DVD-Kolumne :   NEU AUF DVD: Tracey Fragments und 13 Tzameti  

Neue DVDs von Bruce McDonald und Géla Babluani

Karl Hafner

Den Plot kann man noch einigermaßen rekonstruieren, in Bruce McDonalds Jugenddrama The Tracey Fragments (Koch Media) von 2007. Die 15-jährige Tracey sucht ihren kleinen Bruder Sonny, der sich für einen Hund hält. Sonny ist beim Spielen verschwunden. Der Rest ist Sammelsurium und Fragment. Was an dieser Geschichte Wunsch und Wirklichkeit, Wille und Vorstellung sind, ist nicht enträtselbar. Der Film verwendet durchweg SplitScreens, teilweise laufen sogar acht Bilder gleichzeitig, überlagern sich, verschwimmen ineinander, zeigen das Gleiche aus verschiedenen Perspektiven, während sich allerlei Tonspuren verstärken oder konterkarieren.

Tracey wird gespielt von Ellen Page, die hier jedoch im Gegensatz zu ihrer berühmten späteren Rolle in „Juno“ nicht den kecken, selbstbewussten Teenager verkörpert, sondern ein getriebenes, unsicheres Mädchen. „Flaches Brett“ und „du Etwas“ sagen sie in der Schule zu ihr, zu Hause bezeichnet der Vater ihre Existenz als Unfall und ihre Therapeutin ist etwa so hilfreich wie eine Zigarette bei Halsweh. Es geht um Liebe und Sex, Einsamkeit und Rockstar-Träume. Der neue Mitschüler, den sie in ihrer Fantasie Billy Zero nennt, sieht aus wie der junge Bob Dylan und raucht Kette. Er könnte sie erlösen, aber natürlich wird alles nur noch schlimmer.

Auch wenn das Splitscreen-Verfahren oft überkandidelt wirkt, funktioniert es hier gut als Ausdruck eines gesplitteten, zersplitterten Ichs. Noch vor der Veröffentlichung des Films hat McDonald das gesamte Footage zum freien Download angeboten, als Remix- und Sample-Material für Interessierte. Die besten Ergebnisse aus einem Wettbewerb sind auf der DVD enthalten – unter dem Titel „Tracey Re:fragmented“.

Im klassischen Schwarz-Weiß des Film noir, in der Ruhe und Geradlinigkeit alter Gangsterfilme hat dagegen der georgische Regisseur Géla Babluani seinen Erstling 13 Tzameti (Alamode Film) von 2005 gedreht, der zum Festivalhit avancierte, bei uns jedoch nur kurz im Kino lief. Der georgische Immigrant Sébastien hält seine Familie in Frankreich mit Gelegenheitsjobs über Wasser. Bei der Reparatur eines Hausdachs belauscht er seinen Auftraggeber, der von einem Brief erzählt, dessen Inhalt alle Geldsorgen beenden soll. Sébastien bringt den Brief an sich und befolgt die darin enthaltenen Anweisungen, ohne nur den Hauch einer Ahnung zu haben, wohin das führen wird. Alles sieht nach einem klassischen SuspenseThriller aus. Das Wissen des Protagonisten und des Zuschauers sind deckungsgleich, was den Film unerhört spannend machen würde, verrieten nicht DVD-Cover und Trailer bereits das grausige Ziel. Dem Film kann man daraus keinen Vorwurf machen, er funktioniert hervorragend. Sobald Sébastien am Zielort angekommen ist, schlägt das Ganze in garstiges, nihilistisches Kino um. Es gibt nur noch Mord oder Tod, im Stil der umstrittenen Terrorfilme „Saw“ oder „Hostel“, ohne jedoch deren blutige Exzesse nötig zu haben. Ruhende Einstellungen auf verkniffenen Gesichtern, ein Zucken im Augenwinkel, vor Nervosität trippelnde Füße sind wirkungsvoll genug. Sébastien sieht bald einem Toten gleich, sein Ich liegt in tausend Scherben. Sein Gesicht erzählt genug davon. Karl Hafner

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