Dokumentarfilm : Reden ist Gold

Knast-Doku: „Die Eroberung der inneren Freiheit“ - Der pathetische Titel des Films verspricht mehr, als die Autoren halten können.

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Wer im Knast sitzt, hat viel Zeit zum Nachdenken. Aber da Reden besser sein kann als Grübeln, gibt es im Gefängnis in Berlin-Tegel seit mehreren Jahren eine Diskussionsrunde im kleinen Kreis, die den Teilnehmern eine neue Sicht auf ihr Leben ermöglichen soll. „Sokratische Gespräche“ nennen dies die von außen hinzugezogenen Berufsphilosophen Horst Gronke und Jens Peter Grune, die mit ähnlichen Angeboten schon in Wirtschaft, Verwaltung und Wissenschaft Erfolg hatten. Die Regisseurinnen Silvia Kaiser und Aleksandra Kumorek haben das lobenswerte Projekt ein Jahr mit der Kamera begleitet und daraus einen Film gemacht, der bereits auf dem letztjährigen Leipziger Dokfestival Aufsehen erregte.

Es gehört zur Anziehungskraft von Krimis, dass Verbrecher durch ihre Energie und Schlauheit oft viel interessanter wirken als der unbescholtene Normalmensch. So auch hier. Mit kleinen Sachen haben sich die neun Männer nicht abgegeben. So sehr sie heute Abstand zu ihren Taten haben, so geben sie doch unverblümt zu: „Verbrechen macht Spaß.“ Man denkt etwa an die ausgeklügelten Vorbereitungen zurück und an den Batzen Geld, den man geschenkt gar nicht haben möchte. Vielleicht würde es mancher auch auf legale Weise zu etwas gebracht haben, hätten nicht eine schwierige Kindheit, Neigung zu Affekthandlungen und andere Gründe die Weichen falsch gestellt. Die beiden Philosophen wirken im Vergleich blass.

Der pathetische Titel des Films verspricht mehr, als die Autoren halten können. Für manche sind die wöchentlichen Gespräche vor allem eine Abwechslung im Einerlei des Tagesablaufs. Einer formuliert bescheiden: „Ich lerne, mich gewählter auszudrücken.“ Er hofft, trotz „lebenslänglich mit anschließender Sicherungsverwahrung“ eines Tages entlassen zu werden. „Freiheit ist, die eigene Wohnungstür aufschließen zu können“, definiert ein anderer seinen Wunschtraum. Aber draußen lauern Einsamkeit und Versuchungen, weiß er. Verwahrung bedeutet auch: Sicherheit vor sich selbst.

Die Regisseurinnen durften sogar in den Einzelzellen drehen, in denen die Häftlinge einen Anschein von Gemütlichkeit herzustellen suchen. Stärker bleiben jedoch die Gesichter von Menschen in Erinnerung, die sich nach Freiheit sehnen und sie zugleich fürchten. „Nur ein reflektiertes Leben ist es wert, gelebt zu werden.“ Dieses Wort von Sokrates wird sie fortan begleiten.

fsk am Oranienplatz, Hackesche Höfe

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