Kino : Ein Brad im Kornfeld

Mythos und Räuberpistole: Andrew Dominiks Spätwestern „Die Ermordung des Jesse James“

Kai Müller

Er ist brutal, misstrauisch und ein Held. Die Gangsterlegende Jesse James geistert durch die Fantasien seiner Zeitgenossen, als er noch immer Züge überfällt, den Insassen die Geldbörsen entreißt und in einer Landschaft verschwindet, die ihn jedes Mal endgültig zu verschlucken scheint. In zehn amerikanischen Bundesstaaten wird er gesucht. Groschenromane verklären sein Leben, Bücher versuchen ihn zu ergründen. Gefasst wird er nie. Als Jesse James schließlich erschossen wird, ist es einer aus seinem engsten Gefährtenkreis, der den Revolverhelden in dessen eigenem Haus von hinten kaltmacht. Doch kaltblütig geschieht der Verrat nicht. Robert Ford, der sich das Vertrauen des düsteren Outlaws erschlichen hat, kann vor Angst kaum den Revolver halten. Jesse hatte ihm die Waffe kurz zuvor geschenkt.

„Die Ermordung des Jesse James durch den Feigling Robert Ford“ von Andrew Dominik ist ein mächtiger, großer und sehr widersprüchlicher Film. Er will von einem Mythos des amerikanischen Westens erzählen, aber so hautnah wie möglich, was ihn in eine Reihe mit so magischen Realismus-Western wie „Pat Garrett & Billy the Kid“, „Dead Man“ oder „Erbarmungslos“ stellt. Er schildert das Ende eines Verbrechers aus der Perspektive seines glühendsten Verehrers – eine besonders raffinierte Form des Duells. Es geht um den Sog der Popularität, um kollektive Verehrung im frühesten Medienzeitalter. Und es geht um den Irrtum, dass einen Bösewicht zu erledigen einen selbst zum Helden mache.

Für Robert Ford ist es ein fataler Denkfehler. Aber das ahnt er natürlich nicht, als er sich 1881 der James-Bande für einen letzten Raubzug anschließt. Er bettelt, dazugehören zu dürfen. Die Art, wie Casey Affleck dabei zu seinem Idol aufschaut, ist beeindruckend und abstoßend zugleich. In seinem schmallippigen Gesicht ringen Schwäche, die Angst vor Zurückweisung und Starrsinn miteinander. Er ist ein Mensch gewordenes Fragezeichen. Man weiß nie, woran man bei ihm ist. Bei Brad Pitt als Jesse James weiß man das auch nicht, aber dessen Trumpf ist nicht die List, sondern rohe Gewalt. Er strahlt die Indifferenz von Menschen aus, die an Verehrung gewöhnt sind. „Mir ist egal, mit wem ich reite“, sagt er einmal. Als Jesse nach dem Überfall fürchten muss, dass seine Kumpane ihn verpfeifen, sucht er einen nach dem anderen auf: „Willst du mit mir reiten?“ Niemand will, und alle tun es.

„Die Ermordung des Jesse James“ erzählt, wovon alle guten Western berichten – vom Schicksal. Als Buchvorlage diente der gleichnamige Roman von Ron Hansen. Er rekonstruiert akribisch das soziale Umfeld der James-Bande, soweit es aus historischen Quellen überhaupt zugänglich ist. Wobei etwas von dieser Puzzle-Arbeit in die Dramaturgie des Films eingeflossen ist. Regisseur Dominik blickt fasziniert auf eine rohe Welt, die er wie einen zersprungenen Spiegel zusammensetzt. Auf elliptischen Bahnen steuert die Handlung durch das psychologisch verminte Gelände. Immer wieder greift der Film andere Erzählstränge auf, fängt die Fäden eines Komplotts ein, dessen lose Enden überall herumliegen. Dominik inszeniert ein grimmiges Intrigenspiel, ein Kammerdrama, das in den weiten Ebenen des Mittleren Westens nichts von seiner bedrückenden Enge verliert. Obwohl es für den Fortgang der Handlung unnötig wäre, blendet Dominik immer wieder die Stimme eines Erzählers ein. Ein Kunstgriff, der die Geschichte im Wortstrom der Legendenbildung einbettet.

Brad Pitt ist in der Rolle des Jesse James nicht der Virtuose des Exzentrischen, der er sein könnte. Aber das braucht er auch nicht. Seine blasshäutige Brutalität ist in der Andeutung viel gespenstischer. Tief sitzen die Augen in den Höhlen. Einmal schneidet er einem Schlangenpaar demonstrativ die Köpfe ab. Warum? Weil die Viecher gut schmecken, wenn man sie hart anbrät? Jesse bleibt sich selbst ein Rätsel. Dass er am Ende seine Waffen ablegt und seinem Mörder den Rücken zuwendet, liegt jenseits psychologischer Erklärungen. Dieser Revolverheld lebt in dem Mythos, in den ihn die allgemeine Angstverehrung entrückt hat. Die Leute wollen ihn tot sehen? Gut, aber seinen Henker sucht er sich selbst aus. Mehr kann eine Sagengestalt nicht tun.

Mit dem Mord ist die Geschichte allerdings nicht auserzählt. Die Ballade vom Feigling, der ein Held sein will, geht weiter. Die Überlänge von zweieinhalb Stunden weitet „Die Ermordung des Jesse James“ zum grandiosen Seelendrama. Zu einer Geschichte über das Geschichtenerzählen.

Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmtheater am Friedrichshain, Kino in der Kulturbrauerei, Kant, Yorck. OV: Cinestar Sony-Center, Odeon

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