Film : Abrahamsons "Garage" belohnt Geduld

Lakonisch: In Lenny Abrahamsons "Garage" das Syndrom "Borderline" nachempfunden. Wer Geduld zeigt, wird mit einem großartigen Film belohnt.

Jan Schulz-Ojala

Josie ist borderline. Nicht im streng klinischen Sinne. Und doch balanciert er auf mehreren Grenzen. Jener zwischen Reden und Schweigen zum Beispiel. Selten sagt er mehr als „True!“, wenn er Zustimmung, und „Go ’way!“, wenn er ein nettes Abwinken äußern will. Oder der Grenze zwischen der bewohnten und der leeren Welt: Seit Ewigkeiten arbeitet Josie im abgelegensten Tiefmittelirland als Tankwart und hat an manchen Tagen kaum mehr zu tun, als morgens den Verkaufsständer mit den Motorölflaschen raus- und abends wieder reinzuräumen. Und, hallo, wie borderline muss erst ein Tankwart sein, der nicht mal ein Auto hat?

Ja, Josie (Pat Shortt) ist schon ein besonderer Fall. Wenn er lächelt, ist auch eine andere Grenze plötzlich ganz dünn: die zum Zähnezusammenbeißen. Auf diesem Grat balanciert Josie immer, wenn er im Pub verspottet wird von den Kleinstadtschlaumeiern, die sich dann besonders schlau vorkommen, aber da hört er schon lange nicht mehr richtig hin. Lieber lässt er sich von Carmel (Anne-Marie Duff), der verblühenden, aber noch sichtbar lebenshungrigen Kramladenverkäuferin, ein paar Äpfel hart an der Verschimmelungsgrenze andrehen, die er nachher an seinen ziemlich grauen Lieblingsschimmel auf der irischgrünen Weide verfüttert. Sonst noch Grenzen?

Irgendwann aber bewegt sich dann doch was, so scheint es jedenfalls. Da gibt es den langhaarigen David (Conor Ryan), ein verlorenes Gothic-Jüngelchen, das bei Josie in der Tankstelle aushelfen soll. Da gibt es den Lastwagenkumpel, der ihm von einer seiner superlangweiligen Belgienfahrten einen Porno mitbringt – he, du hast doch Fernsehen, Josie? Und da ist ein Abend, an dem Carmel im Pub sogar mit Josie tanzt, bisschen betrunken, als wollte sie eine Grenze austesten. Und diese drei Sachen machen, abgesehen von Josies beträchtlich angesammeltem Nichtleben, dass er einen Fehler macht. Nichts wirklich Besonderes wäre der in Dublin oder Berlin, aber schwerwiegend in einer Weltgegend, wo sich Schimmel und Pilze gute Nacht sagen.

Lenny Abrahamsons „Garage“ fordert Geduld. Und belohnt sie: mit einem fantastischen Hauptdarsteller, der aus nichts alles zu machen versteht. Mit präzis erträumten Szenen, deren Protagonisten, auch die jungen, sich allenfalls im Zweistundenkilometertempo fortbewegen. Und einem Schluss, der über jede Grenze geht.

fsk am Oranienplatz (irisches Englisch mit deutschen Untertiteln)

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