Film : Der Schwimmer

Im Kino: Philippe Liorets Flüchtlingsfilm „Welcome“.

Annabelle Seubert

Da steht er nun am Strand von Calais. Hat die Strecke von Irak nachFrankreich zu Fuß zurückgelegt. Hat drei Monate voller traumatischer Erlebnisse hinter sich. Und jetzt sollen ihn 32 Kilometer daran hindern, seine große Liebe Mîna wiederzusehen? Bilal, 17, Kurde und Flüchtling, entmutigt so schnell nichts mehr. Auch nicht, dass eine ziemlich raue Strecke vor ihm liegt: der Ärmelkanal. Mîna ist nach Großbritannien emigriert – Bilal ist einer von tausenden illegalen Einwanderern, die dorthin möchten. Eurotunnel und Frachter werden streng überwacht. So entscheidet sich Bilal für den Sprung ins zehn Grad kalte Meerwasser. Meterhohe Wellen? 500 Fährschiffe pro Tag? Wen kümmert’s? Er braucht nur Schwimmstunden.

Einfache Geschichte auf den ersten Blick, vielschichtiges Drama auf den zweiten. Philippe Liorets „Welcome“ wird zum Politikum. Spätestens, als Schwimmlehrer Simon (Vincent Lindon) auftaucht: Franzose, resigniert, einsam. Klar will der erst mal seine Exfrau beeindrucken, indem er Bilal ein Dach über dem Kopf gibt und das Kraulen beibringt. Irgendwann werden die ungleichen Männer zu Verbündeten. Dass Simon Schwierigkeiten mit den Behörden bekommt, nimmt er in Kauf. So wie es Regisseur Lioret in Kauf nahm, sich zur Zielscheibe heftigster Vorwürfe zu machen. Seit 1945 existiert in Frankreich ein Gesetz, das Solidarität bestraft. Wer illegalen Migranten die Handykarte auflädt, eine Mitfahrgelegenheit bietet, kurz: den Aufenthalt erleichtert, kann zu fünf Jahren Haft verurteilt werden.

Im „Dschungel von Calais“ hausen die Flüchtlinge in Büschen nahe der Hafenzone. Ohne Versorgung und Hygiene. Stattdessen brutale Übergriffe einer Polizei, die jede Art von Hilfe unterbindet. Und Kontrolleure, die LKWs mit Detektoren auf Migranten untersuchen. „Ich habe den Eindruck, wir befinden uns im Jahr 1943 und wir haben einen Juden im Keller versteckt“, sagte Philippe Lioret, nachdem er die Grenzanlagen gesehen hatte.

Das missfiel. Vor allem Eric Besson. Der Minister für Immigration empörte sich, versprach aber dann, die Zustände in Calais zu ändern. Und tat es. Im September ließ er das Lager räumen und hunderte Flüchtlinge festnehmen. Um anschließend die Journalisten mit den Worten zu empfangen: „Beinahe hätte ich welcome gesagt.“ Lioret gilt als besonnen. Filme wie „Die Frau des Leuchtturmwärters“ oder „Keine Sorge, mir geht’s gut“ bestechen durch dieselbe Sensibilität, die „Welcome“ besonders macht. Dass ein Film, so leise und schlicht, eine so wichtige Debatte auslösten kann: ein kleines Wunder. Annabelle Seubert

Hackesche Höfe (OmU), Kant, Passage

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