Ein Paar, kein Paar : Ein etwas anderer Liebesfilm

Abbas Kiarostamis Film "Die Liebesfälscher" erfindet eine höchst ungewöhnliche Zweierbeziehung.

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Frischverliebte? Oder Eheleute, die sich an ihre fernen Anfänge erinnern? William Shimell und Juliette Binoche lassen in „Die Liebesfälscher“ so manche Frage offen.
Frischverliebte? Oder Eheleute, die sich an ihre fernen Anfänge erinnern? William Shimell und Juliette Binoche lassen in „Die...Foto: Alamode

Ein sonniger Nachmittag in Lucignano, in jenem toskanischen Dorf, wohin italienische Paare seit jeher zwecks Hochzeit pilgern. Hier haben auch sie geheiratet, vor genau 15 Jahren, James und seine schöne Frau, die im Film ganz ohne Namen bleibt. Auf dem Dorfplatz tummeln sich die turtelnden Hochzeitspaare, die beiden Jubilare haben sich – untypisch früh für italienische Verhältnisse – einstweilen in ein Restaurant zurückgezogen. Sie macht sich zur Feier des Tages schön für ihn: Lippenstift, Ohrringe, das ganze Programm. Er will Wein bestellen, aber der Kellner ignoriert ihn. Und das Paar beginnt zu streiten.

Nein, so geht die Geschichte nicht. Noch mal von vorn also, richtig von vorn. Der britische Essayist James Miller stellt im toskanischen Arezzo seine soeben in einem neuen Buch entwickelte, provokante These vor, es gebe nur Kopien und keinerlei Originale, weder in der Kunst noch in der Natur. Eine schöne, namenlos bleibende Frau, die im Ort ein Geschäft mit Reproduktionen alter Meister betreibt, besucht seine Lesung, kauft einige Exemplare – oder sollte man sagen: Kopien? – seiner Bücher und lädt ihn zu einem Besuch ihres Ladens ein. Das Kennenlernen beruflicher Art mündet in einen Flirt; sie fährt ihn im Auto zu Museen umliegender Dörfer und, richtig, nach Lucignano. Abends, so viel ist sicher, muss James Miller den Zug nehmen.

Oder ist es James, der keinen Nachnamen mehr braucht? Hat sich James Miller, der gutaussehende, intellektuelle Zufallsbekannte, unversehens in den reichlich entfernt lebenden Ehemann der schönen Antiquitätenhändlerin und den Vater ihres mittlerweile 13-jährigen Sohns verwandelt – spätestens seit eine Café-Besitzerin die beiden wie selbstverständlich für ein Paar hält, wie das in Lucignano so Sitte ist? Oder spielen sie zum Zeitvertreib fortan vor der Frau bloß das Paar und können von dem Spiel auch nachher nicht lassen, bis zur Besichtigung eines Hotelzimmers oben am Platz, das – warum eigentlich nicht? – ihr Hochzeitsnachtzimmer von damals sein könnte? Oder war es das womöglich tatsächlich, und James und die Frau sind von Anfang an das Paar, das anfangs nur das Einanderfremdsein spielt?

Fragmente einer Sprache der Liebe, Skizzen aus Szenen einer Ehe sind es, die diese zwei versuchsweise aneinander erproben – und wer hier mit aller Interpretationsgewalt Eindeutigkeit sucht, ist von Anfang bis Ende verloren. Es geht vor allem, hinreißend verkörpert von Juliette Binoche und intelligent hinhaltend von William Shimell, um das Spiel, also die Kopie, ausgedachter Situationen – erst recht dort, wo sie sich in das Original unmittelbar erlebter Gefühle zu verwandeln scheinen.

Er zürnt mit dem Kellner, mit ihr; ihre Augen füllen sich mit Tränen. Sie, in offenbar seliger Erinnerung hingegossen auf das Hotelbett; er derweil am Fenster, die Abfahrtszeit des Zuges im Kopf. Aber was ist dann mit dem ersten verstohlenen Verliebtheitslächeln ihrerseits, als sie im Auto hinter Arezzo eintauchen in die unwiderstehlichen Zypressenalleen, was mit seinem eleganten Gelehrtengerede, das sie doch bloß an seine höchst angenehme Stimme gewöhnen soll? Andererseits: Spielen Liebende nicht immer – gerade dann, wenn sie es ganz besonders ernst meinen miteinander?

Eine Matrjoschka-Puppe ineinander verpuppter Bedeutungen, deren Kern einem glücklich davonhüpft, sobald man ihn endlich gepackt zu haben glaubt: So funktioniert dieser erste in Europa gedrehte Film des 71-jährigen Iraners Abbas Kiarostami und sein erster Spielfilm seit „Ten“ (2002), der erste auch des großen philosophischen Versuchsanordners, der sich explizit mit den Rätseln der Liebe beschäftigt. Nicht um existenzielle Grenzerfahrungen wie den Tod geht es, wie in seinen großen Filmen „Der Geschmack der Kirsche“ (1997) oder „Der Wind wird uns tragen“ (1999), sondern um das Verhältnis zwischen Ernst und Spiel, Realität und Fiktion, Identität und Mimemis. Verschwunden auch die kahlen iranischen Hügel zugunsten der verschwenderischen Farbenwärme der Toskana. Und statt mit der mitunter grandios verwitterten Physiognomie von Laienschauspielern wird der Zuschauer – fast ein V-Effekt für Kiarostami! – mit gepflegten Gesichtslandschaften verwöhnt, wie er sie aus dem feineren europäischen Kino kennt.

Doch man täusche sich nicht: Kiarostami bleibt Kiarostami – und seine Lust an der schmucklos chronologischen, scheinbar geheimnislosen Erzählweise, an der Totalkontrolle über Dialog und Emotion und, vor allem, an der Dekonstruktion üblicher Dramaturgien wirkt in solchem Dekor umso heftiger. Nur wer das Nullsummenspiel aushält, in das das Nachdenken über die wesentlichen Dinge des Lebens mündet, kommt in „Die Liebesfälscher“ auf seine Kosten; das aber beträchtlich.

„Die Liebesfälscher“? So schmuck tönt der deutsche Titel von „Copie conforme“, mit dem Juliette Binoche letztes Jahr in Cannes den Darstellerpreis gewann. Und so falsch auch: Denn wo Leute Liebe fälschen, muss es das Original der „wahren Liebe“ geben – und genau daran meldet der Film so sanft wie subversiv seine Zweifel an. Andererseits sollte man dankbar sein, dass sich auf dem für kompliziertere Ware besonders komplizierten deutschen Kinomarkt mit Alamode überhaupt ein Verleih für dieses Juwel von Film gefunden hat. Und näher am Thema als „Serenade in der Toscana“ – beherzt verwarf man diese Alternative – ist der Titel allemal.

Ab Donnerstag in den Berliner Kinos

fsk und Hackesche Höfe (beide OmU),

Cinema Paris (dt. und OmU), Filmtheater am Friedrichshain und Passage

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