Film : David Carradine: Böse wie ein Autohändler

Er war ein Gigant des B-Movies, arbeitete aber auch mit Größen wie Ingmar Bergman und Martin Scorsese. Kung Fu-Mönch und Tarantino-Held: zum Tod von David Carradine.

Christian Schröder
Carradine
David Carradine -Foto: ddp

Das Böse wirkt besonders bedrohlich, wenn es die Maske der Freundlichkeit trägt. David Carradine war ein Gigant des B-Movies, vierzig Jahre lang hat er immer wieder Schurken gespielt. Die Aggressivität lauerte bei ihm gleich hinter dem Charme. Er sprach sonor murmelnd, das Lächeln war aasig und sein renaissancehafter Kopf mit der Denkerstirn und dem schulterlangen, streng zurückgebürsteten Haar erinnerte an einen Philosophen.

„Einige der bösartigsten Menschen, von denen wir je gehört haben, waren äußerst weltgewandt und charmant“, hat er erzählt. „Wie zum Teufel konnte es Hitler gelingen, Millionen Menschen davon zu überzeugen, ihn auf seinem schrecklichen Horrortrip zu folgen? Mit Charisma. Als ich begann, Bösewichter zu spielen, habe ich mir gesagt: Die halten sich selbst nicht für böse. Also muss die Story zeigen, dass sie böse sind. Sie sind so freundlich wie ein Autohändler, der dir etwas verkaufen will, bis sie einem Mädchen den Hals aufschlitzen.“ Carradine, der mit der Fernsehserie „Kung Fu“ berühmt wurde und in Quentin Tarantinos Film „Kill Bill“ ein Comeback feierte, war ein Experte des Schockmoments. Am Donnerstag wurde der 72-jährige Schauspieler erhängt in seiner Hotelsuite in Bangkok gefunden. Nach Thailand war er zu Dreharbeiten für einen Film gekommen, der „Stretch“ hieß. Die Polizei geht von einem Selbstmord aus.

David Carradine, 1936 in Hollywood geboren, entstammte einer Schauspielerdynastie. Sein Vater John Carradine hatte mit John Wayne den legendären Western „Stagecoach“ gedreht, auch Davids Brüder Robert, Bruce und Keith wurden Schauspieler. „Als Kind wusste ich gar nicht, dass mein Vater beim Film arbeitet. Ich dachte, er wäre Kapitän. In unserem Haus hingen immer Leute wie John Barrymore oder Errol Flynn herum, aber für mich waren das nur alte Säcke.“

Nach der Trennung seiner Eltern landete Carradine in Internaten und Besserungsanstalten, später trampte er auf den Spuren von Jack Kerouac – bloß in umgekehrter Richtung – von San Francisco nach New York. Er wollte Bildhauer werden und saß dann doch eines Tages in der Schauspielklasse. Beethoven war sein Idol, er schloss sich einer Shakespeare-Truppe an. Carradines Filmografie umfasst mehr als 220 Titel, allein 2009 hat er in 13 Film- und Fernsehproduktionen mitgewirkt, von denen ein Teil noch nicht fertiggestellt ist. Seit zwanzig Jahren wollte er einen „Mata Hari“-Film inszenieren. Er kam nicht dazu.

„Time for you to leave“, lautet der Satz, mit dem der Shaolin-Mönch Kwai Chang Caine von seinem Meister in die Selbstständigkeit entlassen wird. Vier Jahre lang verkörperte Carradine den Mönch, in 48 Fernsehfolgen von 1972 bis 1975. Den Martial Arts-Nimbus wurde er danach nicht mehr los. „Grashüpfer“ nannten ihn die Fans wegen seiner Leichtfüßigkeit. Bruce Lee war für die Rolle abgelehnt worden, weil sein Englisch nicht gut genug war. Kwai Chang Caine, der durch den Wilden Westen reist, wird mit Messern, Speeren, Wurfeisen attackiert. Er wehrt sich mit bloßen Händen. Kraft, so lautet die Zen-Botschaft der Serie, resultiert aus der richtigen Konzentration.

Erst in „Kill Bill“, für das ihn Quentin Tarantino 2003 aus der Versenkung holte, durfte David Carradine hemmungslos mit Waffen hantieren. „Es macht einen Irrsinnsspaß, sich mit einem Samurai-Schwert durch einen Raum zu schwingen“, freute er sich. Dieser Bill, der seiner von Uma Thurman gespielten Braut bei der Hochzeit in den Kopf schießt und später auf ihre Rache wartet, war für Carradine kein Bösewicht. Sondern ein „Kämpfer“. Jahrelang lag im Schreibtisch des Schauspielers ein geladener Colt. „Und jede Nacht habe ich ihn rausgeholt und gedacht, wie es wohl wäre, mir den Kopf wegzublasen.“

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