Eva Löbau : Flickflack durch die Nachbarschaft

Die Schauspielerin Eva Löbau ist auf schräge Frauenrollen spezialisiert. Jetzt gibt sie in einem Kiezfilm eine verliebte Bäckerin.

Julia Boeck
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Fliegen lernen. Zur Schauspielerei kam Eva Löbau über den Sport. -Foto: Thilo Rückeis

„Ick kann dit nicht, tut mir leid“, Rosine Hacker druckst in den Telefonhörer und legt auf. Mit schleppenden Schritten, hängenden Schultern und gesenktem Kopf geht sie aus der Backstube. Gerade hat sie ihren Auftritt in einer NachbarschaftsTalkshow abgesagt, jetzt liegt sie erleichtert auf der Therapeutencouch des Psychologen aus dem Vorderhaus.

In Jovan Arsencis Tragikomödie „Die Helden aus der Nachbarschaft“, die diese Woche startet, spielt Eva Löbau eine schüchterne, fernsehsüchtige Bäckerin aus Ostberlin, die sich heimlich in einen ihrer Kunden , einen Feuerwehrmann, verliebt hat. Doch die Liebe bleibt unerfüllt, und eine dramatische Verzweiflungstat im Hof der Bäckerei bahnt sich an.

Eva Löbau und die schrägen Frauen. Erst war sie Melanie Pröschle in „Der Wald vor lauter Bäumen“, dem gefeierten Filmdebüt von Maren Ade, in dem man einer einsamen Junglehrerin beim Scheitern zusieht. Dann, in „Hotel Very Welcome“ von Sonja Heiss, die deutsche Touristin Marion auf dem Selbstfindungstrip im indischen Esoterik-Resort Poona. Und nun die tragisch-komische Figur der Bäckerstochter Rosine Hacker, die ihre Pfannkuchen in dem neobürgerlichen Milieu am Kollwitzplatz verkauft.

Fahrige Bewegungen, unsichere Gesten, leerer Blick: Eva Löbau auf der Leinwand zuzusehen, wird zur aufregenden Qual. Wie authentisch ist ihr Spiel? Bei der Entwicklung ihrer Charaktere arbeitet die Schauspielerin vor allem mit Beobachtungen und Erinnerungen an Personen und Situationen, die sie selbst erlebt hat, ja, sie sammelt geradezu Gesten. „Oft sitze ich stundenlang im Café und starre distanzlos Leute an.“ Ihre Figuren möchte sie weder vorführen noch verurteilen, dafür findet sie sie zu sympathisch. Eher will sie sie schützen.

Trotzdem, die „eigenen Chefqualitäten“ würde Löbau doch gern einmal zeigen. Damit meint die Schauspielerin ihre finstere Seite und denkt an Tarantinos Actionheldin Uma Thurman aus „Kill Bill“ oder Pam Grier als „Jackie Brown“. „Eine Rolle“, Eva Löbau lacht, „in der man mit einem Flickflack den Konflikt löst, das würde mich total interessieren.“

Ihr eigentlicher Antrieb, Schauspielerin zu werden, entstand aus einem Körpervergnügen, der kindlichen Lust an Sport und Gaukelspiel. 1972 in Plochingen am Neckar geboren, tobte Löbau durch ihre Kindheit, machte Akrobatik und fuhr Einrad. Als sie Anfang der Neunziger nach einem einsemestrigen Philosophiestudium an der Humboldt-Uni zum Schauspielstudium ans Max-ReinhardtSeminar nach Wien wechselte, entfernte sie sich schnell von der ursprünglich sportlichen Idee. Von nun an beschäftigte sie sich nur noch mit Sprachartistik.

Heute wundert sich Löbau über diese Spezialisierung weg vom Körperlichen und sagt von sich, sie sei ein „wahnsinniger Bewegungsmensch“, der das Warten in Drehpausen als eine große Vernichtung von Lebenszeit empfinde. „Ich komme mir dann vor wie so ein Reptil, das die Körperfunktionen runterfährt.“

Diese geballte Energie sieht man ihr nicht an. Nicht auf den ersten Blick. Wenn Eva Löbau sich ausdrückt, dann vor allem mit ihren Augen, die Hände liegen ruhig am Körper. Wenn sie nach den richtigen Worten sucht, hält sie jede noch so große Denkpause aus. Manchmal folgt dann aber ein plötzlicher Redeschwall, und Löbau schämt sich, dass sie drauflosplappere „wie so ein verstörtes Heimkind“ – womit sie ein Zitat des Schriftstellers Rainald Goetz benutzt.

Dabei sind es genau diese Verhaspelungen, die unangefangenen und nicht so gut gesprochenen Sätze, die sie in ihre Rollen locken. Löbau interessiert, wie die Leute reden, wie das Echte und Wahre beim Sprechen an die Oberfläche kommt. „Dialekte sind der Schlüssel zur Seele“, sagt sie und muss es wissen, denn schon in „Der Wald vor lauter Bäumen“ zeigte sie, wie perfekt sie diese Kunst beherrscht. Schwäbelte Löbau als Lehrerin Melanie Pröschle durch das Karlsruher Klassenzimmer, berlinert ihre Rosine munter durch die Backstube. „Ostberlinert“, Eva Löbau kennt die feinen Unterschiede, der Dialekt aus dem Osten der Stadt sei die weichere Sprache.

Während der Dreharbeiten zu „Die Helden aus der Nachbarschaft“ traf sie sich mit Ostberlinern und ging mit ihnen das Textbuch durch. „Sie waren milde“, Löbau lacht schelmisch und erinnert sich an die eigene Kindheit, in der die Mutter, eine Salzburgerin, stets Wert auf die wienerische Klangfärbung der Kinder legte. Erst durch das Sprechen der Melanie-Pröschle-Rolle lernte sie ihre schwäbischen Wurzeln vollends akzeptieren.

Heute wohnt die Schauspielerin am Zionskirchplatz – in der Nähe der Bäckerei, in der sie die Rosine spielt. Ihr Lieblingsort im Kiez ist der Arkonaplatz, denn der ist „an Gemütlichkeit kaum zu überbieten“. Oft spaziert sie in der Gegend herum, um sich überraschen zu lassen, erschließt sich dadurch die Stadt. Auf Straßenkarten sucht sie nach Bebauungsstrukturen, die ihr Rätsel aufgeben. Zu ihren Entdeckungen gehören die Brachen der Stadt, die undefinierten Orte, auf denen einst die Mauer stand und heute zwei Stadtgebiete ineinanderfließen.

Als Schwäbin gehört Eva Löbau zum Hassbild der alteingesessenen Prenzlauer Berger – des Milieus, aus dem ihre naive Pfannkuchenbäckerin Rosine stammt. So heiter, so weich, wie Eva Löbau ihre Rosine gibt, ist das vielleicht auch ein Angebot zur Versöhnung. Und Löbaus persönliche Metakomödie.

„Die Helden aus der Nachbarschaft“ läuft ab Donnerstag im Central (englisch untertitelt) und im Lichtblick.

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