Kino : Erlöst den Wetterfrosch!

Ludivine Sagnier ist „Die zweigeteilte Frau“

Kerstin Decker

Claude Chabrols Thema sind die Masken unserer Existenz, insbesondere die jener Bevölkerungsgruppe, die man die höheren Schichten nennt. Die anderen kommen zunehmend mit weniger Masken oder ganz ohne aus, worüber man erschrecken mag. Ohne Masken keine menschliche Kultur. Würden alle ihr wahres Gesicht zeigen, gäbe es nur Mord und Totschlag. Bei Chabrol gibt es ihn eben später. Soweit die Masken-sind-gutThese. Sie beinhaltet zugleich die Chabrol-ist-relativ-These.

In „Die zweigeteilte Frau“ lernen wir einen Erfolgsschriftsteller im Großvateralter kennen, der ist von vertrauenserweckender, also sexuell völlig neutraler Gestalt (Francois Berléand), und am Ende doch – nehmen wir es vorweg – ein Menschenfresser. Gut, denkt die ChabrolGemeinde, kennen wir. Auf die Dauer – Chabrol dreht seit einem halben Jahrhundert Filme – scheint er sein Publikum ein wenig müde zu machen, auch seine Kritiker. Es ist keine gute Zeit für Entlarver.

Oder haben wir nur kein Talent mehr, einen Chabrol zu sehen? Denn eins ist klar: Jeder Schriftsteller ist ein Vampir. Und Chabrol war immer ein Komplize der Masken. Er ist nicht stellbar in seinen besten Filmen, auch hier nicht. Und dabei handelt es sich bei der „Zweigeteilten Frau“ um einen seiner schwächeren Filme. Er misslingt nicht einmal auf großartige Weise. Aber man wird denkend dabei, also hellwach. Im Januar kann einem kaum etwas Besseres passieren. Und optisch ist er wie so oft bei Chabrol von makellos kühler Eleganz und Perfektion.

Da ist also dieser Bestsellerautor, den auch die 200 000er-Startauflage seines neuen Buches nicht mehr recht froh machen kann. Aus altem Pflichtgefühl gibt er Interviews, auch im Fernsehen. Das Interview gehört zu den schönsten Szenen, vor allem, weil es den Normalfall menschlicher Kommunikation vorstellt, erst recht im Fernsehen: Zwei Menschen reden vollkommen aneinander vorbei. Was im Fall des Moderators auch daran liegt, dass er das neue Buch nicht gelesen hat. Wer redet, kann nicht zugleich lesen.

Auch wer nicht redet, braucht nicht lesen, findet Gabrielle, seit sie mit zehn Jahren ein Zitatenlexikon geschenkt bekam. Gabrielle ist der Wetterfrosch des Senders, sieht aber aus wie das Gegenteil: eine Prinzessin. Ein wenig unecht, puppenhaft, aber nur, um bald durchscheinen zu können: ein einsames Menschenkind unter lauter Larven. Ludivine Sagnier als Gabrielle ist das Ereignis des Films – ein Froschmädchen, erst noch wachzuküssen vom Leben. Die anderen sind lauter Verpuppte. Das ist der Spezialfall des Maskenträgertums: diesen Gesichtsschutz nie aufbrechen zu können oder es verlernt zu haben wie Charles, der sich von der jungen Nichtleserin provoziert fühlt. Und dann ist da noch ein unerlösbarer Prinz (Benoit Magimel), ein menschliches Projektil, Millionenerbe ohne Talente, und darum arrogant, aggressiv, dessen vielleicht einzige wirkliche Regung Gabrielle gilt. Die Bahnen der Zerstörung sind frei. Chabrols zweitliebstes Thema ist die Unentrinnbarkeit.

Bloß ist da diesmal keine. Jedenfalls solange man unfähig ist, in dem alten schreibenden Zausel ein erotisches Fatum zu erblicken. Eines von solchen Ausmaßen, dass ein junges Mädchen nach jedem Verrat neu zu ihm spricht: Ich werde dich immer lieben! Ja, wenn Gabrielle wenigstens Charles’ Bücher gelesen hätte! Die wahre Liebe liebt jede Hülle, die ein Geist bewohnt. Aber so? Die Ära des Nichtlesens hat Nachteile, auch fürs Kino.

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