Elizabeth : Ein Krieg gegen den Terror

Zwischen Bergman und Bollywood: Cate Blanchett brilliert als britische Königin in „Elizabeth“.

Christina Tilmann
Elizabeth
Propagandistin und Lichtgestalt. Elizabeth hält ihre Rede ans Volk vor dem Kampf gegen die Spanier. -Foto: ddp

Gewaltige Kirchengewölbe, flackernde Kerzen, lateinische Gebete, ein schwarz gekleideter Herrscher vor roten Kardinälen: Das ist der spanische Katholizismus. „Sie ist die Dunkelheit, ich bin das Licht“, sagt der vor Fanatismus wahnsinnige Philipp II. von Spanien (Jordi Mollá) über seine Gegnerin Elizabeth von England, und prompt bläst der Wind die letzte Kerze aus.

Es ist ein heiliger Krieg, der zwischen Spanien und England entbrannt ist, ein Kreuzzug, Katholizismus gegen Protestantismus, schwarzer Glaube gegen weiße Liberalität. „Wenn die Armada gewinnt, kommt die Inquisition, und es ist vorbei mit der Freiheit“, beschwört Elizabeth ihre Getreuen. Weiß steht die Königin über den Klippen, im flatternden Nachthemd, und blickt auf die spanische Armada, die von einem einzigen britischen Schiff in Brand gesetzt wurde. Kreuze, Rosenkränze, Kirchenglocken sinken auf den Meeresgrund, und nur ein Schimmel wird sich schwimmend aus dem Inferno retten. „Der Untergang der Armada war die größte Niederlage Spaniens. Für England begann eine Periode des Friedens und Wohlstands“, liest man im Abspann. Und auf der Tonspur heulen die Chöre (Musik: Craig Armstrong/Ar Rahman).

Schwarze Propaganda. Weiße Propaganda. Es gibt nicht wenige Kriegsfilme derzeit. Doch selten hat man den Kampf um die richtige Sache so ungeniert inszeniert gesehen wie in diesem Kostümspektakel mit seinen bombastischen Bildern und einer schamlosen Geschichtsklitterung, die sich mittelalterlicher Kathedralen ebenso unbefangen als Wohnraum oder Hinrichtungsort bedient wie der Mittel modernster Computeranimation zur Flottenvermehrung. Und alles mit dem gleichen Ziel: Überwältigung. Die Kamera (Remi Adefarasin) fährt über gotische Kirchenfenster, bis das engelhafte Antlitz Elizabeths im Glasbild erscheint. Sie fährt in die Höhe, blickt wie das Auge Gottes auf die Königin, klein wie eine Ameise im mächtigen Kirchenschiff von Winchester Cathedral. Es flackern die Kerzen, flammen die Fackeln, schimmert das Gold und fließt das Blut. Immer dunkler wird es um Elizabeth, in den Stunden des Zweifels, doch am Ende strahlt sie in weißen Schleiern wie die Sonne, die Lichtgestalt, die Königin des Lichts.

Regisseur Shekhar Kapur hat mit „Elizabeth – The Golden Age“ an den Überraschungserfolg „Elizabeth“ von vor neun Jahren angeknüpft, als die noch relativ unbekannte Cate Blanchett als jugendliche Königin um Thron und Rolle kämpfte, damals noch nicht unbedingt eine Sympathiefigur. Nun, in der Fortsetzung (ein dritter Teil ist geplant), geht es um die Sicherung der Macht, um die dunkelste Stunde des Elisabethanischen Zeitalters, den Kampf gegen Spanien. Doch der Krieg gegen den religiösen Fanatismus ist selbst fanatisch, bedient sich der gleichen Mittel, Intrige, Spionage, Verrat. Auch Folter ist recht, wenn es der guten Sache dient. Der Film zeigt das in aller Deutlichkeit. Und Elizabeth, hoch zu Ross, in schimmernder Rüstung, das rote Haar im Winde wehend, ist die Wiederkehr von Jeanne d’Arc, die Jungfrau, die mit einem Häuflein schlecht bewaffneter Bauern gegen die überwältigende Übermacht zieht. „Am Ende des Tages werden wir uns wiedersehen – im Himmel, oder als Sieger auf dem Felde“, verheißt sie ihren Anhängern in der Ansprache von Tilbury.

