Kino : Erst 30 und schon lebensmüde

„Die österreichische Methode“ in 5 Episoden

Verena Friederike Hasel

Es ist die Tragik des Selbstmörders, dass er nie erleben wird, was er zu erreichen sucht. Endlich gehört werden, das ist sein Begehr. Der Antwort entzieht er sich jedoch, behält mit seinem Schweigen das letzte Wort, und das ist seine Grausamkeit.

„Die österreichische Methode“, Kollektivarbeit von fünf Regisseuren der Kunsthochschule für Medien in Köln, verhandelt Selbstmord als Beziehungstat. Die ineinander verschränkten Episoden von Florian Mischa Böder, Gerrit Lucas, Erica von Möller, Peter Bösenberg und Alexander Tavakoli erzählen vom Versuch Liebender, den Dialog, der auf sprachlichem Weg misslang, mit anderen Mitteln fortzusetzen. Julias Freund etwa schläft regelmäßig über den Worten seiner Freundin ein, etwas Warmes im Bett reicht, das muss nicht noch reden. Julia (Maja Beckmann) bleibt zurück, mit Worten, die kein Echo erwecken. Dann geht sie los, um sich umzubringen. Will betrunken im Schnee erfrieren – die österreichische Methode, hat ihr Freund gesagt, und so hält sie auch im Sterbeversuch Verbindung zu ihm.

Die Fragen, die Julia ihrem ewig schlafenden Freund stellt, ziehen sich wie ein Netz über die Episoden, allesamt Geschichten über Frauen: Eva (Susanne Buchenberger) will zumindest Gaststatus im Leben ihres ehemaligen Geliebten bewahren und geht zum Abendessen zu ihm und seiner Frau. Maleen (Lilia Lehner) hat ihren Freund zwar sicher, will ihn aber anders und besorgt Ecstasy als Mittel zum Glück. Clara (Catherine Seifert) hat einen Hirntumor, will sterben, braucht dafür Insulin und verliebt sich in den, der es hat. Und Mona (Julie Bräuning) will fliehen aus dem Bett, an dem ihr Freund sie festgekettet hat, doch ist sie überhaupt freiheitstauglich?

Eingesperrt sind alle Protagonistinnen durch ihre Bezogenheit auf den Mann. Er als Nabelschnur zum Leben, fortwährende Bauchnabelschau: Ein wenig erinnern die fünf Episoden in ihrer Larmoyanz an die confessional poetry einer Sylvia Plath. Eigentümlich ist, dass es in vier Fällen männliche Regisseure sind, die erzählen, wie eine Frau gerettet werden will und der Mann stattdessen schläft oder sonst wie scheitert. Die Episode, bei der mit Erica von Möller eine Frau Regie führte, kehrt die innere Logik bei gleichen Zutaten – Mann, Frau, Selbstmord – um: Bei der hirnkranken Clara steht der Selbstmordwunsch vor dem Zusammentreffen mit dem Mann, er wird sie vor der Ausführung bewahren.

Die Filmbilder selbst sprechen von hinlänglich Bekanntem: Wie in „Nichts als Gespenster“ geht es um eine Generation, die gerne Großes vorhätte, aber partout nicht weiß, was das sein könnte. Dafür hat „Die österreichische Methode“ die Fallhöhe gesteigert, zeigt Menschen, die so ungeübt im Leben sind, dass ihnen nur die dramatischste aller Gesten, der Selbstmord, einfällt. Aufregender ist jedoch, wovon der Film wohl selbst unbewusst erzählt – dem Druck der weiblichen Erwartung und der Erschöpfung des Mannes. Verena Friederike Hasel

Hackesche Höfe, Neue Kant Kinos

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