Film : Du selbst bist dein Feind

Gegenentwurf zum "Tatort"-Prinzip: Matthias Glasners Psychodrama "This Is Love"

Jan Schulz-Ojala

Matthias Glasner ist nicht zuletzt deshalb einer der wenigen wirklich bemerkenswerten deutschen Regisseure, weil er keine halben Sachen macht. Mit einigen verrückt farbsüchtigen und reichlich verkoksten Kinostücken („Die Mediocren“, „Fandango“) hat er in den neunziger Jahren angefangen und nach Jahren in der normierten Krimiwelt des Fernsehens hat er sich mit seinem Berlinale-Beitrag „Der freie Wille“ 2006 massiv auf der großen Leinwand zurückgemeldet. Für sein Porträt eines Serienvergewaltigers mit Jürgen Vogel in der Hauptrolle hatte er jahrelang skrupulös recherchiert – um am Ende seiner tätermitfühlenden Fantasie freien Lauf zu lassen. Die dramatische Selbstentleibung des rückfälligen Triebtäters in den Armen seiner Rotz und Wasser heulenden Geliebten entzweite Kritik und Publikum.

In „This Is Love“ steht erneut ein Mann im Mittelpunkt, der mit seiner Sexualität nicht fertig wird. Doch statt der im Kraftraum gestählten Geschlechterkampfmaschine tritt mit Chris (Jens Albinus) ein verdruckster Typ auf den Plan, der seine ganze Lebensenergie dafür aufwenden muss, die pädophilen Neigungen niederzuhalten. Diesen Temperamentsdämpfer kompensiert der Regisseur und Drehbuchautor durch ein Personal reichlich kaputter Figuren, die dem Film vom Start weg jeglichen – von Glasner ohnehin gegeißelten – „deutschen Küchenrealismus“ entziehen. Geschickt scheut „This Is Love“ den Realitäts-Check, der dem Vorgängerfilm den Garaus gemacht hatte, indem er seine zwischen Alkoholübermaß und Nahrungsentzug halluzinierenden Antihelden stets in extrem inszenierten Räumen zusammenführt. Innen statt Außen, Wahrhaftigkeit statt Wahrscheinlichkeit: Dieses radikale ästhetische Prinzip bringt ein starkes Stück Kino hervor, das schließlich doch wieder nur das eigene Gewinde überdreht.

Chris und sein höchst vitaler Kumpel Holger (Jürgen Vogel) sind so etwas wie karitative Menschenhändler: Gemeinsam kaufen sie aus den Bordellen von Saigon Kinder frei, um sie mit Gewinn an adoptionswillige Deutsche weiterzuverkaufen. Als der Deal für die neunjährige Jenjira (Lisa Nguyen) in Deutschland platzt, ist Chris, der das Kind als seine Tochter ausgibt, gezwungen, den schillernden Beschützerimpuls auf die Probe zu stellen: Ist es Liebe? Ja, es ist Liebe, sagt der Film, programmatisch bis in seinen Titel hinein. Und es ist, suggeriert der Film, eine respektable Liebe, so lange Chris – anders als Holger, der irgendwann die Professionalität Jenjiras in Anspruch nimmt – seine Grenzüberschreitungsimpulse auch gegen Jenjiras Erleichterungsbereitschaft niederhält. Aus dieser prekären Schwebe, gehalten vielleicht nicht eben in kriminalistischer, aber emotionaler Präzision, bezieht „This Is Love“ seine Spannung.

Noch deutlicher wird der Gegenentwurf zum „Tatort“-Prinzip im Psychogramm des Kommissarenpaars Maggie (Corinna Harfouch) und Roland (Devid Striesow). Maggie, die sich vom wortlosen Abschied ihres Mannes vor 16 Jahren nicht erholt hat, ist eine hemmungslose Alkoholikerin, die ihre Räusche schon mal anderntags beim Verhör in surreal verkommenen, gekachelten Behördenräumen ausschläft; ihr scheinbar vernünftiger Kollege, dessen Macke in einer arg plötzlichen Szene offenbar wird, funktioniert auch nur auf Autopilot. Ausgerechnet die Säuferin Maggie muss den Fall des schweigsamen Hungerstreikers Chris übernehmen, in dessen Wohnung ein Toter gefunden wurde und dessen Schützling Jenjira verschwunden ist. Natürlich knackt Maggie diesen Chris, indem sie selber fast zerbricht – und das ist dann vielleicht kein Küchenrealismus, doch eine Wendung aus dem Kino-Drehbuchregal.

Fantastisch fotografiert (Sonja Rom) und ausgezeichnet besetzt, vor allem Harfouch imponiert in der Rolle der dauertaumelnden Trinkerin, funktioniert „This Is Love“ über weite Strecken als radikale menschliche Nachtseitenstudie. Geradezu buddhistische – und notwendig komplementäre – Ruhe verkörpert darin die elfjährige Berlinerin Lisa Nguyen als sanfter Unschuldsgeist, mal grell geschminkt, mal ganz Kind. Im letzten, eigentlich versöhnlichen Bild aber, Matthias Glasner hat es mit den letzten Bildern, mutet der Film aus brachialer Liebe zu seiner tragischen Hauptfigur der kleinen Jenjira ein Verhalten zu, das sich gegen den Lebenswillen selbst richtet. Mancher Frieden geht nicht auf, nicht mal im Kino.

Central, Cinemaxx Potsdamer Platz, Filmtheater Friedrichshain, Kino in der Kulturbrauerei, Neue Kant-Kinos, Neues Off, Zoo-Palast

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