Dokumentation : Schweigen ist Blei

Mit einer Geschichte, die einem sowieso keiner glaubt, ist man besonders allein. Und es gibt Gefühle, mit denen bleibt man fremd überall: Mit Schuld und Scham. Ein Mann erforscht filmend die Tragödie seines Lebens: Michael Stocks „Postcard to Daddy“.

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Der missbrauchte Mann. Michael Stock, Dokumentarfilmer in eigener Sache, nähert sich seinem Vatertrauma – auf einer Thailandreise mit der Mutter. Foto: Salzgeber
Der missbrauchte Mann. Michael Stock, Dokumentarfilmer in eigener Sache, nähert sich seinem Vatertrauma – auf einer Thailandreise...Foto: Salzgeber

Als Michael Stock acht Jahre alt war, wurde er zum ersten Mal von seinem Vater missbraucht, mit sechzehn zum letzten Mal.

„Mein Vater stand jedes Mal sofort danach auf und verließ mein Zimmer, ich sah, dass er sich schämte, und dachte, es liegt an mir“, sagt der Mann, der nun einen Film über sein Leben und die Familie gemacht hat, in der das geschehen konnte. Als die anderen aus Michaels Klasse begannen, Freundinnen zu haben, sah er zu. Undenkbar, sich einem Mädchen zu nähern. Er kam sich schmutzig und verworfen vor.

Was macht man nach einer solchen Kindheit, nach einer solchen Jugend? Vielleicht geht man keiner Sucht aus dem Wege, sucht immer neue Möglichkeiten, sich zu entkommen. Michael Stock, Regisseur und Hauptdarsteller von „Postcard to Daddy“, ist jetzt 41, HIV-positiv, hat mehrere Chemotherapien hinter sich und einen Schlaganfall. „Ich bin Rentner mit Anfang 40“, resümierte er auf der Berlinale mit einem bitteren Lächeln. Sein Gesicht: sensibel, vor der Zeit gealtert, fast überoffene Augen. Ihr Blick ist stechend und sanft zugleich. Schwer, sich Hass in ihnen vorzustellen, wenn er mit der Schwester, dem älteren Bruder und mit der Mutter spricht. Die eine Frage hinter allen lautet: Wie konnte uns das geschehen?

Das größte Wunder dieser allerungewöhnlichsten Dokumentation ist wohl: „Postcard to Daddy“ ist kein zorniger Film, im Gegenteil. Jeder andere, jeder Schwächere zumindest, würde dem Vater sein Leben vor die Füße werfen und sagen: Das ist alles deine Schuld! Michael Stock will vor allem Versöhnung.

Sein Film hat eine Vorgeschichte, die ist mindestens halb so lang wie sein bisheriges Leben. 1987 kam Michael Stock aus dem Schwarzwald nach Berlin, traf bald Rosa von Praunheim und drehte mit anderen den unerwartet erfolgreichen Szenefilm „Prinz in Hölleland“. Danach bekam er Drehbuchförderung, sogar mehrmals. Schon damals wollte er seine Geschichte erzählen. Er war oft nahe am Erfolg, aber zuletzt konnte sich nie ein Sender entschließen, den Film zu machen. „Die Aussöhnung“ hieß eine Drehbuchfassung, und ein Fernsehdirektor erklärte Michael Stock, er fände den Schluss noch viel ekelhafter als den Missbrauch selbst. Ein wenig Fernsehdirektor steckt vielleicht in den meisten von uns. Aber Stock blieb unbeirrbar. Und er blieb ohne Film.

Irgendwann kam der Schlaganfall. Und der Sohn hörte, dass sein Vater auch einen bekommen hatte – fast zur gleichen Zeit und sehr schwer. Die Familie hatte schon länger keinen Kontakt mehr mit ihm. Noch während der Rehabilitationszeit besorgte Stock sich eine Kamera. Er fuhr mit seiner Mutter nach Thailand – weit weg von allem, was beide an sich selbst erinnern könnte. Aber genau hier begannen sie zu sprechen, Mutter und Sohn, vor der Kamera. Noch war es nur für sie gedacht.

Auf der Berlinale haben Journalisten immer wieder gefragt, ob seine Mutter denn nie etwas gemerkt habe. Es klang ihm wie: Sie hat bestimmt alles gewusst, aber geschwiegen. Stock hat das wehgetan: „Meine Mutter hat nichts gemerkt, ich weiß es genau, ich selbst habe doch alles dafür getan.“ Das führte zu so traurig-grotesken Szenen wie jener, dass der Sohn eine ganze Nacht unter dem Ehebett der Eltern verbrachte.

Die ganze Sehnsucht seiner Mutter galt einer heilen Familie, wie sie selbst sie nie gekannt hatte. Darum ertrug sie, dass ihr Mann trank, ertrug, dass er fremdging und entzog sich ihm trotzdem nicht. Und darum blieb ihr Sohn stumm.

Als Mutter und Sohn zurückkehrten, redete er mit seinen Geschwistern. Und dann war auch klar, was der Film werden sollte. Eine Postkarte an den Vater, eine Flaschenpost, eine Videobotschaft. Stock rechnete mit der Auskunft „Annahme verweigert“, aber es kam anders, und so ist in den allerletzten Szenen von „Postcard to Daddy“ der Vater zu sehen.

Haben wir es anders erwartet? Roland Stock, der Vater, ist kein böser Mann. Nur einer, der ein Leben lang gewohnt war, sich zu nehmen, was er will.

Hackesche Höfe, Kant, Xenon

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