Film : Das Entscheidungskind

Filmregisseurin Maren Ade hat den genauen Blick. In "Alle Anderen". Und überhaupt.

Jan Schulz-Ojala
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Nähe und Distanz. Maren Ades Berlinale-Erfolg, die Beziehungsstudie „Alle Anderen“, kommt am Donnerstag ins Kino. Foto: Mike Wolff

Zum Beispiel die Plakate. Ein paar hängen da in der irgendwie gemütlichen, aber auch kühlen und dunklen AltbauParterrewohnung in Mitte, die der Produktionsfirma Komplizen Film als Büro dient, sie hängen an den Wänden über graugestrichenen Dielen, grau auch ist das Licht auf ihnen und den Körpern, Birgit Minichmayr im Bikini am Meer zum Beispiel, aber da hat Maren Ade sie schon abgehängt. Es sind Motive, die nachher nicht im Film gelandet sind, schöner Verschnitt eigentlich, aber zwei, drei huschende Griffe, und ab sind sie. Schließlich kommt gleich der Fotograf, und da wären diese Bilder ja wohl gegen die corporate publicity, also weg mit ihnen, bevor die Linse was merkt.

So flink und leise kann sich ein Büro in einen Set verwandeln, das unauffällige Zuhause für umwerfende und umwerfend kühle Filme in einen Porträtfoto- Set, und Maren Ade denkt den Hintergrund gleich mit. Zum Beispiel den Garten hinterm „Gartenhaus“, so prächtig steht’s geschrieben überm Treppenaufgang im Hinterhof, den verwunschenen Gartenhausgarten, in dem das Gespräch auch stattfinden könnte, wenn es nicht gerade so geregnet hätte: Nur diese Baumblüten, die da auf den Fenstersims geregnet sind – müsste man die nicht auch erstmal wegmachen, bevor der Fotograf sein Objekt vielleicht ins Fenster setzt? Ja, Maren Ade denkt das Bild immer in seiner Kadrage und ganz.

Oder die Szene damals Mitte Februar, als „Alle Anderen“, Maren Ades erst zweiter Langspielfilm, den Silbernen Bären gewonnen hatte, die Szene, wie sie auf der Bühne „Ich bin glücklich, auch wenn ich nicht so wirke“ sagte, und mancher war verblüfft, wie da jemand auch im Augenblick der Freude so genau das Außen mitdenkt, alle Anderen, den Blick von da draußen aus der Welt. „Der Satz kam relativ spontan“, erinnert sich Maren Ade, und eigentlich kam der Satz auch nur, weil Leute sie immer wieder mal „Warum schaust du denn so traurig?“ fragen und sie dann halt immer wieder „Ich seh’ halt so aus“ antworten muss. So geht das: Wer das Kameraauge immer so genau auf andere richtet, fokussiert es umso genauer auf sich selbst.

„Relativ spontan“: So geht auch das Gespräch an diesem Nachmittag, hinter einem großen, leeren Tisch in einem ziemlich leeren Zimmer sitzt die Regisseurin mit dem Rücken zum Fenster, die großen, blauen Augen ruhen auf dem Gast, der seine Zettelchenfragen zunehmend nach ihrem Sinn befragt, und die Antworten kommen geduldig wie von weither zurückgeholte Bälle einer unermüdlich freundlichen Tischtennisspielerin. In ihren Filmen mögen Menschenseelen implodieren (wie die arme Junglehrerin in „Der Wald vor lauter Bäumen“), oder es fetzen sich Paare (wie Gitti und Chris in „Alle Anderen“) so quälend, dass mancher nächtelang albträumt von ihnen, aber ihre Erfinderin ist eine ganz Ruhige. Im Reinen mit sich und der Welt, fast am Anfang noch und schon auf so großem Bogen.