Ein Progagandaauftritt ersten Ranges. Und man fragt sich, was sie erneut in diese Rolle getrieben hat, die Schauspielerin Cate Blanchett, die in diesem Spektakel tatsächlich eine Lichtgestalt ist, ein Lichtblick, eine modern ausdifferenzierte Figur, die eine ganz andere Geschichte erzählt, mehr Bergman als Bollywood. Die jungfräuliche Königin, die ihre Jungfräulichkeit, ihre Ehelosigkeit verteidigt, weil sie sie als Machtposition begreift, als Alleinstellungsmerkmal. Da mögen die Bewerber Schlange stehen und böse Stimmen sich über Gebärfähigkeit und Attraktivität der Königin Gedanken machen, Elizabeth sagt: „Unverheiratet habe ich keine Herren. Kinderlos bin ich die Mutter meines Volkes.“ Vor allem aber sagt sie: „Ich bin ich selbst.“

Von diesem Ich und dem Preis, den es kostet, innerhalb einer höfischen Gesellschaft „Ich“ zu sagen, hätte man gern mehr erfahren. Von dem Drama einer selbstbewussten Frau, die Marionette sein soll im Spiel von Repräsentanz und Staatskunst, und sich entschließt, die Regeln nicht zu ändern, das Spiel zu spielen. Cate Blanchetts Elizabeth steht in der langen Reihe einsamer Alleinherrscherinnen – von Greta Garbos Königin Christine über Helen Mirrens Queen bis noch zu Meryl Streeps Teufelin in Prada –, wenn sie am Ende den Dienst an der Sache, an ihrem Land dem Anspruch auf eigenes Glück vorzieht.

Dazu stellt das Drehbuch Elizabeth ein Alter Ego an die Seite: die Hofdame Bess, ihre engste Vertraute, welche die Königin gleichsam als Stellvertreterin ausschickt, um zu erfahren, was sie sich selbst verwehrt – Liebe, Nähe, Sex. Reizvoll genug, in den Zügen der 25-jährigen Abbie Cornish („Somersault“) den jugendlichen Spiegel der Königin zu erkennen, ihre Neugier, ihre Abenteuerlust. Doch als sich Bess in den von Elizabeth begehrten Walter Raleigh verliebt, von ihm schwanger wird, ihn heimlich heiratet, tobt die Königin vor Eifersucht und verstößt die beiden. „Königlich ist das nicht“, wirft Raleigh ihr trocken hin.

Es sind nicht die stärksten Momente des Films, wenn die Liebe, das Glück, das große Abenteuer im Leben der Elizabeth verführerisch auftritt in Gestalt des charmant-rücksichtslosen Raleigh (Clive Owen) und die Königin schwach wird und vor loderndem Kaminfeuer um einen Kuss bettelt, wo sie doch Unterwerfung fordern müsste. Ihren Stolz, ihre königliche Haltung so gebrochen zu sehen, das schmerzt. Doch dass sie auch das so spielen kann, dass es wirklich schmerzt, zeigt, wie fragil, wie rücksichtslos Cate Blanchett ihre Rolle anlegt, als psychologisches Kammerspiel.

Und so sind es vor allem die einsamen Momente, die in Erinnerung bleiben, wenn das Spektakel vorbei, der Pulverdampf verflogen, der Orchesterbombast verklungen ist. Die Königin mit kurzgeschorenem Haar vor dem Spiegel, während der Ankleideprozedur, wenn ihr ein kostbar-schweres Gewand nach dem anderen übergestülpt wird, Perücke, Schmuck und Schleier. Am Ende steht eine Puppe dar, unbeweglich in ihrem Ornat. Elizabeth, die goldene Königin. Doch das Ich unter dem Brokat ist zart und zerbrechlich. Wir haben es gesehen. In kurzen Momenten.

Ab Donnerstag in 15 Berliner Kinos.

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