Duo Jaoui/Bacri : Ironie ist alles

Agnès Jaoui und Jean-Pierre Bacri übers Schreiben, Spielen und den Erfolg.

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Wie wär's mit einem Joint? Interviewer Michel (Jean-Pierre Bacri) bemüht sich um die Politikerin Agathe (Agnès Jaoui). -Foto: alamode

Agnès Jaoui, Jean-Pierre Bacri, Sie schreiben gemeinsam die Bücher zu Ihren Filmen und agieren auch als Hauptdarsteller. Nur Regie führt Agnès Jaoui alleine. Warum?



JEAN-PIERRE BACRI: Ich spiele lieber die Rolle des Terroristen.

AGNES JAOUI: Na, du alberst aber rum. Wenn wir am Set sind, hilft Jean-Pierre mir sehr viel. Aber wir sind sehr verschieden. Ich werde gleich panisch, wenn ich mal keine Termine habe, und sei es einen einzigen Tag. Wenn Jean-Pierre mehr als zwei Termine hat, wird er depressiv.

BACRI: Ich bin eher „lazy“.

JAOUI: Du bist eher kontemplativ.

BACRI: Also gut. Nicht „lazy“. Kontemplativ. Auch bei unseren Drehbüchern arbeiten wir langsam. Wir suchen lange. Wovon wollen wir erzählen? Von etwas, das uns auch im echten Leben am Herzen liegt. Erst haben wir das Thema und stellen eine Galerie von Figuren zusammen – und Geschichten, die sich kreuzen. Erst dann kommen die Dialoge.

Was war denn bei „Erzähl mir was vom Regen“ die Ausgangsidee?

JAOUI: Wir wollten über Schuld arbeiten. Sehr schnell ging das in die Richtung: Was bedeutet es, Opfer zu sein …

BACRI: ... Henker und Opfer. Um die Frage, wie man sich gegenseitig terrorisiert und unterwirft.

Nur wenn alle Opfer sind, gibt’s keine Bösen mehr. Mit wem soll man sich dann noch identifizieren?

JAOUI: Richtig, das Publikum guckt gerne Gute und Böse. Aber der Wechsel ist doch fließend, ob privat oder gesellschaftlich. Denken Sie an Einwanderer, die sich gegenüber der nächsten Welle von Einwanderern besonders faschomäßig aufführen. Oder an vergewaltigte Kinder, die selber zu Vergewaltigern werden. Opfer zu sein allein macht nicht tolerant. Man reproduziert vielmehr, was man erlitten hat.

Aber „Erzähl mir was vom Regen“ ist dann doch eine Komödie geworden, oder?

BACRI: Ohne Distanz, ohne Ironie geht nichts. Das ist ein Überlebensmittel. Ich kann die Welt sowieso nicht so sehen, wie sie ist. Dann wäre ich nur ein Sklave der Objektivität. Das ist manchmal wie eine Sucht: sich lustig zu machen.

Im schlimmsten Fall führt das in die bloße Lust auf Pointen.

BACRI: Was einem an einem selbst verdächtig gut gefällt, ob beim Schreiben oder als Schauspieler, sollte man weglassen. Eine Zeile, in der bloß Esprit ist und sonst gar nichts: Die muss man killen.

Agnès Jaoui, Sie spielen die Quoten-Politikerin Agathe Villanova, die mit ihrer Rolle im Wahlkampf hadert. Und ihre jüngere Schwester Florence wird nach ein bisschen Fremdgehen erst recht zum Heimchen am Herd. Man könnte Ihren Film auch antifeministisch nennen, oder reaktionär.

JAOUI: (lacht, zielt theatralisch mit dem Finger auf den eigenen Kopf)

BACRI: Das ist das erste Mal, dass uns jemand das sagt.

JAOUI: Doch, doch, es gibt Frauen, die meine Agathe hassen. Andere werfen mir vor, ich würde sie bloß anklagen.

BACRI: Nur Florence verkörpert das traditionelle Rollenmodell. Aber das greifen wir doch gerade an.

Und der ältere, beruflich gestrandete Genuss-Kiffer mit restbürgerlichen Manieren, den Sie verkörpern, Monsieur Bacri: Ist dieser Typus in Frankreich häufig?

BACRI: So Typen wie Michel kenne ich massenhaft. Viele von ihnen sind auch unsere Freunde. Leute, die jede Hierarchie ablehnen – und dann machen sie gar nichts mehr.

JAOUI: Michel ist auch Opfer seiner Situation als Mann. Er muss immer noch so tun, als wäre er brillant. Ohne sozialen Erfolg bleibt ihm nur noch die Lüge.

Stehen Ihre Freunde auch für Ihre Figuren Modell?

JAOUI: Unbedingt. Es fällt mir extrem schwer, Figuren richtiggehend zu erfinden. Ich brauche reale Vorbilder, damit die Psychologie der Filmfiguren stimmt.

Kommt es vor, dass Ihre Freunde sich dann auch wiedererkennen, womöglich unangenehm berührt?


JAOUI: Es ist verrückt, aber die Leute erkennen sich selber meistens nicht. Eher das Vorbild für ihren Nebenmann. Es ist eben nicht einfach, sich selbst luzide zu begreifen.

BACRI: Und manchmal erkennen sie sich dann doch, so wie der Freund, der das Vorbild für meine Filmfigur Michel war. Er war zufrieden und bewegt!

Das französische Publikum liebt Sie. Gilt das auch für Ihren neuesten Film?

JAOUI: Eine Million Zuschauer, das ist schon ein Erfolg. Andererseits halbieren wir unsere Zahlen von Film zu Film. „Lust auf Anderes“ hatte noch vier Millionen. Wir sind nicht mehr so in Mode.

BACRI: Ach, nach „Lust auf Anderes“ wurden wir doch bloß übermystifiziert. Inzwischen haben sich die Leute an unsere Art zu erzählen gewöhnt.

JAOUI: Dabei sollte der Film damals ein Thriller werden, „Schau mich an“ hatten wir uns viel theatermäßiger vorgestellt, und „Erzähl mir was vom Regen“ war als Märchen gedacht. Das machen wir dann hoffentlich beim nächsten Mal.

BACRI: Und dann kommen wir wieder auf das zurück, was wir wirklich wollen.

JAOUI: Seien wir ehrlich: Wir haben Angst, uns zu wiederholen.

BACRI: Also mir ist das wurscht.

Das Gespräch führte Jan Schulz-Ojala.

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