Film : Die kleinen Gauner

Der Brite Ben Hopkins reist mit "Pazar – Der Markt“ in den Osten Anatoliens und kam mit einem Film über das Geschäft mit dem Mobiltelefon zurück.

Daniela Sannwald

Ohne geht nicht: Dass es tatsächlich einmal eine Zeit gegeben haben soll, in der man nicht überall und jederzeit telefonieren konnte, ist aus heutiger Sicht undenkbar, besonders in der Türkei. Das Handy scheint dort ebenso verbreitet zu sein wie das Teeglas, und es verwundert nicht, dass die beiden Gebrauchsgegenstände in Konkurrenz zueinander stehen: Wo man sich hinsetzt, um miteinander Tee zu trinken, wird das Telefonieren überflüssig. Beim Tee werden Beziehungen gepflegt und Vereinbarungen getroffen. Wer Tee trinkt, hat Zeit; und immer noch ist in der Türkei Zeit mehr wert als Geld, jedenfalls auf dem Land.

Der Brite Ben Hopkins hat einen Film über das Geschäft mit dem Mobiltelefon gedreht und sehr viel Tee getrunken mit Beamten im äußersten Osten Anatoliens. Das Ergebnis rechtfertigt den Aufwand: "Pazar" ist ein vergnüglicher Film über den Schwarzmarkt an der aserbaidschanisch-türkischen Grenze - eine wahrscheinlich zum ersten Mal im Spielfilm gezeigte Region -, in dem es ums kleine, schnelle Geschäft geht, das allemal den Regeln des großen unterworfen ist.

Mihram ist ein fahrender Händler: Im roten Pick-up klappert er Dörfer und Kleinstädte ab, treibt sich auf Märkten herum und nimmt Bestellungen auf. Von Zigaretten bis zum Mikroskop kann er alles beschaffen; seine Kunden wissen das. Wenn in der Anfangsszene ein Kleinst fabrikant zähneknirschend das gleiche Telefonkabel von Mihram zurückkauft, das ihm vor einigen Wochen gestohlen wurde, weiß man bereits um einige Geschäftsprinzipien in dieser Handelszone. Mihram ist es wichtig, die bestellten Waren aufzutreiben; über seine Lieferanten schweigt er lieber. Und wenn doch einer nachfragt, so antwortet er, versonnen lächelnd: "Woher nimmt der Mond sein Licht?" Heimlich träumt Mihram davon, Ladenbesitzer zu werden und ins große Geschäft mit den Mobiltelefonen einzusteigen, das in der Türkei - der Film spielt 1994 - gerade anfängt. Tayanç Ayaydin bekam beim Filmfest von Locarno zu Recht den Preis für den besten Hauptdarsteller.

500 Schauspieler sprachen vor

Als eine Ärztin Mihram bittet, Impfstoff für Kinder aufzutreiben, weil aus ihren Beständen welcher gestohlen wurde, wittert Mihram seine Chance: Mit dem Geld, das ihm die Ärztin anvertraut, kann er die 500 Dollar für die Lizenz zum Handy handel bezahlen und, wenn er günstig einkauft, die Medizin noch dazu. Mihram fährt über die Grenze nach Aserbaidschan, wo er seinen alten Onkel aufliest. Zusammen erleben sie allerlei Abenteuer, bis Mihram den Impfstoff schließlich "findet" - dies der umgangssprachliche Terminus für nicht ganz durchschaubare Beschaffungsvorgänge. Am Schluss sind alle glücklich - Mihrams Frau, der Onkel, die Ärztin, die Mafiosi -, nur Mihram muss sich mit Allah und seinem Gewissen aus ein ander setzen. Doch dürfte ihm das auf lange Sicht gelingen, denn "Geschäft ist Geschäft".

Die nicht besonders spektakuläre Geschichte ist aber nicht die Hauptsache in diesem ungewöhnlichen Film über den globalen Kapitalismus: Vielmehr sind es die bizarren, kargen Winterlandschaften in der Weite Anatoliens, die bescheidenen Dörfer, die kargen Interieurs; und es ist vor allem die souveräne Beiläufigkeit der Darsteller, die noch in den kleinsten Nebenrollen authentisch wirken und bei aller Komik auch Bitterkeit zulassen.

Um sie zu finden, hat Ben Hopkins drei Jahre in Istanbul und den osttürkischen Städten Van und Diyarbakir 500 Schauspieler vorsprechen lassen: "Das Problem hier ist, dass die meisten Schauspieler ihr Geld mit Fernsehserien verdienen, da spielen sie leicht erkennbare Typen. Darin sind sie gut, aber sie können kaum kompliziertere Figuren aufbauen. Beim Fernsehen kriegen sie ihren Text erst während des Drehs; es gibt jemanden hinter der Kamera, der ihn flüstert, und dann müssen sie ihn wiederholen. Sie fanden es gut, dass wir viel Zeit hatten, Verschiedenes auszuprobieren."

Viel Geduld hat er, der britische Regisseur, der sieben Sprachen spricht und sich weniger als Engländer denn als Londoner begreift, oder noch besser: als Weltbürger. "Ich bin immer viel gereist", sagt er beim Festival in Antalya, wo seine deutsch-britisch-kasachisch-türkische Koproduktion im nationalen Wettbewerb überraschend mit dem Hauptpreis ausgezeichnet wurde. "Ich bin wie ein romantischer Wanderer des deutschen 19. Jahrhunderts." In der Türkei aber habe er sich immer am meisten zu Hause gefühlt. Inzwischen lebt er in Berlin und hofft, auch hier einmal einen Film drehen zu können. "Ich habe Zeit", sagt er lächelnd, ignoriert das Klingeln seines Handys und bestellt noch einen Tee.

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