Dokumentarfilm : Die Provinz leuchtet

Ferienparadies Nordhessen: "Henners Traum" dokumentiert den Niedergang eines Tourismusvorhabens.

Silvia Hallensleben

Henner Sattler ist 62, trägt Bürstenschnitt und Schnauzer und produziert seine überschäumende Energie beim Joggen. Als rühriger CDU-Bürgermeister des nordhessischen Städtchens Hofgeismar hat er einen Traum: In der hügeligen Landschaft will er den Tourismuspark „Schloss Beberbeck“ entwickeln – mit fünf Hotels, Golfplätzen, Trabrennbahn und künstlicher Lagunenlandschaft das größte Ferienresort Europas. Nebenbei sollen 1000 Arbeitsplätze für die strukturschwache Region entstehen.

Bislang befindet sich auf dem Gelände unter anderem ein Pflegeheim, das – so heißt es in einem Investorengespräch – „elegant und geräuschlos“ entsorgt werden soll. Welche privaten Investoren aber bringen die gewaltigen Baukosten von 420 Millionen Euro auf? Die potenziellen Geldgeber machen jedenfalls nur schöne Worte. Und zweifeln: Vielleicht regnet es in Nordhessen einfach zu viel? Doch Henner, dessen Englisch schon bei einfachen Erklärungen versagt, kämpft tapfer gegen derlei Skepsis an und reist mit den Mappen seines „Leuchtturmprojekts“ von Messe zu Messe.

Henner ist ein Provinz-Don-Quichote des mittlerweile von der Krise verschlungenen globalen Investitionsrittertums. Sein untreuer Sancho Pansa ist der Architekt Tom Krause, der sich weltweit auf Hotelbau spezialisiert hat, Dubai eingeschlossen. Der joviale Rheinländer ist im Duo – höchst erfolgreich – für Kommunikation und Verkauf zuständig. Doch auch der kumpelhafte Ton täuscht auf die Dauer nicht darüber hinweg, dass der Partner über anderweitigen Projekten langsam den Enthusiasmus für die gemeinsame Sache verliert.

Filmemacher Klaus Stern, der 2004 mit „Weltmarktführer“ bereits einen gescheiterten Unternehmenstraum dokumentiert hatte, begleitet mit Kameramann Harald Schmuck das Projekt von der ersten Bürgerversammlung bis ins vorläufige planerische Nirwana. Dazwischen: Teamsitzungen, auf denen viel „konkret nachgedacht“ wird. Wohlinszenierte Präsentationen. Improvisierte Bettelgespräche. Ab und zu kommt Parteikumpel Roland Koch auf Werbetour vorbei. Dabei fasziniert die Offenheit, mit der die Parteien vor der Kamera agieren.

Sterns von kritischer Sympathie für seinen Helden getragene Dokumentation kommentiert die Ereignisse nicht direkt, setzt aber mit musikalischen Zwischenspielen immer wieder ironische Untertöne. Gedreht wurde zweieinhalb Jahre – bis 2008. Seitdem dürften die Chancen auf Realisierung nicht eben gestiegen sein. Nur die Website „Schloss Beberbeck – Ein wahres Märchen im Herzen Deutschlands“ tut immer noch so, als könne man schon morgen dort ein Zimmer buchen.

Brotfabrik, Central, Sputnik

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