Dokumentarfilm : Tanz auf der Dorfstraße

Othmar Schmiderer hat für seinen Film "Back to Africa" fünf Künstler der Show in ihre Heimatländer begleitet. Künstler, die oft als Überlebenskünstler anfingen und es bis in André Hellers "Afrika"-Show schafften.

Kerstin Decker

Früher gehörte alles zusammen. Der Musiker war nicht nur Musiker, er war zugleich religiöser Führer, Ahnenforscher, Geschichtenerzähler und oberster Ratgeber. Und indem er das eine war, konnte er das andere sein. Man hört die Kora, eine afrikanische Stegharfe, und ahnt, dass ihre Töne einmal über diese Welt hinausreichten – mindestens bis zu den Ahnen, den Toten, die wirklicher waren als alle Lebenden. Und vielleicht hören die Ahnen die Kora noch heute. Und Ebraima Tata Dindin Jobartehs Lieder. Er weiß nie so recht, wie er sein Instrument spielen soll in Europa, auf diesem fremden Stück Erde, in André Hellers Show „Afrika! Afrika!“. Am Ende stellt er sich immer vor, er spiele für seine eigenen Leute.

Manchmal besucht er sie auch. Wenn Hellers Zirkus in eine andere Stadt zieht, haben die Artisten ein paar Tage frei. Einmal kam Tata Dindin nicht allein zurück nach Gambia, sondern er brachte einen Österreicher und ein Kamerateam mit. Othmar Schmiderer hatte zuletzt eine Sekretärin Hitlers porträtiert („Im toten Winkel“); Er wollte wissen, wie der Diktator war beim Diktat. Und wie man Hitlers Sekretärin wurde. Jetzt wollte er wissen, wo diese dichte Atmosphäre von Kraft herkam, diese Hochenergieaufladung in einer Mannheimer Industriehalle, die er bei einer frühen Probe zu „Afrika! Afrika!“ erlebte. Sicher war nur eins: Aus Mannheim kam sie nicht. Also von jenem Kontinent, den Schwarzseher auch den verlorenen nennen?

Schmiderer hat für seinen Film „Back to Africa“ fünf Künstler der Show in ihre Heimatländer begleitet, nach Ghana, Gambia, Guinea, an die Elfenbeinküste und in den Kongo. Künstler, die oft als Überlebenskünstler anfingen. Er hat Familien und Orte gefunden, wo die Dinge – vor allem aber die Menschen – noch anders zusammengehören. Loser und fester. Und freier, sagt die senegalesische Tänzerin Mingue Diagne Sonko und meint zugleich: behüteter. Hier kann noch jeder Schritt auf der staubigen Dorfstraße in Tanz übergehen. Und statt des Psychologen gibt es die kollektive Ekstase, gleich ob vor oder nach dem Essen. Man kann es auch so sagen: in Afrika gibt es Gemeinschaften, keine Gesellschaften. In Europa halten die Gemeinschaften den Gesellschaften immer weniger stand.

Schmiderer hat einen behutsam beobachtenden, leicht melancholischen Film über Menschen gemacht, deren Kunst tief aus den Traditionen ihres Kontinents kommt. Dass diese Traditionen noch lebendig sind, bewahrt Tata Dindin und die anderen vor bloßer Folklore. In Europa ist Musik Geschäft, in Afrika Teil des Lebens, sagt er, und es klingt wie: Europa ist ein Irrtum. Leider führt nichts an ihm vorbei. Kerstin Decker

fsk, Hackesche Höfe, Kant (alle OmU)

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