Episodischer Film : Wir sehnen uns

Fiktion und Dokument zugleich: Eric Khoos zarte Gefühlserkundung im Film „Be With Me“.

Silvia Hallensleben

Nicht wenige, die im echten Leben den Leidenschaften durchaus nicht abgeneigt sind, meiden als Kinobesucher die sogenannten romantische Stoffe. Verständlich, denn das scheinbar simpelste aller Sujets ist in der künstlerischen Umsetzung eines der schwersten. Allzu oft sind Lust und Liebe den Produzenten und ihren Drehbuchschreibern nur Gleitmittel, um ihre Plotmechanik in Gang zu setzen – oder bloß Vorwand zu exzessiver Schwelgerei. Dass es auch anders geht, haben in den letzten Jahren viele Filmemacher vorgeführt, indem sie ihre oft episodischen Filme vom Ballast dramatischer Konfliktgestaltung befreiten.

Auch der neue Film von Eric Khoo („Mee Pok Man“, „12 Storeys“) gehört zu dieser Spezies. In „Be With Me“ untersucht er den wohl poetischsten Aggregatzustand der Liebe, die Sehnsucht. Die Einsamkeit, die zur Sehnsucht gehört. Und die neue Entfremdung, die im Dickicht der Millionenstädte und Telefonmasten wächst. In drei lose miteinander verwebten Konstellationen – Geschichten will man sie angesichts der zarten Hingetuschtheit gar nicht nennen – spielt der 1965 in Singapur geborene Regisseur die elementaren Gefühlsakkorde zwischen Verlust und Begehren, Hingabe und Zärtlichkeit durch.

Da ist ein alter Lebensmittelkrämer, der seine Ehefrau an eine Krankheit und den Tod verliert. Da ist einer seiner Kunden, ein Wachmann, der heimlich eine glamouröse Businesslady begehrt und sich mit geschmortem Schweinefleisch und anderen Leckereien tröstet. Und dann gibt es zwei Schulmädchen, die sich mit gesimsten Liebeserklärungen und kichernden Geständnissen ins Bett befördern, bevor eine von ihnen plötzlich aus der Liaison aussteigt und das kurze Mädchenglück aus dem Lot gerät. Es folgt Leiden – und die grausame Eloquenz dauerabgeschalteter Handys und unbeantworteter Mails. Der Wachmann dagegen formuliert seinen Brief an das ferne Objekt seines Begehrens ganz altmodisch: auf Papier. Und auch der alte Krämer bekommt von seinem Sozialarbeiter eine Botschaft zugesteckt: Es ist das autobiografische Manuskript einer gehörlosen und blinden Frau, die es mit viel Enthusiasmus und Willenskraft zu einem Studium in den USA und einem eigenständigen Leben gebracht hat.

Das Besondere: Theresa Chan, so heißt die Autorin des unveröffentlichten Buches, gibt es wirklich, und im Film spielt sie sich selbst – eine ungewöhnlich charismatische Frau in ihren beginnenden Sechzigern, die selbst als Lehrerin für blinde Kinder arbeitet und gutes Essen zu schätzen weiß. Wer auf einen Sinn verzichten muss, sagt man, schärft den Rest seines Sinnesvermögens. Und Liebe geht durch den Magen. Als Antwort auf ihr Manuskript bekommt Theresa die Botschaften vom Krämer nicht per Post oder Telefon, sondern in Form selbst gebratener Mahlzeiten. Und auch, wenn die Speisen nach westlichen Food-Fotografie-Kriterien nicht unbedingt appetitanregend aussehen, verfehlen sie auf Theresa ihre Wirkung nicht.

Khoo und Kameramann Adrian Tan setzen das in langen ruhigen Einstellungen in Szene, die oft den Blick auf den Stadtraum als indirekten Mitakteur freigeben. Gesprochen wird – auch abseits von Theresas Handicap – nur das Nötigste. Dass der Film sich das leisten kann, verdankt er vordringlich seiner Hauptheldin, deren außergewöhnliche Leinwandpräsenz die manchmal etwas luftige Konstruktion erdet. Die anderen Darsteller vertreten würdig den erfundenen Teil dieses raffinierten dokumentarisch-fiktiven Mischwesens. Der Sozialarbeiter verdient sein Geld als Buchhalter. Der Krämer ist im wirklichen Leben ein pensionierter Büroangestellter. Und die Liebe, ist die nun echt oder erfunden? Wenn Eric Khoo schlau ist, werden wir es nie erfahren.

fsk am Oranienplatz (OmU)

0 Kommentare

Neuester Kommentar
      Kommentar schreiben