Festival "filmPOLSKA" : Alles, was wir lieben

Manche Dinge sind von heute auf morgen undenkbar – etwa die Eröffnungsfeier des Polnischen Filmfestivals "filmPOLSKA", das am Donnerstag in Berlin beginnt.

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Polen trägt dieser Trage Trauer – und zudem trägt der Eröffnungsfilm im polnischen Original den unpassendsten aller möglichen Titel: „Wojna polsko-ruska“, „Der Polnisch-Russische Krieg“. Der deutsche Titel tönt weniger drastisch: „Schneeweiß und Russenrot“.

Xawery Zulawskis Film beginnt mit zwei Nachrichten für den jungen polnischen Versager Andrzej, genannt „Andrzej, der Starke“. Die gute sei der soeben ausgebrochene Krieg gegen die Russen, die schlechte, dass seine Freundin Magda ihn verlassen habe. So böse, lapidar, ironisch geht das weiter. Ein Film wie ein Drogentrip, seiner literarischen Vorlage, dem gleichnamigen Bestseller von Dorota Maslowska kongenial.

Sie könne „Wörter zu Torten“ schichten, hat die Autorin einmal bekannt, Zulawski macht das Gleiche mit Bildern. Davon wird man sich noch selbst überzeugen können, zumal mit den Beteiligten – nur eben nicht am Eröffnungstag. Am Donnerstag aber werden alle Filme wie geplant gezeigt – auch der „Club der polnischen Versager“ sagt seine „Schizonationale Satireshow“ nicht ab. „Nichts zu machen“, sagt Pjetr Mordel, „ist auch doof.“ Als Kinoexperten haben sich die Clubmitglieder erst eben wieder durch ein aktuelles, langes Interview mit Fritz Lang im Schnee vor einer Babelsberger Halbruine ausgewiesen. In ihrer Show – zwei oder drei sitzen auf Stühlen und reden – wird es vor allem um Kino gehen.

Ob die „Versager“ oder die Regisseure des jungen polnischen Kinos, denen dieses Festival gewidmet ist: Der Bruch mit der Tradition des polnischen Kinos liegt offen. Fast jeder der neueren Filme – herausragend auch „Galerianki“ (Shopping Girls) von Katarzyna Roslaniec – bezeugt ihn. Sie sind schnell, bunt, oft sarkastisch, nicht stellbar. Sie behandeln die großen Traumata Polens, zu denen nicht zuletzt eine leidenschaftliche Feindschaft gegen die Russen gehört. In „Schneeweiß und Russenrot“ sieht Andrzej aus seinen vor lauter Drogen nur noch stecknadelgroßen Pupillen irgendwann den Hund tot im Garten liegen und weiß genau, wer das war. Die Russen, wer sonst? Krieg!

Erst vor ein paar Jahren hat der Altmeister des polnischen Kinos, Andrzej Wajda, „Katyn“ gedreht, als große Totenklage, als Abschied auch vom eigenen Vater, der unter den über 20 000 auf Stalins Befehl erschossenen polnischen Offizieren im Frühjahr 1940 war. Wajda hätte nie gedacht, das Ende des Kommunismus noch zu erleben und damit das Ende der Katyn-Lüge, ein Ende, das auch den polnischen Präsidenten an den Gedenkort bei Smolensk trieb. Aber der Kommunismus, die Russen, der Hass der Eltern und ihre Siege, selbst die Solidarnosc: All das sind für die jungen polnischen Filmemacher Schemen der Vergangenheit. Was auch ihnen blieb, ist die tiefe Zerrissenheit in diesem Land zwischen allen Stühlen. Wie sagt die Autorin von „Schneeweiß und Russenrot“? „Polen ist ein hässliches Mädchen.“

Aber wann hat das wirkliche Ende des Kommunismus begonnen? Vielleicht gibt der schöne Film „Wszystko, co kocham“ („Alles, was ich liebe“) von Jacek Borcuch die genaueste Antwort darauf, und das gleich in der allerersten Szene. Beginn der Achtziger, vier junge Männer spielen in einem alten Eisenbahnwaggon Punk: „Ich will nicht sterben für die Politiker, die Katholiken, Syphilitiker und Winnie the Pooh!“ Das ist es: das untragischtragische Bewusstsein auf der Höhe der Komplexität der Dinge sowie der eigenen Ohnmacht. Die Väter dieser Punks sind meist Offiziere der polnischen Armee, die Exekutoren des beginnenden Kriegsrechts. Die Revolution, die es in Polen ohnehin nie gab, entlässt ihre Kinder. Und als diese sich endgültig gelöst haben von der Welt ihrer Väter, als selbst die Solidarnosc-Familie der ersten großen Liebe sie anerkennt, kommen sie gerade noch rechtzeitig, um deren Abreise nach Westdeutschland zuzuschauen. Polen hat keine Zukunft, hören sie.

Es bleibt bis heute das merkwürdige, lang erprobte Bewusstsein von der Stärke des Unterlegenen. Über Generationen und Jahrhunderte wurde wohl ein Volk daraus: die Polen. Eines, dass sich fast nur in seiner Gefährdung bewusst wurde. Selbst der Papst und der große Triumph der Solidarnosc – das Festival widmet den Solidarnosc-Filmen eine eigene Reihe – änderten daran nichts.

Eine wesentliche Stärke des Schwachen besteht im Lachen, und das ist vergleichsweise neu im polnischen Kino. Aber auch das etwas ältere polnische Kino, seine Schönheit, Härte und Poesie, ist zu sehen in den nächsten Tagen, schon dank der Hommage, die in diesem Jahr neben dem jungen Kameramann Marcin Koszalka („Lethargie“) auch Slawomir Idziak („Drei Farben: Blau“) gilt.

Auch der schönste Mauerfilm aller Zeiten kommt übrigens aus Polen. „Mauerhasen“ von Bartosz Konopka zeigt das ehemals längste Bauwerk Berlins aus der Sicht der früheren Hauptbewohner des Todesstreifens, für die er das Paradies auf Erden war – aus der Sicht der Kaninchen. Vielleicht auch das ein typisch polnischer Blickwinkel.

Vom 15. bis 21. April an acht Spielorten in Berlin und Potsdam; Näheres unter www.filmpolska.de.

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