Natürlich gibt es spätestjugendliche Heiterkeitsschlenker manchmal, wenn Maren Ade über ihren Film spricht, der sein gebanntes Publikum überwiegend in Parteigängerinnen von Chris und Parteigänger von Gitti entzweit. Wenn sie etwa sagt, „wer den Film gesehen hat, müsste wissen, dass ich kein Beziehungsexperte bin“, und dann dieses fast verlegene Lachen hinterherschickt, aber meistens ist da doch: Absicht. Umsicht. Übersicht. Wenn sie etwa von „Subtexten“ spricht, von der „Lesbarkeit“ ihrer Figuren, von „Entwicklungslinien“, dann ist es fast, als studierte da eine gender-studyfirme Schmetterlingssammlerin begeistert ihre Objekte – und wer den Film gesehen hat, der weiß, sie hat sie gut studiert. Den wackligen, mit sich selbst sehr im Unreinen befindlichen Chris. Die kraftvolle, liebessehnsüchtige Gitti. Anziehung, Entfremdung, Übereinanderherfallen wieder plötzlich und „Ich liebe dich nicht mehr“-Sagen. Und dann doch: Nochnichtauseinandergehen.

Wer seine Erfindungen so toben lässt, treibt am besten in einem langen, ruhigen Fluss. Geboren 1976 in Karlsruhe, erst Produktions-, dann Regiestudium an der Münchner Filmhochschule, mit Anfang Zwanzig Gründung von Komplizen Film mit Kommilitonin Janine Jackowski und Schulabschluss mit „Der Wald vor lauter Bäumen“. Umzug nach Berlin, wo die „Berliner Schule“-Schulkameraden sitzen, und Zusammenleben mit Filmregisseur Ulrich Köhler, auch er so ein Berliner Schüler. Dazu das Freundesnetzwerk aus Generation 30 plus, und so entfaltet sich alles langsam, aber gewaltig. Auch zum Drehbuchschreiben braucht Maren Ade keineswegs das Alleinsein, im Gegenteil. Sie sitzt dabei gewöhnlich zu Hause, mit dem Rücken zur offenen Glastür. „Erst dachte ich, jemand guckt“, sagt sie – aber gucken nicht nachher sowieso alle, ist das alles nicht fürs Gucken gemacht, nach dem ersten eigenen genauen Hinsehen natürlich?

Angriffsflächen: keine. Missverständnisse: unmöglich. Schon klar, „ich hab’ da nicht meine Beziehung verfilmt“. Eher fühlt sie sich der fragilen Männerfigur Chris nahe. „Ich mag Figuren mit schwächerem Rückgrat.“ Schon klar, auch damit meint sie nicht etwa über Kreuz sich selbst. „Ich bin nicht der Typ, der immer sprühend aus dem Vollen schöpft“ – ja, aber daraus Selbstzweifel abzuleiten, wäre schon wieder ein Missverständnis. „Zufrieden ist man eigentlich nie“: Weil man immer noch was Besseres aus sich und allem rausholen kann. Und will. Und wird. Oder auch ihre beiden finsteren Filmschlüsse bisher: Wer sie schwärzestmöglich interpretieren will, nur zu. Maren Ade reicht ihnen lieber was Sonniges nach. Gitti und Chris zum Beispiel: „Ich geb’ denen noch ’ne Chance.“

Wie flüstert Gitti manchmal zu Chris? „Nicht immer so antworten!“ Dass diese Assoziationsspur sich gleich wieder verläuft wie andere Spuren, das ist schöne Absicht an diesem Nachmittag und vielleicht überhaupt. Sogar die vorsichtige Ausforschung des Autobiografischen enthüllt nichts als Harmonie. Ja, Maren Ades Eltern haben sich getrennt, als sie noch sehr klein war, „ich war drei, vier, keine Ahnung“, aber ihr gerade deshalb flugs das Fiktionalvergnügen an beschädigten Leben anzudichten, geht fehl. Schließlich haben sich die Eltern bald wieder stabil neu gebunden und sind bis heute befreundet. Nein, sie sei, sagt Maren Ade, ganz gewiss „kein Scheidungskind“. Sondern wohl doppelt beschenkt. Stimmt das Bild? Stimmt so.

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