Europäischer Filmpreis : Laß, o Welt, o laß mich sein!

Mungiu siegt, Godard bleibt weg: Die sonderbare Gala zum 20. Europäischen Filmpreis in Berlin kam nicht in die Gänge, sondern heftig aus dem Tritt.

Jan Schulz-Ojala
Fllmpreis
Endlich allein. Gabita (Laura Vasiliu) im rumänischen Siegerfilm "4 Monate, 3 Wochen und 2 Tage". -Foto: Concorde

Es war das knappe Happy End eines insgesamt schmerzhaften Abends. Der Rumäne Cristian Mungiu, zuvor schon mit dem Regiepreis ausgezeichnet, wiederholte seinen Triumph von Cannes – und gab sich dabei so vital und zugleich diszipliniert wie im Mai an der Croisette. Nach dem Dank an die Schauspielerinnen seines unvergesslichen Abtreibungsdramas „Vier Monate, drei Wochen und zwei Tage“ rühmte er schmucklos präzis jene Eigenschaften, mit denen das europäische Kino seit jeher den besseren Rest der Welt inspiriert: die „Vielseitigkeit“ und die Kraft des „unabhängigen Autorenfilms“. Und Abtritt von der Bühne, Vorhang für den offiziellen Teil der Geburtstagsfeier zum Zwanzigsten der Europäischen Filmakademie.

Jäh happy war dieses Ende in der Neuköllner Arena auch, weil es überraschend kam. Zu sehr hatten sich viele Auguren darauf festgelegt, dass die 1800 Akademie-Mitglieder stur patriotisch abstimmen – weshalb die Hundertschaften der Briten („The Queen“, „Der letzte König von Schottland“), der Franzosen („Persepolis“, „La vie en rose“) oder der Deutschen (Fatih Akins „Auf der anderen Seite“) den Rest Europas zugunsten der eigenen Nominierten schon plattmachen würden. Dabei versammeln sich in dieser Akademie im Sinne Mungius die Besten, die das europäische Kino immer wieder hervorbringt – und ihre Mitglieder hätten nachgerade blind sein müssen, um das wichtigste, untadeligste, erschütterndste Werk des Jahres zu übersehen.

Der Preisträgerfilm, der mit faszinierender kinomatografischer Kompetenz ein verborgenes existenzielles Thema in genau gesetztes Licht rückt, kluge Auslassungen eingeschlossen, ist sogar über höchste Kritik erhaben. „Die meisten Regisseure und Dreiviertel der Leute, die jetzt in Berlin Preise bekommen,“ sagte Jean-Luc Godard soeben im „Zeit“-Interview, „benutzen die Kamera nur, um selbst zu existieren. Sie benutzen sie nicht, um etwas zu sehen, was man ohne Kamera nicht sieht.“ Mungius Film dagegen ist ein uneitles Lehrstück darüber, wie genau – und ökonomisch – die Kamera als Erforschungs- und Erfahrungsinstrument eingesetzt werden kann. Allein über den Sinn ihres fast unmerklichen Zitterns in minutenlangen, fast starren Einstellungen, die jeweils sehr bewusst eine Szene umfassen, könnte man sich ganze Nächte zu Tagen reden.

Ach, Godard! Ihn, den Übervater der europäischen auteurs, hatten die europäischen Filmkünstler ausdrücklich zum Geburtstag der Akademie mit dem Preis fürs Lebenswerk ehren wollen, und ausgerechnet er versetzte ihr mit der ebenso kurzfristigen wie brüsken Absage einen Dolchstoß, von dem sie sich nur schwer erholen wird. Vor Monaten hatte er die Einladung erfreut angenommen, lange war man in Gesprächen über Einzelheiten, am vergangenen Montag schließlich sagte er ab. Versuche, ihn umzustimmen, blieben erfolglos, und am Donnerstag bekundete er in der „Zeit“ sein Befremden darüber, für Filme geehrt zu werden, „die sich gerade die Leute, die die Preise in Berlin vergeben, nicht anschauen“. Welche Bitterkeit spricht daraus über das schmale Echo auf seine späten, nahezu hermetischen Diskursfilme – und welche Ungerechtigkeit auch. Es dürften gerade die Mitglieder dieser Akademie sein, die das Godard’sche Werk in Europa am besten kennen und am tiefsten verehren.

