Fassbinder-DVD : Wer ist Stiller?

Mehr als vierzig Filme hat Rainer Werner Fassbinder (1945–1982) in seinem kurzen Leben gedreht – doch dass darunter auch ein Science-Fiction-Werk war, wissen selbst viele Kenner seines Schaffens nicht.

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Helm auf und ab geht's. Klaus Löwitsch erkundet die virtuelle Realität. -Foto: Berlinale

„Welt am Draht“ von 1973 blieb Fassbinders am seltensten gezeigte Regiearbeit, obwohl sie unter Genre-Fans als Kultfilm und Vorläufer von „Matrix“ (1999) gilt. Dabei lief die zweiteilige TV-Miniserie nach der Erstausstrahlung im WDR nur zweimal im Fernsehen und nie im Kino. Auch eine DVD schien wegen eines Lizenzstreits lange unmöglich. Es gab nur einen im Internet kursierenden TV-Mitschnitt aus den Achtzigerjahren in beklagenswerter Qualität – oder eine Kopie vom „WDR-Mitschnittservice“ für knapp 200 Euro.

Nun endlich hat die Rainer Werner Fassbinder Foundation, nicht zuletzt wegen vieler Anfragen nach einer Neuveröffentlichung, die Rechtsfragen geklärt und eine restaurierte Fassung erstellt. Erstmals bei der Berlinale gezeigt, ist sie jetzt auf DVD erhältlich.

Fassbinders Film stellt geradeheraus die Frage nach der Existenz. Ist die Welt, in der wir leben, überhaupt real? Im „Institut für Kybernetik und Zukunftsforschung“ kann der Großrechner „Simulacron“ eine Kleinstadt nachbilden. Die Einwohner haben ein Bewusstsein, aber keine Ahnung, dass sie künstlich sind. Zugleich fällt Forschungsdirektor Vollmer (Adrian Hoven) durch Verwirrtheit auf und stirbt durch einen rätselhaften Unfall. Sein Nachfolger Fred Stiller (Klaus Löwitsch) erlebt noch Merkwürdigeres. Ein Kollege, der ihm von einer Entdeckung Vollmers erzählen will, verschwindet plötzlich – und niemand will ihn je gekannt haben. Bei einer Autofahrt endet vor Stillers Augen auf einmal die Straße im Nichts, zudem entgeht er nur knapp mehreren Unfällen. Bald hält jeder Stiller für verrückt. Dieser versucht, in der virtuellen Stadt Erklärungen zu finden. Er trifft dort die Kontaktperson „Einstein“ – die einzige Figur, die weiß, dass sie nicht echt ist.

Überraschend gelingt es „Einstein“, das Bewusstsein eines Forschers zu übernehmen. Doch er will „weiter nach oben, in die wirkliche Welt“. Nun erfährt Stiller die entsetzliche Wahrheit: Auch er selbst sei nur „ein Bündel elektronischer Schaltkreise“ in einer Simulation. Stiller muss befürchten, buchstäblich abgeschaltet zu werden – genau wie der verschollene Kollege und Forschungschef Vollmer. Retten kann ihn nur dessen Tochter, die sich in ihn verliebt und der Avatar einer Wissenschaftlerin aus der höheren Welt ist.

All das zeigen Fassbinder und Kameramann Michael Ballhaus nicht in der fernen Zukunft, sondern im typischen Siebzigerjahre-Dekor. Für damalige Verhältnisse futuristisch wirkt allenfalls der Simulatorraum. Spezialeffekte fehlen ebenso wie die Flugautos aus der Romanvorlage „Simulacron-3“ des US-Autors Daniel F. Galouye. 1999 produzierte Roland Emmerich die Neuverfilmung „The 13th Floor“.

Im DVD-Heft heißt es, Fassbinders Werk sei „keine Science-Fiction für die Augen, sondern für den Kopf“. Die thematisch ähnlichen Nachfolger „Matrix“, „eXistenZ“ und „Dark City“ gerieten optisch sehr viel spektakulärer. Dafür ließ Fassbinder sein Ensemble gewollt künstlich agieren, während Ballhaus vieles durch Spiegel filmte. In der Dokumentation, die Juliane Lorenz von der Fassbinder Foundation für die DVD gedreht hat, erzählt Ballhaus – der auch die Restaurierung maßgeblich betreute – von den wenigen Tricks: Für einen „wabernden Effekt“ etwa standen Bunsenbrenner unter der Kamera. Man sieht dem Film sein Alter an. Und doch bleibt er spannend. Und nachhaltig verstörend.Cay Dobberke

— Rainer Werner

Fassbinder: Welt am Draht (1973).

Arthaus Premium

(2 DVDs).

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