Dokumentarfilm : Fotografie und Folter

Wie Menschen zu Unmenschen werden: Errol Morris’ Abu-Ghraib-Dokumentarfilm "Standard Operating Procedure" ist eine Geschichte aus dem Herzen der Finsternis.

Christiane Peitz
Ghraib_Doku
Nachgestellt. Morris rekonstruiert das Gefängnis als Angstraum. -Foto: Sony Pictures

Nachts ging das Licht aus. Die Soldaten saßen im Dunkeln, wie die Gefangenen auch. Ständig fielen Bomben.

„S.O.P. – Standard Operating Procedure“ ist eine Geschichte aus dem Herzen der Finsternis. Ein Film des US-Dokumentaristen Errol Morris, der für „The Fog of War“, sein Interviewporträt des Vietnamkriegs-Verteidigungsministers Robert McNamara 2003, einen Oscar erhielt und der oft Leute porträtiert, denen etwas Monströses anhaftet: Täter, Kriegstreiber, Todesboten. Nach einem obersten Befehlshaber diesmal also die niederen Ränge, die einfachen amerikanischen Soldaten von Abu Ghraib, die im Herbst 2003 irakische Gefangene folterten und Fotos davon machten. Im Frühjahr 2004 gingen die Fotos um die Welt: einer der größten politisch-moralischen Skandale der jüngsten Zeit.

Nachts ging das Licht aus. Es herrscht Todesangst. Ein schmutziger Krieg, keiner weiß, ob er morgen noch lebt, und es gibt Anweisungen, den Häftlingen um jeden Preis Informationen zu entlocken, zum Beispiel über Saddams Aufenthaltsort. Mit Hilfe der Fotos von drei Soldaten, zahlreicher Interviews mit den Tätern und denen, die den Fall untersuchten, mit nachgestellten Misshandlungsszenen, einem bombastischen Soundtrack von Danny Elfman und überhaupt allen Mitteln der suggestiven Filmkunst rekonstruiert Morris den Psychostress von Abu Ghraib: die explosive Mischung aus Panik, Überforderung, Hilflosigkeit, Frustration, rechtsfreiem Raum und sexuell aufgeladener Gewaltbereitschaft. „Standard Operating Procedure“ ist ein Versuch über die Frage, unter welchen Bedingungen Menschen zu Unmenschen werden.

Die Gefreite Lynndie England posiert mit einem Häftling an der Hundeleine vor der Kamera. Corporal Charles Graner baut mit anderen Soldaten eine Pyramide aus nackten Gefangenen. Andere nackte Häftlinge sind rücklings an Gefängnisbetten gekettet, mit Damenslips über dem Kopf. Das berühmteste Foto, Ikone der Pervertierung amerikanischer, westlicher Werte: der Gefangene auf der Kiste, mit einem Sack über dem Kopf und vermeintlichen Stromkabeln an den ausgebreiteten Armen. Ecce homo.

Sabrina Harman, die für Abu Ghraib eine sechsmonatige Haftstrafe verbüßte, beteuert, dass die Kabel nicht unter Strom standen, der Mann nicht physisch misshandelt wurde und sowieso ein netter Gefangener war, dem sie den Spitznamen Gilligan gaben. Und sie erklärt, ebenso redegewandt und reflektiert wie Lynndie England, dass sie die Bilder gemacht habe, um mögliches Unrecht zu dokumentieren. Ein Paradox: Bei tatsächlichem Unrechtsbewusstsein hätten die Täter kaum fotografiert, sondern wohl eher Beweise vernichtet.

