"Ein Mann von Welt" : Wie das Ableben so spielt

Entspannte Farce aus Norwegen: Hans Petter Molands „Ein Mann von Welt“ zeigt einen Ex-Knacki, der nach zwölf Jahren entlassen wird.

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Ein Mann von Welt, wie der deutsche Verleihtitel suggeriert, ist Ulrik sicher nicht, eher ein kleines Licht aus der Unterwelt, abgerissen gekleidet und geschmückt mit dünnem silberblondem Pferdeschwanz. So kommt er nach zwölf Jahren aus dem Knast – eher „en ganske snill mann“, ein ziemlich netter Mann, wie der Norweger Hans Petter Moland seine entspannte Farce über die Selbstresozialisierung eines Ex-Knackis genannt hat. Ein Mann, der bedächtig beobachtet, wie die Welt da draußen weitergemacht hat in seiner Abwesenheit, und dann darin seinen Platz sucht. Autsch! Und autsch! Aber passt schon.

Langsam und lakonisch hebt das an – mit einem Personal und in Interieurs, die geradewegs bei Aki Kaurismäki geklaut sein könnten, wenn sie nicht mitunter hochgeschraubt wären ins Schrille und auch darüber hinaus. Ulrik also, von Stellan Skarsgard sanft eingedüstert und mit herzerwärmenden Aufhellungen gespielt, wird von seinem Boss Jensen (schmieriges Ekel: Björn Floberg) in einem zellenartigen Verschlag untergebracht, wo er alsbald mit der Wirtin (lüsterne Schreckschraube: Jorunn Kjellsby) ein deftiges Bratkartoffelverhältnis eingeht. Jensen vermittelt ihm außerdem einen Job in der Autowerkstatt von Sven (komische Satzkaskaden schleudernd: Björn Sundquist). Als Sven nach einer Herzattacke ins Krankenhaus muss, ist dessen Geliebte (wunderbar verkümmert: Jannike Kruse) Ulrik bald mit Leib und Seele zugetan. Tja, wer verspielt hat, hat Glück bei den Frauen!

Nun trifft es sich aber, dass Jensen dringend meint, Ulrik möge nicht nur ein hohes Schuldensümmchen abzahlen, sondern umgehend den Mann umlegen, der ihn damals verpfiffen hat. Es trifft sich allerdings auch, dass Ulrik friedlich im Leben seines nunmehr erwachsenen Sohnes Geir (anstrengend herzallerliebst: Jan Gunnar Roise) vorkommen will, der demnächst mit Silje (glühend wie Polanskis Rosemary: Julia Bache Wiig) ein Baby kriegt, wobei Silje sich für ihr Kind nicht gerade einen verurteilten Mörder als Opa wünscht. Auch sonst trifft sich allerhand Verwirrendes. Aber passt schon. Sofern man, so wie Ulrik, auf den passenden Moment warten kann.

Die Freiheit da draußen erweist sich als graue Schneematschwelt, bevölkert von Gespenstergesichtern, in die der Matsch des Lebens seine Schlieren hineingeschrieben hat. Fast alles in dieser Welt dreht sich – überwiegend freudlos – um Geld oder Sex. Von ersterem hat Ulrik nahezu nichts, von letzterem plötzlich verstörend viel und schon geht soviel schief, dass der Knast eine prima Alternative sein könnte. Hans Petter Moland aber entwickelt nach einem Drehbuch des Dänen Kim Fupz Aakeson, der die anrührend derangierten Filmuniversen etwa von Annette K. Olesen und Pernille Fischer Christensen entwirft, so viel Liebe für den Verlierer Ulrik, dass einem nie wirklich bange sein muss. Nicht um Ulrik jedenfalls. Und auch nicht darum, dass hier jemand eine Genre-Geschichte bloß wie eine Genre-Geschichte erzählt.

„Ein Mann von Welt“ sagt so beiläufig wie kurzweilig, dass es nie zu spät ist, vorausgesetzt, man schaut – auch im fortgeschrittenen Alter – mutig nach vorn. Das ist tröstlich. Wenn dann doch Blut fließt, mal lustig, mal garstig: auch gut. Wie das Leben so spielt und, nicht zu vergessen, das Ableben.

In neun Berliner Kinos; Originalversion mit Untertiteln in den Hackeschen Höfen

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