Film : Die Unzerbrechlichen

Reifer Recke: Sylvester Stallone setzt sich in „The Expendables“ ein selbstironisches Denkmal.

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Abhängen ist alles. Ober-Söldner Barney Ross (Sylvester Stallone) in Aktion.
Abhängen ist alles. Ober-Söldner Barney Ross (Sylvester Stallone) in Aktion.Foto: Fox

Ein Frachtschiff dümpelt vor der Küste Ostafrikas, an Bord wird die verängstigte Besatzung von schwer bewaffneten Geiselnehmern in den Laderaum gescheucht. Da tuckert im Schutz der Dunkelheit ein Schlauchboot mit schwarz uniformierten Gestalten heran …

Man kennt diese Art von Befreiungsaktionen aus einer ganzen Reihe von Actionfilmen, und selten gehen sie für die Bösewichter gut aus. Dennoch ist die ins Comichafte überzeichnete Gewaltorgie, mit der die titelgebende Söldnertruppe in Sylvester Stallones achter Regiearbeit „The Expendables“ vorgestellt wird, durchaus frappierend: Die Schiffsentführer wollen die Geiseln nicht freilassen, obwohl ein halbes Dutzend rote Laserzielpunkte auf sie gerichtet sind? Null Problemo, dann kleben sie eben als Piratenpüree an der Bordwand. Nur mit der exempelstatuierend grausamen Aufknüpfung eines der renitenten Geiselnehmer seitens des besonders gewaltbereiten Gunnar (Dolph Lundgren) mögen sich die minimal skrupulöseren Kollegen nicht anfreunden.

Auf den ersten Blick könnte man „The Expendables“ (Die Entbehrlichen) für direkte Nachfahren der reaktionären amerikanischen Kinohelden der Reagan-Ära halten: Stallones Vietnam-Veteran John Rambo, Schwarzeneggers „Predator“Dschungelkämpfer und Bruce Willis’ „Die Hard“-Cop hatten das ungeschriebene Gesetz der vermeintlich gerechten Sache stets auf ihrer Seite und kümmerten sich bei ihren Privatfeldzügen einen Dreck um die Verhältnismäßigkeit der angewandten Mittel. Analog dazu gehen auch hier die gedungenen Kampfmaschinen ohne moralische oder völkerrechtliche Bedenken und mit den größtmöglichen Feuerwaffen zu Werke, wenn sie die – gefühlte – Hälfte der männlichen Bevölkerung einer fiktiven Karibikinsel eliminieren, um den dortigen Drogenanbau-Bauernquäler-Operettendiktator aus dem Weg zu räumen.

Dass die grenzwertig brutale Mischung aus knochenzersplitternden Mann-gegen-Mann-Kämpfen und pyrotechnischem Dauergeballer mit maximalem Bodycount dennoch eine eigene grelle Komik besitzt, liegt nicht zuletzt an der betont selbstironischen Inszenierung der altersmüden Recken. Diese werden – mit Ausnahme des 37-jährigen Jason Statham – durchweg von Schauspielern verkörpert, die bereits in den Achtzigern und Neunzigern des vergangenen Jahrhunderts und meist im Action- und Martial-Arts-Genre ihre Karrierehöhepunkte hatten. Und inzwischen entsprechend abenteuerliche Gesichtslandschaften zur Schau tragen. Neben Stallone selbst und seinem alten „Rocky“-Prügelknaben Dolph Lundgren halten noch Mickey Rourke, Randy Couture, Jet Li und etliche Protagonisten aus der zweiten Actionfilmliga ihre zerfurchten Visagen und von Adern durchzogenen Bizepse in die Kamera. Zudem gibt es ein wunderbares Cameo-Gipfeltreffen von Stallone mit seinen Kinokassen-Widersachern Willis und Schwarzenegger.

Erstaunlich zwar, aber die Abwesenheit von darstellerischer Raffinesse stört keineswegs. Gerade die hüftsteife Dynamik der Actionszenen, die maulfaulen Dialoge, der mimische Minimalismus aller Beteiligten erzeugen eine Grundstimmung des Authentischen, die nicht nur die retardierenden Momente des Films gut trägt, sondern auch den grotesk überzogenen Kampfsequenzen eine erdige Restglaubwürdigkeit verleiht. In gewisser Weise ist dies Stallones Tarantino-Moment: ein cooles, bluttriefendes, sich selbst überhöhendes und zugleich dekonstruierendes Machwerk mit reichem cineastischen Zitatapparat.

Trotz der in den USA beachtlichen Einspielergebnisse ist kaum zu befürchten, dass „The Expandables“ eine Renaissance des Söldnerfilm-Genres einleiten wird, dessen grottenschlechte Massenware im Gefolge von Klassikern wie „Die Wildgänse kommen“ oder „Das dreckige Dutzend“ vor Jahrzehnten in den Ramschregalen der Videotheken verschwunden ist. Doch in Zeiten, in denen sich Actionfilme immer mehr von der naturgesetzlichen Plausibilität ihrer Protagonisten lösen, trifft Stallones altmodisches Körperkino einen Nerv und funktioniert als singulärer Brachialspaß mit Risiken und Nebenwirkungen ganz hervorragend.

In 19 Berliner Kinos, Originalversion im Cinestar SonyCenter

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