Morris zeigt viele der 270 Fotos, die zur Anklage führten, nachdem r CBS und Seymour Hersh in der „New York Times“ einige veröffentlicht hatten. Nichts Neues also. Aber der Filmemacher entskandalisiert sie, indem er nach dem ersten Schreck nicht entsetzt wegschaut, sondern genauer hinsieht. Minutiös analysiert und rekonstruiert er den Mikrokosmos von Abu Ghraib. Was genau beweisen die Fotos, was kaschieren sie? Ist das, was vor und nach ihnen geschah, womöglich noch schlimmer? Deshalb die gestellten Szenen: als Andeutung dessen, was kein Foto bezeugt. Außerdem: Wieso wurde kein Höhergestellter verurteilt? Und was ist das für eine Kette von sexuellen Erniedrigungen, wenn ein Soldat seine Kollegin und Geliebte auffordert, vor seinen Augen einen nackten, muslimischen Gefangenen zu demütigen?

Errol Morris ist berühmt dafür, dass er die Authentizität und Beweiskraft von Bildern wie besessen erkundet. Alle seine Filme („A Thin Blue Line“, „A Brief History of Time“), auch seine auf www.errolmorris.com dokumentierten Unternehmungen sind Studien eines Mannes, der nicht müde wird, über die menschliche Wahrnehmung und Fähigkeit zur Autosuggestion zu staunen; seine zahlreichen Werbespots zeugen vom gleichen Esprit.

Morris’ Spezialität: Nahaufnahmen, Porträts in der ersten, nicht in der dritten Person. Dafür hat er eigens das Interrotron erfunden, das auch in „Standard Operating Procedure“ zum Einsatz kommt: eine doppelt verspiegelte Apparatur, über die der Interviewte scheinbar direkt in die Kamera schaut. Ein möglichst unverstellter Blick: Morris nutzt die Kamera als Wahrheitsinstrument. Deshalb lässt es ihm keine Ruhe, dass die Kameras in Abu Ghraib auch Tatwaffen waren. Misshandlungen wurden eigens für die Fotos inszeniert, es sind keine Schnappschüsse, sondern Tableaux Vivants. Der Folterer, ein Künstler.

Die drei fotografierenden Soldaten hatten gewöhnliche Kameras, unsereins fährt mit so was in Urlaub. It’s a Sony. Der Verleih Sony Pictures bringt den Film nun auch in Deutschland heraus. Einen Film über die Mikrostruktur des Bösen, über den kaum begreiflichen Unterschied zwischen strafbarer Folter und einer standard operating procedure, der legalen Prozedur der Einschüchterung eines Gefangenen. Es ist nicht strafbar, ihn mit einem Sack über dem Kopf auf eine Kiste zu stellen. Es ist auch nicht strafbar, Gefangene mit Musik zu beschallen. Sergeant Javal Davis erzählt, dass er sie zuerst mit Hip-Hop ihrer Ruhe beraubt wollte, dann mit Heavy Metal. Aber nur mit Country-Musik hat es funktioniert.

Morris trägt dick auf. Bei der Uraufführung auf der Berlinale hat man ihn kritisiert: für die digitalen Spielereien, die Klangsoße, die effektheischende Zeitlupe. Es ist müßig, einem Film das Filmische vorzuwerfen, dennoch schwächt der propagandistische Gestus die Überzeugungskraft der Recherche. Wie bei Michael Moore. Moore ist der Burschikose, Morris der Intellektuelle, beide agitieren ihr Publikum. Aber egal ob laut oder still: Irakkriegs-Kritik im Kino – „Von Löwen und Lämmern“, „Im Tal von Elah“ oder „S.O.P.“ – will in den USA keiner sehen.

Nachts ging das Licht aus. Interviews mit den Opfern, die auch im Dunkeln zitterten, gibt es nicht. Sie bleiben anonym, gesichts- und geschichtslos. Das ist ein Problem des Films, das Morris nicht gelöst hat. Er hätte gerne mit ihnen gesprochen, wollte keinen reinen Täterfilm drehen. Aber nach den Opfern hat er vergeblich gesucht, nach dem Mann auf der Kiste über ein Jahr. Man weiß nicht einmal, ob er noch lebt.

OmU. Ab Donnerstag in den Berliner Kinos Central und Rollberg.

0 Kommentare

Neuester Kommentar