"Drei Affen" und "Issiz adam" : Türkische Beziehungsdramen

Autorenfilm und Blockbuster: die türkischen Dramen "Drei Affen" und "Issiz adam" beschäftigen sich mit dem Thema Beziehungsunfähigkeit.

Daniela Sannwald

Ein schmales Haus an einer Bahnlinie, obenauf eine Terrasse mit Blick über ein Dächermeer und einen Himmel, an dem hastig Wolkenfetzen treiben. Über allem scheint ein Hauch von Schimmel zu liegen, ein grünlicher Schleier, der auf ein äußerst ungesundes Klima verweist. „Klimata“ hieß, korrekt übersetzt, Nuri Bilge Ceylans letzter Film „Iklimler“, der in Deutschland unter dem Titel „Jahreszeiten“ lief; nur hatte das mit dem Wetter nichts zu tun. Es ist immer die psychologisch-soziale Atmosphäre, die den bekanntesten türkischen Regisseur interessiert. Der schlammige Grundton und die ausgebleichten, in manchen Einstellungen giftig wirkenden Farben in Ceylans neuem Film „Drei Affen“ lassen an Sumpf und Stunk, an Verfaultes und Vergorenes denken, auch an munter Wimmelndes da, wo Munterkeit im Großen nicht aufkommt.

Die vier Helden des Films haben genug damit zu tun, nicht über das zu sprechen, was ihre Beziehungen zueinander bestimmt: Betrug, Schuld, Misstrauen, Macht-, Geld- und Sexgier. Da ist der karrieristische Politiker, der bei einer nächtlichen Autofahrt einen Passanten tötet und Fahrerflucht begeht. Als sein Wagen identifiziert wird, überredet er seinen Chauffeur, statt seiner ins Gefängnis zu gehen. Inzwischen wolle er dessen Frau und Sohn versorgen und einen hohen Geldbetrag obendrauf legen. Der Chauffeur ist ein kleinmütiger Mann, der aus Angst um den Job der Forderung nachkommt. Seine Frau fällt mit ihrer natürlichen Eleganz aus dem kleinbürgerlichen Rahmen heraus, sie scheint höhere Ambitionen zu haben und eine gewisse, am Ende für nichts gute Schläue. Und da gibt es noch den Sohn, arbeits- und antriebslos, der seiner kleinkriminellen Wege geht und von der ahnungslosen Mutter gehätschelt wird.

Während der Chauffeur eine Strafe für ein Verbrechen verbüßt, das er nicht begangen hat, beginnen sein Arbeitgeber und seine Frau ein Techtelmechtel miteinander. Die Frau will höher hinaus, der Boss will sein Vergnügen und einen weiteren Triumph über den gedemütigten Angestellten, der Sohn würde den mütterlichen Liebhaber am liebsten ermorden. Als der Fahrer aus dem Gefängnis zurückkehrt, stößt er auf Ausflüchte, Lügen, Schweigen. Wie die drei Affen verhalten sich Chef, Frau und Sohn. Bald begreift er, dass er es ihnen gleichtun muss.

Wie ein Kammerspiel hat Nuri Bilge Ceylan diesen Film inszeniert; nur wer Istanbul gut kennt, kann den durch verzerrende Kameraeinstellungen, Farb- und Lichteffekte zusätzlich verfremdeten Schauplatz identifizieren. Es geht nicht mehr um eine geografische Verortung in Nuri Bilge Ceylans Filmen, die immer weniger Türkisches enthalten; auch wegen dieser Internationalität ist Ceylan so beliebt bei Kritik und Festivaljurys. Seine Themen und seine Filmsprache sind überall verständlich, und das ist dem zweifellos hoch talentierten und mit Preisen überhäuften Istanbuler Ästheten ein wenig zu Kopf gestiegen. So gibt er der türkischen Presse ungern Interviews, umso lieber der internationalen: Besonders in Frankreich verehrt man das ehemalige Model Ceylan und seine sehr schöne Frau Ebru als glamour couple.

Vielleicht im Hinblick auf seinen Regiekollegen hat der auf Blockbuster im Inland abonnierte Cagan Irmak („Mein Vater, mein Sohn“, 2006) mit seinem Film „Issiz adam“, der seit letzter Woche auch in hiesigen Kinos läuft, ebenfalls auf das Thema Beziehungsunfähigkeit gesetzt. Dessen Held, ein erfolgreicher Restaurantbesitzer im hippen Beyoglu, kann die Frau, die er liebt, nicht an seiner Seite ertragen, was vage mit dem unguten Einfluss der Metropole und ihres individualistischen Lebensstils auf den entwurzelten Landbewohner erklärt wird. Damit können sich sehr viele Türken identifizieren: „Issiz adam“ hatte in der Türkei bisher knapp 2,8 Millionen Zuschauer. International aber wird sich Cagan Irmak mit dem gefällig inszenierten Rührstück nicht profilieren könnten. Er mag sich damit trösten, dass „Drei Affen“ – immerhin der in der Türkei erfolgreichste Film Nuri Bilge Ceylans – dort gerade einmal 125 000 Zuschauer ins Kino lockte.

„Drei Affen“: Broadway, Filmtheater am Friedrichshain, Passage, fsk (OmU)

„Issiz adam“: Alhambra, Babylon Kreuzberg, Broadway, Karli (alle OmU)

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