Dokumentation : Das schöne Abseits

Schrottkunst: Die Berliner Künstlergruppe Dead Chickens sehen das, was sie tun als "Kunstterrorismus". Die Dokumentation von Amaia Arana gewährt rührende Einblicke in die Besessenheit der Künstler.

Wenn Berlin-Reisende sich bei der Shopping-Tour am Hackeschen Markt eingedeckt haben mit angesagten Klamotten und ausgesucht schöner Seife und dann zufällig in den Hinterhof der Rosenthaler Straße 39 treten, gehen sie für einen Augenblick auf Zeitreise: Hier, zwischen den bröckelnden Mauern des Hauses Schwarzenberg, tritt ihnen eine Exotik entgegen, die sie sich von der einstigen Mauerstadt kaum noch erhofft hätten. Werfen sie ein Geldstück in einen Schlitz, können sie einem großen, traurigen Stahlvogel zusehen, wie er mit pneumatischer Gewalt einen zum Scheitern verurteilten Flugversuch vorführt. Schon lustig, dieser folkloristische Irrsinn! Jetzt aber zurück ins Hotel.

Möglich, dass Hannes Heiner von seinem Fenster auf die Besucher geblickt und von jenen besseren Zeiten geträumt hat, als seine „Dead Chickens“ noch Avantgarde waren. Lange her: Mitte der Achtziger stürmte die Künstlergruppe in Monsterkostümen die Clubs im alten Berliner Westen, um mit stundenlangem Lärm das Publikum zu bedröhnen, und schockte mit ihrem mechanisch betriebenen Monsterkabinett. Aus dem Schrott der Zivilisation entstand eine eigene, archaische Gegenwelt, die das apokalyptische Grundgefühl zum Ausdruck brachte, das zur Wendezeit die alternative Szene beherrschte. Statt ihre Wut etwa im bewaffneten Widerstand gegen die Zerstörung ihres Biotops loszuwerden, entschieden sich die Dead Chickens für „Kunstterrorismus“, wie Mitglied Breeda C. C. resümiert.

Amaia Arana gewährt in ihrer Dokumentation rührende Einblicke in die Besessenheit der Künstler. Auch einige Wegbegleiter kommen zu Wort, darunter Pop-Art-Künstler Jim Avignon und Schauspieler Birol Ünel. Bald geht es nicht mehr alleine um die Künstler, sondern um die ganze Stadt, in der die Freiräume jenseits der Verwertungsstrategien schwinden, es geht um die Zeit, in der zwischen Arbeitsdruck und Schönheitswahn kaum Raum für Utopien bleibt, und als roter Faden zieht sich der Konflikt zwischen Anpassung und Selbstbehauptung durch. Die Dead Chickens schweißen und schrauben weiter, ohne sich um den Zeitgeist zu scheren, und der Film scheut nicht vor der Frage zurück, wie relevant ihre Kunst damit noch ist.

Aranas Film immerhin ist sehr relevant. Während derzeit das Spreeufer unter Investoren aufgeteilt wird, mahnt er zum Respekt vor der Verrücktheit der Außenseiter, denen Berlin doch gerade seinen Ruf verdankt.

Zusehen im Central-Kino am Hackeschen Markt.

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