Dokumentarfilm : Ein Macho organisiert Femen?

Eine Dokumentation auf dem Filmfest Venedig behauptet: Hinter den feministischen Protesten der ukrainischen Aktivistinnen steckt ein Mann. Auch die Frauen selbst kommen nicht gut weg.

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Die Aktivistinnen von Femen auf dem roten Teppich des Filmfests von Venedig.
Die Aktivistinnen von Femen auf dem roten Teppich des Filmfests von Venedig.Foto: dpa

Sie kommen mit Blumenkränzen im Haar auf den Lido und posieren barbusig beim Fotocall: Femen ist zu Gast auf dem Filmfest Venedig und landet sofort auf den Titelseiten der Zeitungen. Sie sorgen für Aufregung, ja für empörtes Gelächter bei der ersten Vorführung von Kitty Greens Femen-Dokumentation „Ukraine Is Not a Brothel“, die morgens als Sondervorführung des Festivals im Palazzo del Cinema programmiert ist. Oder genauer: Nicht sie, die sechs Frauen, die gemeinsam mit der jungen australischen Regisseurin angereist sind, provozieren den Unmut, sondern Victor Svyatski, der im Film als der starke Mann im Hintergrund benannt wird, als Mastermind, Chefideologe und Patriarch, der die Aktionen steuert, die Femen-Frauen angeblich nach ihrer Figur castet (lauter sexy Blondinen) und die Aktivistinnen nicht gerade respektvoll behandelt.

Sind Femen nur die unterwürfigen Dienerinnen eines Mannes?

Die ukrainischen Feministinnen, von einem  Macho ferngesteuert? Die Frauen, die Putin, Berlusconi, den Papst und den Weltwirtschaftsgipfel in Davos mit ihren furiosen Auftritten behelligten, die sich Parolen auf die nackten Brüste schreiben („Nacktheit ist Freiheit“, „Lieber nackt als mit Burka“), unerschrocken Sexismus, Gewalt gegen Frauen und die Missachtung von Menschenrechten in ihrer Heimat und überall in der Welt anprangern, die sich von der Polizei wegtragen, einsperren und misshandeln lassen – ausgerechnet sie sollen unterwürfige Dienerinnen eines Mannes sein, der sie für unfähig hält? Venedigs Stadträtin Tiziana Agostini schimpfte bei der Pressekonferenz zu „Ukraine Is Not a Brothel“ nach Kräften: „In meinen Augen sind das Lolitas. Der Zweck heiligt die Mittel nicht, auch sie vermarkten ihren Körper.“ Mit solchen Argumenten wird die 2008 in Kiew gegründete Bewegung oft kritisiert.

Femen gehen nach Paris, wollen aber in Osteuropa aktiv bleiben

Auf dem Podium sitzen neben der Regisseurin auch Inna und Sasha Shevchenko, zwei der Protagonistinnen des Films, sie stellen sich den Vorwürfen. Ja, sie seien sich des Widerspruchs bewusst. „Wir haben einen Mann als Chef, aber das ist die Wahrheit über eine Gesellschaft, der wir mit unseren Aktionen entkommen wollen.“ Dominiert zu werden, das würde viele erst anstacheln. „We eat that – wir lassen das über uns ergehen und wehren uns dagegen“. Ähnlich äußern sie sich auch im Film. Und Sasha Shevchenko fügt vor den Journalisten in Venedig hinzu, dass der ukrainische Geheimdienst sie massiv bedroht habe, dass sie nicht nach Kiew zurückkehren, sondern nach Paris gehen und dort das Hauptquartier von Femen aufschlagen würden. In Osteuropa wollen sie trotzdem weiter aktiv bleiben.

