Drama : Mondsüchtig: "La misma luna"

Ein Immigrantenschicksal aus Mexiko, das als kritisch realistisches Drama beginnt, mündet in ein Mutter-Sohn-Melodrama.

Helmut Merker

Noch vor dem Vorspann Szenen eines hektisches Geschehens: Flüchtlinge in einem Strom, Grenzpatrouillen mit Scheinwerfern, angstverzerrte Gesichter, Hundegebell, Schüsse, zwei Frauen in einem Versteck. Dann Ruhe, Sonntagmorgen, vier Jahre später: eine Frau und ein Junge wachen weit voneinander entfernt auf, beide streichen auf ihrem Kalender einen Tag durch; dann laufen sie gleichzeitig zu einer Telefonzelle. Die Mutter gratuliert ihrem Sohn zum neunten Geburtstag. Sie vermissen einander sehr, das Gespräch endet mit ihren tränenumflorten Gesichtern in Großaufnahme.

Ein Immigrantenschicksal, das als kritisch realistisches Drama beginnt, mündet in ein Mutter-Sohn-Melodrama. Anders als der starbestückte Film „Crossing Over“, in dem das gleiche Thema in vielerlei Einzelschicksalen durchdekliniert wird, dreht sich im Low-Budget-Werk „La misma luna“ alles um zwei Hauptpersonen. Rosario schlägt sich illegal als Putzfrau und Babysitterin in Los Angeles durch, Carlitos ist in Mexiko bei der Großmutter geblieben. Die Lage spitzt sich zu, als die Großmutter stirbt und der Junge sich auf den Weg macht.

Eine Odyssee, ein Road Movie: auf Carlitos’ Way gelingen dem Film die besten Momente, wenn in wenigen Bildern, knappen Worten und klugen Ellipsen die Entwicklung lakonisch angedeutet wird: der Junge schneidet aus einem Briefumschlag den Absender aus, nimmt Abschied von der toten Oma, schultert den Rucksack: das ist der Aufbruch. Während einer Razzia bei illegalen Tomatenpflückern finden Carlitos und der grimmige Enrique ein Versteck; danach rennt der Kleine hinter dem Großen her, in die nächste Stadt, wo Carlitos Arbeit findet. Der Deal ist „Two for One“: So beginnt eine Freundschaft.

Daneben aber wird in der einen Woche von Sonntag zu Sonntag das ganze Panorama der Immigranten-Problematik abgehandelt; Carlitos begegnet zwar allen Bösen dieser Welt, aber Drogendealer, Menschenschmuggler, Zuhälter, Polizisten und Grenzbeamte werden durch einen Blick aus großen Kinderaugen außer Kraft gesetzt. Auf der anderen Seite leidet Rosario unter zickigen Arbeitgeberinnen und schlechten Nachrichten aus der Heimat, denen sie mit ständigen Tränenausbrüchen zu begegnen hat. Wenn dann der Titelheld die Szene beleuchtet und Mutter und Sohn, in einem traumhaften Bild vereint, in den Mond gucken, hat die Rührseligkeit ihren Höhepunkt gefunden.

„La misma luna“: In unseren Breiten hieße das Motto „... und immer wieder geht die Sonne auf“. In den Hitzeregionen von Mexiko und Kalifornien ist der Mond der Himmelskörper, der die Flucht aus dem Alltag und den Trost in der Tristesse symbolisieren soll. Helmut Merker

Nur im Colosseum

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben