Dokumentarfilm : Hingabe ist alles

Ein Film, der sein Publikum ganz in Staunende verwandelt, die mit dem Staunen gar nicht mehr aufhören mögen. Faszinierend: "La Danse" des großen Dokumentaristen Frederick Wiseman.

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Voilà! Im Ballett der Pariser Oper gehören auch solche Tanzfiguren dazu. Foto: Kool
Voilà! Im Ballett der Pariser Oper gehören auch solche Tanzfiguren dazu.Foto: Kool

„Voilà!“ lautet das größte Lob, mit dem die junge Tänzerin rechnen kann. Wieder und wieder hat sie die Szene geprobt, beobachtet von einem Ballettmeister und seiner Kollegin. Die beiden unterhalten sich, während die Tänzerin sich abrackert: „Sie landet steif“, sagt der Lehrer, und seine Gesprächspartnerin bestätigt: „Sie beugt die Knie nicht.“ Die Tänzerin wird zurechtgewiesen. Sie nickt verständnisvoll und beginnt von vorn. Der Unterschied zu den vorherigen Versuchen ist für Laien nicht sichtbar. „Voilà!“, kommentiert jedoch der Ballettmeister zufrieden, „voilà!“

„La Danse“ heißt der neue Film des großen, mittlerweile 80-jährigen amerikanischen Dokumentaristen Frederick Wiseman, der neun Wochen lang Arbeit und soziale Beziehungen im weltberühmten Ballett der Pariser Oper protokolliert hat. Wiseman ist bekannt für seine präzisen Studien von Institutionen und den Abläufen darin, ob Krankenhaus („Near Death“, 1989), sozialer Wohnungsbau („Public Housing“, 1997) oder auch Parlamentsausschüsse („State Legislature“, 2007) – stets beobachtet er geduldig Menschen in ihrem professionellen Selbstverständnis, ihre Beziehungen zueinander und wie daraus ein institutioneller Zusammenhang wird.

Bisher konnte man Wisemans Filme hierzulande nur auf Festivals sehen, das Forum der Berlinale etwa präsentierte sie regelmäßig. Dass „La Danse“ einen Kinoverleih gefunden hat, ist ein Glücksfall, denn während der zweieinhalb Stunden, die der Film dauert, verliert man sich nicht nur in den langen Gängen des ehrwürdigen Gebäudes, sondern passt sich auch dem Rhythmus der Arbeit an, die dort geleistet wird. Und erkennt, dass die Zeit drinnen langsamer zu vergehen scheint als draußen.

Wiseman verführt sein Publikum zum Beobachten: Oft filmt er aus einer starren Kameraposition mehrere Minuten lang, so dass man genug Zeit hat, sich in die Szenerie hineinzuschauen. Und man stellt zum Beispiel fest, dass die Körper der männlichen und weiblichen Tänzer einander fast zum Verwechseln ähnlich sind, weil das harte Training sie einander angleicht. Nur bei der Haartracht sind den Männern ein paar Freiheiten mehr zugestanden als den Frauen. Und welches Glück muss es bedeuten, eine gemeinsame Sprache im Tanz zu haben – denn es ist die Körpersprache, mit der sich Gastchoreografen, Tänzer aus der ganzen Welt und Einheimische verständigen.

Man bekommt ein Gefühl für die harte Arbeit, die vor jeder Aufführung liegt, für die Schmerzen, die die Tänzer in Kauf zu nehmen bereit sind, für die absolute Hingabe, die das Tanzen auf diesem Niveau erfordert. Und man begreift den unendlichen Luxus einer solchen Institution, die nichts weniger will als Perfektion bis ins kleinste Detail. Wiseman zeigt die Hände von Näherinnen, die Pailletten und Besatz auf Kostümen anbringen, Garderobieren beim Ordnen der Tülllagen von Tutus, Beleuchter auf einem Gerüst unter der Decke des Bühnenhauses, die auf Anweisung vom Regiepult Scheinwerfer nur um Zentimeter verrücken. Die Sorgfalt, die in diesem Metier allgegenwärtig ist, berührt umso mehr, als sie die weltweit geltenden kapitalistischen Prinzipien von schneller Produktion und schnellem Konsum konterkariert. Tschaikowskys 1892 uraufgeführtes „Nussknacker“-Ballett, das im Verlauf des Films geprobt wird, mag an jene Zeiten erinnern, als es noch etwas gemächlicher zuging.

„La Danse“ ist ein Film, der sein Publikum schließlich ganz in Staunende verwandelt, die mit dem Staunen gar nicht mehr aufhören mögen. Weil der Film aber doch ein Ende hat, muss der Zuschauer hinaus in den Schnee. Immerhin: Schnee konserviert das Glück ein bisschen besser als Nieselwetter.

Cinema Paris, fsk, Hackesche Höfe und International (alle OmU)

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