Doors-Film : Der König, der Dieb, die Wüste und der Tod

Ein Archiv wird geplündert: Tom DiCillos Bandbiografie „The Doors – When You’re Strange“.

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Jim Morrison.
Jim Morrison.Foto: dpa

Im März 1969 fährt Jim Morrison nach Palm Springs. Er wird begleitet von Paul Ferrara, Frank Lisciandro und Babe Hill, die ihm helfen sollen, sein zehnseitiges Drehbuch mit dem Titel „The Hitchhiker“ zu verfilmen. Sie haben eine 35-Millimeter-Kamera dabei und legen los – mitten in der kalifornischen Wüste. Morrison spielt den vollbärtigen Anhalter, der in Lederhose und Felljacke am Rand des Highways entlangschlendert, bis endlich ein blauer Sportwagen hält und ihn mitnimmt. Nach einer Weile sieht man ihn selbst am Steuer sitzen. Er fährt und fährt. Gelegentlich stoppt er an einem Laden, einer Tankstelle oder bei einem angefahrenen Coyoten. Aber was ist mit dem Fahrer passiert? Gegen Ende des 50-minütigen Films wird klar: Der Anhalter hat ihn umgebracht.

„HWY – An American Pastoral“ nennt Morrison, der in L. A. Film studiert hatte, das Werk schließlich. Es ist ein experimentelles Roadmovie, mit wenig Handlung und vielen langen Einstellungen. Oftmals wird minutenlang aus dem Autofenster gefilmt, dazu läuft mal ein Folksong, mal rezitiert Morrison ein Gedicht. Andy Warhols Filmarbeiten gehen in eine ähnliche Richtung. Öffentlich gezeigt wird „HWY“ (kurz für: Highway) nur ein einziges Mal, beim Filmfest von Vancouver. Weitere Vorführungen finden im privaten Rahmen statt, einen Kinostart oder eine DVD-Veröffentlichung gab es bis heute nicht. Zugänglich ist der Film nur als pixeliges Internetvideo.

Die Chancen für „HWY“, jemals das Licht der Kinoleinwände zu erblicken, stehen schlecht. Denn mittlerweile hat Regisseur Tom DiCillo („Living in Oblivion“) das Werk des Doors-Sängers für sein eigenes Dokumentarfilm-Debüt „The Doors – When You’re Strange“ ausgeschlachtet. Ohne im Film ausdrücklich auf seine Quelle zu verweisen, nutzt er die attraktivsten Szenen mit Morrison – natürlich nicht die gedehnten Straßenimpressionen – als spektakuläre Illustration seiner ansonsten recht gewöhnlichen Bandbiografie. Gleich zu Beginn, als Morrison im Auto fährt, erlaubt er sich einen makabren Gag: Auf der Tonspur ist ein Nachrichtensprecher zu hören, der über das Autoradio den Tod des Doors-Sängers in Paris verkündet.

Dieser dreiste Umgang mit dem Material zeugt von wenig Respekt gegenüber einem Künstler, der es bis heute zu verhindern gewusst hat, dass Doors-Songs in Werbespots verwendet werden. Den restlichen drei Mitgliedern der legendären US-Rockband war das filmische Erbe ihres Frontmanns offenbar nicht sonderlich heilig. Sie ermöglichten Tom DiCillo als erstem den Zugang zum kompletten Archiv der Band in Los Angeles. So konnte er sich bei „HWY“ bedienen, aber auch bei den Doors-Dokumentaraufnahmen, die das gleiche Team um den Fotografen und Regisseur Paul Ferrara gemacht hatte. „Feast of Friends“ hieß dieses Projekt.

Ausschließlich mithilfe von historischem Material erzählt „When You’re Strange“, der 2009 auf dem Sundance-Festival Premiere hatte und anschließend auch im Berlinale-Panorama lief, die Bandgeschichte der Doors nach. Er hangelt sich brav von der Bandgründung 1965 zum ersten Hit „Light my Fire“ über die zunehmende Fanhysterie und den Skandalauftritt in Miami bis zu Morrisons Tod 1971. Als Off-Sprecher hält Johnny Depp das Ganze zusammen. Neben vielen Konzert- und Backstageszenen, bei denen die enorme Polizeipräsenz auffällt, bemüht sich DiCillo darum, das Phänomen Doors in seinem zeitlichen Kontext zu zeigen. So kombiniert er etwa Bilder berühmter Toter aus Pop und Politik mit dem Song „The End“, zu Vietnamkriegsaufnahmen läuft „Riders on the Storm“. Das ist banal. Die Doors selber waren mit ihrem Kurzfilm zu „Unknown Soldier“ erheblich radikaler.

Im Zentrum der Dokumentation steht der wild-geheimnisvolle Jim Morrison, der Lizard King, Poet und zunehmend in Alkohol und Drogen versinkende Sänger des Quartetts. Man kann zusehen, wie der Rock-’n’-Roll-Lebensstil seine Physiognomie verändert. Dennoch strahlt er eine Coolness und Star-Präsenz aus, die noch fast 40 Jahre nach seinem Tod beeindruckt. Der Film sonnt sich in seinem Glanz.

Delphi, International (OmU)

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