Dorf-Porträt : In 87 Kurven um die Welt

Meta-Miniaturen: In "Obaba" durchmisst die Filmstudentin Lourdes mit der Kamera in der Hand einen skurrilen Kleinkosmos.

Verena Friederike Hasel
Obaba
Szene aus "Obaba". -Foto: zorro

Die perfekten Geschichten schreibe nicht das Leben, sondern der Autor, hat Honoré de Balzac gesagt. Dafür wirft das Leben Rohmaterial ab – und das soll die Filmstudentin Lourdes (Barbara Lennie) in Montxo Armendáriz’ „Obaba“ auf Geheiß ihres Dozenten sammeln, ein Wochenende lang. Soll an einem fremden Ort filmen, was ihr wichtig erscheint, und die disparaten Sprengsel am Schneidetisch zur Geschichte fügen. Lourdes fährt nach Obaba – ein baskisches Dorf, über dem ein Lynchesker Hauch liegt: Entfernungen gibt man hier mit Sätzen wie „In 87 Kurven sind Sie da“ an, überhaupt wird alles gezählt, Stufen wie Schritte, in einem Schuppen hat der Hotelier Ismael eine Eidechsen-Klinik untergebracht, und vom tumben Tomás sagt man, Echsen hätten sein Hirn zerfressen.

Diesen skurrilen Kleinkosmos durchmisst Lourdes, in der Hand immer die Kamera. Trotz seiner poetischen Machart hat „Obaba“ Züge eines Essayfilms: Hier wird über das Filmemachen nachgedacht, den Umgang mit der Kamera, und das surrende Gerät selbst wird zum handlungstragenden Element. Als Lourdes einen der Dörfler küsst, sinkt sie nicht wie hingegossen an seine Brust, sondern hält den einen Arm weit abgespreizt, um den Kuss zu filmen – die Kamera verweigert absolute Hingabe und schafft beobachtende Distanz.

Dass die filmische Wirklichkeit nur eine Konstruktion ist, will der Dozent Lourdes lehren. Doch sie erfährt noch etwas anderes, erlebt die Abhängigkeit vom elektronischen Auge: Als sie nachts im Eidechsenschuppen eingeschlossen wird, schaltet sie die Kamera an, zur Gesellschaft und gegen die Angst, schläft schließlich ein und wacht verändert auf. Es quält sie die Frage, ob auch ihr eine Echse durch das Ohr ins Hirn gekrochen ist, sie konsultiert die Kamera, doch ist ihr Kopf aus der Kadrage gesackt. Nichts zu sehen als die Wand, und wenn die Kamera die Antwort nicht weiß, wie kann sie ein Mensch dann kennen.

Wer solche Meta-Überlegungen mag, wird Gedankenmaterial finden in diesem Film – genau wie Lourdes in Obaba reichlich Bildmaterial findet. An dem Versuch, daraus eine Geschichte zu bauen, scheitert sie; ähnlich ist es Armendáriz selbst ergangen. Episodisch und unstrukturiert erzählt er aus der bunten Welt, die Lourdes mit der Kamera aufstöbert – von der Lehrerin, die sich in einen Schüler verliebt, bis zum Jungen, der über dem Unfalltod seiner Schwester den Verstand verliert. Einige dieser Geschichten wären es wert, zu Ende erzählt zu werden, doch Armendáriz tippt sie nur an und springt zur nächsten. Damit ist er nicht hinausgekommen über den ersten Schritt des Filmautors. Nach dem Sammeln und Anhäufen, dem Hierher- und Dorthindenken gilt es, eine erzählerische Entscheidung zu treffen. Sie ruft zumeist nach Reduktion. Erst dann kann eine Geschichte entstehen.

Central Hackescher Markt (OmU)

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