Bei der zweiten Vorführung des Films am Freitagnachmittag legt sich die Aufregung jedoch schnell wieder. Natürlich stockt einem der Atem, wenn „Victor“ – der im Film wie alle Femen-Mitglieder ohne Nachnamen firmiert – nach gut einer Stunde der 78-Minuten-Doku erstmals auftritt und im Interview mit Kitty Green sagt, die Frauen seien nun einmal schwach. „Ihnen fehlt Charakterstärke, sie sind unterwürfig, unpünktlich, haben kein Rückgrad. Ihnen fehlt vieles, um politische Aktivistinnen zu sein. Das musste man ihnen erst beibringen.“  Als die Regisseurin wissen will, ob er mit Femen angefangen habe, um an Mädchen zu kommen, meint er nach kurzem Schweigen: „Ja, wahrscheinlich ist es tief in meinem Unbewussten so gewesen.“

Der Film könnte auch Teil einer Vermarktungsstrategie von Femen sein

Aber der Film lotet den Abgrund solcher Sätze nicht aus. Er manipuliert vielmehr den Zuschauer, so dass man zunehmend misstrauisch wird. Zum Prolog saß Svyatski kurz mit Hasen-Pappmaske vor der Kamera; in Kitty Greens Gesprächen mit den Aktivistinnen klingelt immer mal wieder das Telefon und Victor ist dran, Sasha Shevchenkos Mutter zieht über ihn her – Auskunft einer zutiefst besorgten Mutter. So stachelt  „Ukraine Is Not a Brothel“ mit vagen Andeutungen und verständlicherweise befangenen Äußerungen die Neugier an und versucht sich recht unbeholfen an einer Dramaturgie der Enthüllung. Der Film als Teil von Femens Marketingstrategie? Als geschickt inszenierte Rebellion gegen den Macho im eigenen Haus? Hat Femen sich inzwischen von ihm getrennt?

Sympathisch wird Victor einem mit seinem kurzen Film-Auftritt beileibe nicht. Man mag es jedoch kaum glauben, dass die Femen-Frauen erst über ihre „Unterdrückung“ nachzudenken beginnen, wenn Kitty Green sie vor der Kamera befragt. Charakterschwach sind sie dabei ebenso wenig wie unreflektiert oder ausnahmslos schlank und blond. Dennoch sprechen sie in den letzten zehn Minuten des Films plötzlich vom Stockholm-Syndrom, davon, eine Sklavin zu sein. Es sei wie bei geschlagenen Frauen, die bei ihren gewalttätigen Männern bleiben. Der einzige „Beweis“ für Svyatskis hartes Regime ist eine wohl mit halbversteckter Kamera gedrehte Szene, in der er die Frauen nach einer misslungenen Aktion rüde beschimpft.

Die Regisseurin geriet selbst ins Visier des KGB

Die Regisseurin, 1984 in Melbourne geboren, hat ein Jahr lang in einer WG mit den Feministinnen in der Ukraine verbracht, dem Herkunftsland ihrer Mutter. Von ihr stammen viele der Femen-Protestvideos, die weltweit in den Medien gezeigt wurden. Bei einer Aktion in Weißrussland wurde sie selbst vom KGB entführt. Umso erstaunlicher, wie wenig man im Film über Inka, Irina, Oksana, Sasha und die anderen erfährt, vor allem über Anna, die mehrfach in einem Atemzug mit Victor genannt wird. Ist sie ebenfalls Chefstrategin?

Lauter Fragen, die der Film offen lässt. Zwei Frauen arbeiten als Nackttänzerinnen, womit verdienen die anderen ihren Lebensunterhalt? Wo kommen sie her, wie gerieten sie an Femen? Wer genau ist Victor? Wie finanziert sich die Bewegung? Es gibt Spenden, das wird im Film erwähnt, aber auch, dass oft anonymes Geld auf dem Konto eingeht. Green hätte recherchieren können, woher es stammt. Vor allem hätte sie die Frauen, wenn sie nicht Auskunft geben oder eine ihrer Aktionen auf dem Laptop betrachten, bei anderen Tätigkeiten zeigen können als nur bei der Körperpflege. Sexy gegen Sexismus protestieren und zuhause hübsch brav die Wäsche falten: Kitty Greens Film reproduziert die Widersprüche von Femen, statt ihnen auf den Grund zu gehen.

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