Wim Wenders, soeben als Akademiepräsident für fünf Jahre wiedergewählt, kommentierte die Ohrfeige am Abend auf seine eigene, leise Weise. Mit Anfang Zwanzig habe er Godards „Zwei oder drei Dinge, die ich von ihr weiß“ zum ersten Mal gesehen, morgens sei er ins Kino rein und, nach acht Besichtigungen des Films, „um Mitternacht rausgestolpert“. Und am Ende seiner mit brüchiger Stimme ins Leere gesprochenen Laudatio, nach der Verlesung der ersten Strophe des ihm von Godard absagebegründungshalber geschickten Mörike-Gedichts „Verborgenheit“ („Laß, o Welt, o laß mich sein! / Locket nicht mit Liebesgaben /Laßt dies Herz alleine haben / Seine Wonne, seine Pein“) fügte er hinzu, an den imaginären Anwesenden gerichtet: „Es war wohl nicht der richtige Augenblick in deinem Leben.“

Der richtige Augenblick an diesem Abend: Es war eben jener Wenders-Auftritt, und neben ihm verblasste alles andere. Verblasste etwa, dass – man denke nur daran, wie bei den Oscars ganz Hollywood strammsteht, die Nominierten sowieso – peinlich viele Preisträger (Helen Mirren, Frank Griebe, Alain Resnais, Rithy Panh) sich allenfalls per Videobotschaft bedankten oder anderweitig vertreten ließen. Verblasste, dass die Moderatoren Jan Josef Liefers und Emmanuelle Béart bloß bleischwer witzig durch die Feier führten. Verblasste die schon traditionelle Überlänge einer Veranstaltung, die mit der lärmspuckenden Neuköllner Arena die wohl galafeindlichste Berliner Location gewählt hatte. Verblasste schließlich sogar die überarbeitungsbedürftige Idee der Organisatoren, den Gästen reichlich Wodka auf die Tische zu stellen – was wohl den zum Michael-Ballhaus-Lobredner bestellten Kameramann Christopher Doyle zu einem delirösen Bühnenauftritt inspirierte, den nur noch Beobachter mit ausgeprägt bewusstseinserweitertem Kulturbegriff als unterhaltsam empfanden.

Nein, diese Gala kam nicht in die Gänge, sondern heftig aus dem Tritt. Da mochte der stets charmante Fatih Akin bei der Entgegennahme des nach Cannes zweiten Drehbuchpreises für „Auf der anderen Seite“ noch so bescheiden seinem Cutter und seinen Script-Doktoren danken, die sein zunächst geschriebenes Gewirrsel denn doch in eine kinematografisch taugliche Geschichte verwandelt hätten. Und auch die warmherzigen Worte Liv Ullmanns für die großen Sommer-Toten dieses Jahres Ingmar Bergman und Michelangelo Antonioni, die sich nur einmal im Leben begegnet seien, gingen unter. Oder dienten nur mehr unfreiwillig als Material eines Gespensterkampfs der großen Verstorbenen gegen den großen, mutwillig Abwesenden: Teufelsstrudel einer Veranstaltung, die als frohe Jubiläumsfeier gedacht war.

Und der 98-jährige Portugiese Manoel de Oliveira, der noch immer Jahr für Jahr einen Film dreht? Bevor er sich, wunderbar aufrecht auf der Bühne, in seinem Dankestext verlor, sagte er in gebrochenem Französisch einen weiteren der wenigen erinnerungswürdigen Sätze des Abends. „Es ist schön, dieses Alter zu erreichen. Man kann die Irrtümer seines Lebens ein bisschen professionalisieren.“ Womit er seinerseits dem erst 77-jährigen Jean-Luc einen bedenkenswerten Gruß ausgerichtet haben dürfte.

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