Dokumentarfilm : Jenseits der Stille

Der Dokumentarfilm "Gerdas Schweigen“, nach einem Buch von Knut Elstermann, erzählt vom Überleben einer Jüdin. Der Regisseurin Britta Wauer ist die schwierige Gratwanderung zwischen Erzählen und Abbilden gelungen.

Kerstin Decker
Gerda
Entkommen: Gerda Schrage (l.) bei ihrer Ankunft in New York.Foto: Piffl-Medien

Knut Elstermann, der Radio-1-Filmmann, hat eine Tante in Amerika. Als er noch ein kleiner Ostberliner Junge war, machte ihn das sehr stolz. Wenn Tante Gerda aus New York zu Besuch kam, wurde der kleine Knut darüber belehrt, was er alles nicht durfte: auf keinen Fall nach dem KZ fragen und schon gar nicht nach dem Baby, das dort zur Welt kam!

Einen künftigen Journalisten erkennt man daran, dass er schon früh anfängt, unmögliche, absolut unerwünschte Fragen zu stellen. Außerdem kränkte es ihn, dass die Erwachsenen, vertieft in ihre typischen Erwachsenengespräche, seine Anwesenheit offenbar vergessen hatten. So entschloss sich der Junge zu dem Einwurf: "Du hast also wieder ein neues Kind, Gerda?“, der ihm auf der Stelle ein unerhörtes Maß an Aufmerksamkeit verschaffte. Die Kaffeetafel vereiste. Der Junge schämte sich. Aber wofür genau?

Mit Schweigenkönnen nachgefragt

Tante Gerda hatte in New York inzwischen einen richtigen amerikanischen Mann, einen richtigen amerikanischen Sohn und ein richtiges amerikanisches Leben. Doch in ihrem neuen Leben erzählte sie niemandem von dem Kind, das sie in Auschwitz geboren hatte und das den Experimenten des KZ-Arztes Josef Mengele zum Opfer fiel. Nur einmal, gleich nach dem Krieg, hatte sie sich ihrer Wahlverwandtschaft anvertraut, dennen, die ihr schon lange die Nächsten waren.

Tante Gerda war keine richtige Tante. Die Elstermanns waren zur Ersatzfamilie für ein jüdisches Mädchen geworden, mit dem sie einst Tür an Tür wohnten und das bei seinen Eltern nicht die Wärme eines richtigen Zuhauses fand. Diese Geschichte begann in den zwanziger Jahren im Berliner Osten, wo Arbeiterfamilien ihre Wohnungstüren nicht voreinander abschlossen.

Vor drei Jahren erschien Knut Elstermanns schönes Buch "Gerdas Schweigen“ über das Schicksal einer Berliner Jüdin während des Nationalsozialismus. Elstermann hatte noch einmal gefragt, diesmal anders, geduldig, auch mit Schweigenkönnen. Es ist ein sprachlich sensibles, sehr persönliches Buch geworden, hin- und her wechselnd zwischen den Zeitebenen, den Familienschicksalen. Kann ein Film das auch?

Es gibt keine Ordnung des Überlebens

Die Filmemacherin Britta Wauer hat die alte Frau noch einmal in New York besucht, mit der Kamera (Kaspar Köpke) und gemeinsam mit Knut Elstermann. Und man denkt: Ja, das ist sie, so hat man sie sich vorgestellt, mit dieser großen Lakonie. Der Film konzentriert sich ganz auf die Geschichte der Gerda Schrage, und er hat schöne Bilder: Sie fehlt ja fast auf keinem Foto des Elstermannschen Familienalbums.

Nirgends wird ihr Schicksal zur bloßen Illustration von Zeitgeschichte. Wauers durchaus bildmächtiger und doch zurückhaltender Film vermeidet alles allzu bekannte, grelle Bildermaterial. Nichts soll das Erleben dieser Frau mutwillig überschreiten. Und man begreift einmal mehr, von welchen Zufällen Überleben abhängt.

Nachdem die Nationalsozialisten Gerda Schrages Eltern als polnische Juden nach Polen ausgewiesen haben, bleibt die in Berlin geborene junge Frau allein zurück. Aber nicht ganz allein – noch hat sie ihre Ersatzfamilie. Sie wird zum Arbeitsdienst verpflichtet, schließlich in ein Sammellager gebracht, der letzten Station vor der Deportation – und flieht. Flieht am Ende selbst aus Auschwitz. Immer wieder wird sie ihr Leben auch "den Falschen“ zu verdanken haben. Es gibt keine Ordnung des Überlebens.

Vergessen können um Weiterzuleben

Aufarbeiten. Verdrängen. Das sind unbeholfene Worte Nichtbetroffener, die nicht verstehen, dass, wer weiterleben will, vor allem auch eins können muss: vergessen. Sogar ein Kind vergessen, das man einmal hatte und verlor. Und sich irgendwann doch daran erinnern? Es gibt noch eine zweite Ebene in dem Film. Die Geschichte der übergroßen Scheu und Scham dieser so mutigen Frau, dem eigenen über 50-jährigen Sohn mit einem konservativ-jüdischen Weltbegriff das zu sagen, was dank einem deutschen Buch längst viele Unbeteiligte wissen.

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