarsteller von damals auf. Wie ist es ihnen ergangen? Wie haben die Figuren, die sie einst spielten und ebenfalls Bauern waren, ihr Leben verändert?

Wenn Roger sich nicht gerade als Geburtshelfer betätigt oder ein Schwein schlachtet, hält er sein Fahrrad balancierend in der Schwebe: ein bewegtes Stillleben. Wenn ein Ehepaar von der schizophrenen Tochter erzählt und sich fürsorglich um die Vokabeln für die familiären Auswirkungen der Krankheit streitet, lernt Philibert von ihnen, dass niemand einfach ein Psycho-Fall ist. Er sitzt mit der Darstellerin am Küchentisch, die das unglückliche Mädchen, das sie einst verkörperte, noch heute trösten möchte. Und er fragt die frühere Politaktivistin Nicole, die nach einer Krankheit ihr Sprachvermögen verlor und jetzt nach Silben ringt, nach Lieblingswörtern. „Natur“, sagt sie, „Freunde. Schokolade.“

Eine Elegie, die niemals nostalgisch wird, ein Spaziergang durch Erinnerungslandschaften im Spätnachmittagslicht, eine Polyphonie der Lebenserfahrungen (die im französischen Original tatsächlich wie Musik klingt). Philibert schaut so lange auf den Fluss der Zeit, bis er kleine Strudel entdeckt. Weil er ein Meister der verblüffenden Montage ist, kann das Gedächtnis seine sprunghafte Traumlogik entfalten, und die Gegenwart prägt sich der Vergangenheit an.

Philibert beschwört den Geist der Orte: das Gericht in Calvados, das Gefängnis in Caen, Bauernhöfe, Gärten, Fabriken – und das Labor bei Paris, in dem Filmstreifen portioniert und aufgerollt werden. Wie lange noch im digitalen Zeitalter?, fragt er und bewahrt auf, was vom Verschwinden bedroht ist, und sei es noch so unscheinbar.

Für Philibert bedeutet Filmen, sich Zeit zu nehmen. Zeit für den Wind, der die Apfelbäume zaust, für die Lebensweisheit der Bauern und für eine Hommage an seinen Lehrmeister Allio, der jeden seiner Filme der Kinoindustrie abtrotzte. Vater und Sohn: Nicolas Philibert zeigt auch eine herausgeschnittene Sequenz des Rivière-Films, in der sein eigener Vater zu sehen ist. Ein paar Sekunden ohne Ton, ein stummes Memento mori, dem die Wiederbegegnung aller Laiendarsteller vorausgeht. Sogar den lange verschollenen Darsteller des Mörders Pierre Rivière hat Philibert finden können. Der sanfte Mann lebt heute als Missionar in Haiti.

fsk und Hackesche Höfe (beide OmU)

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